Die Europäische Union will ihre Schlüsselindustrien stärken und öffentliche Fördermittel künftig stärker an europäische Wertschöpfung knüpfen. Die Hersteller von Ladeinfrastruktur könnten dabei jedoch weitgehend unberücksichtigt bleiben. In der Branche wächst die Sorge, dass chinesische Wettbewerber dadurch noch leichter Marktanteile gewinnen könnten. Dem Vernehmen nach formieren sich bereits mehrere große europäische Hersteller, um auf Änderungen zu drängen.
Mit dem im März vorgestellten Industrial Accelerator Act (IAA) verfolgt die EU-Kommission das Ziel, die industrielle Produktion in Europa zu stärken und Abhängigkeiten von Drittstaaten zu verringern. Bei öffentlich beschafften oder staatlich geförderten Elektroautos sieht der bisherige Entwurf deshalb unter anderem eine Endmontage in der EU und einen europäischen Wertschöpfungsanteil von mindestens 70 Prozent bei den Fahrzeugkomponenten vor, wobei die Traktionsbatterie gesondert betrachtet wird.
Für die Hersteller von Ladestationen enthält der Entwurf hingegen keine vergleichbaren Vorgaben. Zwar berücksichtigt der bereits geltende Net-Zero Industry Act auch Ladeinfrastruktur und sieht bestimmte Nachhaltigkeits- und Resilienzkriterien bei öffentlichen Ausschreibungen vor. Eine allgemeine Mindestquote für europäische Wertschöpfung bei geförderter Ladehardware ergibt sich daraus jedoch nicht.
Damit könnte ein erheblicher Teil der europäischen Fördermittel für den Ausbau der Ladeinfrastruktur letztlich bei außereuropäischen Herstellern landen, während die EU gleichzeitig die heimische Automobilproduktion gezielt unterstützen möchte.
Chinesische Hersteller drängen nach Europa
Besonders deutlich wird die Herausforderung am Beispiel BYD. Der chinesische Konzern will laut CarNewsChina bis Ende 2027 rund 3000 seiner leistungsstarken Flash-Charger in Europa installieren. Die Anlagen ermöglichen Ladeleistungen von bis zu 1500 kW je Anschluss und werden mit stationären Batteriespeichern kombiniert.
BYD baut damit nicht nur seine Präsenz als Automobilhersteller aus, sondern schafft zugleich ein eigenes Ladenetz. Der Konzern profitiert dabei von der engen Verzahnung seiner Batterie-, Fahrzeug- und Ladetechnikentwicklung. Allerdings handelt es sich bei den angekündigten Standorten zunächst um einen eigenfinanzierten Netzausbau und nicht um nachgewiesene öffentlich geförderte Projekte.
Andere chinesische Anbieter sind bereits im europäischen Markt aktiv. So stehen beispielsweise mehrere Schnellladesysteme des chinesischen Herstellers Autel auf der offiziellen deutschen Liste förderfähiger Ladeeinrichtungen für schwere Nutzfahrzeuge. Das belegt zwar noch keine tatsächliche Auszahlung von Fördermitteln, zeigt aber, dass chinesische Ladetechnik grundsätzlich auch bei entsprechenden geförderten Projekten eingesetzt werden kann.
Europas Ladeindustrie steht ohnehin unter Druck
Für die europäischen Hersteller kommt diese Entwicklung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Nach Jahren des schnellen Wachstums kämpfen zahlreiche Anbieter inzwischen mit zurückhaltenden Investitionen von Ladeparkbetreibern, wachsendem Preiswettbewerb und teilweise erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Der niederländische Ladegerätehersteller Alfen musste im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatzrückgang von 17,4 Prozent in seiner Ladesparte hinnehmen. Der finnische Schnellladespezialist Kempower berichtete für das zweite Quartal von einem Rückgang neu installierter öffentlicher DC-Schnellladetechnik in Europa um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr und kündigte weitere Kostensenkungen an. Viele kleinere Anbieter von Ladeinfrastruktur kämpfen schon seit Jahren ums Überleben, einige haben den Kampf bereits verloren.
Zwar wächst der langfristige Bedarf an Ladeinfrastruktur mit der zunehmenden Elektrifizierung des Verkehrs weiter. Kurzfristig aber erschweren der Preisdruck und die vorsichtigere Investitionstätigkeit den Herstellern die Finanzierung neuer Produkte und Produktionskapazitäten.
Sollten künftig verstärkt kostengünstigere Anbieter aus China europäische Ausschreibungen gewinnen, könnte sich dieser Druck weiter verschärfen. Gerade Unternehmen, die in Europa entwickeln, produzieren und qualifizierte Fachkräfte beschäftigen, müssen ihre höheren Standortkosten über entsprechende Umsätze finanzieren. Dies dürfte zu einer weiteren Marktbereinigung führen.
Ein zunehmender Verlust von Marktanteilen könnte nicht nur zu weiteren Stellenstreichungen und Standortschließungen führen. Mittelfristig droht auch eine Verlagerung von Forschung, Entwicklung und Produktion. Damit könnte Europa ausgerechnet bei einer Schlüsseltechnologie der Verkehrswende stärker von außereuropäischen Lieferanten abhängig werden. Die Branche könnte sich dadurch ähnlich entwickeln wie andere Industriezweige, in denen europäische Unternehmen technologisch zunächst führend waren, die Massenproduktion später aber zunehmend nach Asien abwanderte.
Hersteller wollen Nachbesserungen erreichen
Wie am Rande des e4 Testivals am Hockenheimring zu hören war, formieren sich deshalb mehrere große europäische Ladegerätehersteller, um bei der weiteren Ausgestaltung des Industrial Accelerator Act auf Änderungen zu drängen. Im Mittelpunkt dürfte die Forderung stehen, auch bei öffentlich geförderter Ladeinfrastruktur stärker auf europäische Wertschöpfung zu achten.
Dabei geht es nicht um einen generellen Ausschluss chinesischer Produkte. Doch verbindliche Herkunftsquoten, eine stärkere Berücksichtigung europäischer Produktionsstandorte oder zusätzliche Kriterien für Versorgungssicherheit und langfristige Wartung könnten die Wettbewerbsbedingungen zugunsten der europäischen Hersteller verändern.
Allerdings könnten solche Vorgaben Ladeinfrastrukturprojekte verteuern und schlimmstenfalls den Ausbau verlangsamen, wenn günstigere Alternativen nicht mehr berücksichtigt werden dürfen. Entscheidend wäre deshalb, wie entsprechende Regelungen ausgestaltet werden.
Noch befindet sich der Industrial Accelerator Act im europäischen Gesetzgebungsverfahren. Damit besteht grundsätzlich weiterhin die Möglichkeit, die Interessen der Ladegerätehersteller stärker zu berücksichtigen. Bleibt es bei den bisherigen Vorgaben, könnte Europa zwar den Ausbau der Elektromobilität mit öffentlichen Mitteln vorantreiben, dabei aber einen wachsenden Teil der dafür benötigten Technik aus Drittstaaten beziehen.
Quelle: Europäische Kommission – Industrial Accelerator Act: Vorschlag vom 4. März 2026








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