Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) will das für 2035 vorgesehene weitgehende Ende neuer Autos mit Verbrennungsmotor in der EU kippen. In einem Interview mit der Welt bezeichnete er die bisherige europäische Regelung als politischen Irrweg. Gleichzeitig räumt der Minister allerdings ein, dass sich Elektroautos zunehmend aus eigener Kraft am Markt durchsetzen – und liefert damit selbst Argumente dafür, dass die politische Debatte um den Verbrenner im kommenden Jahrzehnt erheblich an Bedeutung verlieren dürfte.
„Das Verbrennerverbot war ein großer Fehler“, sagte Bilger der Welt mit Blick auf die bisherige EU-Regelung. Nach seinen Angaben sei sich die Bundesregierung einig, sich in Brüssel für deren Rücknahme einzusetzen. Unterstützung sieht der CDU-Politiker unter anderem bei Gewerkschaften, Betriebsräten und Verkehrsministern anderer europäischer Staaten. Deutschland müsse weiterhin Autos mit unterschiedlichen Antrieben für den Weltmarkt produzieren können, argumentiert er.
Auch den inzwischen von der EU-Kommission diskutierten Kompromiss, den CO₂-Ausstoß neuer Pkw ab 2035 statt um 100 nur noch um 90 Prozent gegenüber dem Referenzwert zu senken, hält Bilger demnach nicht für ausreichend. Innerhalb der Europäischen Volkspartei werde nach seinen Worten auch über eine Reduktion um lediglich 80 Prozent gesprochen. Die Bundesregierung wolle gemeinsam mit Frankreich nach einer Lösung suchen, die der Automobilindustrie Planungssicherheit verschaffe.
Kaufprämie soll spätestens 2029 auslaufen
Auffällig ist allerdings, dass Bilger wenige Antworten zuvor selbst ein deutlich optimistischeres Bild der Elektromobilität zeichnet. „E-Autos sind absolut marktfähig“, stellt der Verkehrsminister gegenüber der Welt fest. Eine Fortsetzung der aktuellen Kaufprämie über das Jahr 2029 hinaus hält er deshalb nicht für erforderlich. Noch deutlicher wird er beim Markthochlauf: „Den Hochlauf gibt es unabhängig von Prämie und Spritpreisen.“ Beide Faktoren würden die Entwicklung derzeit lediglich zusätzlich beschleunigen.
Damit beschreibt Bilger selbst, warum die hitzige politische Debatte über das Jahr 2035 möglicherweise schon deutlich vor diesem Datum von der Marktentwicklung überholt sein wird. In Deutschland wurden allein im September 2026 88.599 reine Elektroautos neu zugelassen. Das waren 95 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Mit 34,5 Prozent Marktanteil lagen E-Autos deutlich vor Benzinern mit 17,4 Prozent und Dieseln mit 9,0 Prozent. Benziner und Diesel kamen zusammen nur noch auf 26,4 Prozent. Seit Jahresbeginn wurden bereits gut 604.000 reine Elektroautos neu zugelassen, 58 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Auch europaweit zeigt die Kurve inzwischen klar in Richtung Elektro. In den ersten acht Monaten 2026 erreichten batterieelektrische Autos in der EU einen Marktanteil von 21,7 Prozent, nach 15,8 Prozent im Vorjahreszeitraum. In Deutschland stiegen die Elektroauto-Neuzulassungen in diesem Zeitraum laut ACEA um 53,1 Prozent. Gleichzeitig brachen die Zulassungen von Benzinern EU-weit um 18,6 Prozent ein, ebenso jene von Dieselautos. Benziner und Diesel kamen zusammen nur noch auf 29 Prozent des Marktes, ein Jahr zuvor waren es 37,5 Prozent gewesen.
Thema erledigt sich zunehmend von alleine
Hinzu kommt, dass einer der bislang größten Nachteile des Elektroautos schrittweise kleiner wird: der Kaufpreis. Nach einer aktuellen Analyse von Transport & Environment dürfte sich der Absatz von Elektroautos mit Einstiegspreisen unter 25.000 Euro im Jahr 2026 gegenüber 2024 versiebenfachen. Bereits 2025 war der durchschnittliche Preis eines Elektroautos in der EU um 1800 Euro beziehungsweise vier Prozent gesunken.
Auch bei den laufenden Kosten spricht vieles für den elektrischen Antrieb. Gerade wer günstig zu Hause, mit Photovoltaik oder zu niedrigen Tarifen laden kann, kann gegenüber Benzin und Diesel erheblich sparen – einen Kostenvorteil, den auch Bilger im Welt-Interview ausdrücklich anerkennt. Bei hohen Fahrleistungen wird dieser Unterschied besonders relevant. Die sinkenden Batteriepreise, immer größere Modellvielfalt und steigende Stückzahlen dürften den Abstand bis 2035 weiter vergrößern. Doch auch ohne die Vorzüge eines Eigenheims mehren sich die Argumente für ein E-Auto.
Genau deshalb wirkt die politische Fixierung auf das sogenannte Verbrennerverbot zunehmend rückwärtsgewandt. Entscheidend wird am Ende weniger sein, ob Brüssel 80, 90 oder 100 Prozent CO₂-Minderung vorschreibt. Wenn Elektroautos in Anschaffung und Betrieb günstiger werden, gleichzeitig Reichweiten und Ladegeschwindigkeiten weiter steigen und das Ladenetz dichter wird, erledigt der Markt einen großen Teil dieser Diskussion von selbst.
Spätestens 2035 dürfte die Frage für die meisten Neuwagenkäufer kaum noch lauten, ob sie einen Verbrenner kaufen dürfen – sondern warum sie wirtschaftlich überhaupt noch einen kaufen sollten. Wer Gesamtkosten, Energiepreise und technische Entwicklung nüchtern gegeneinander rechnet, dürfte dann nur noch in wenigen Sonderfällen beim Verbrennungsmotor landen. Bilgers eigenes Urteil, Elektroautos seien bereits heute marktfähig, deutet darauf hin, dass auch der Verkehrsminister diese Entwicklung grundsätzlich erkannt hat.
Quelle: Welt – Verkehrsminister Bilger: „Das Verbrennerverbot war ein großer Fehler“








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