Was zum Brand auf dem Autofrachter „Morning Midas“ bekannt ist

Was zum Brand auf dem Autofrachter „Morning Midas“ bekannt ist
Copyright:

Eines der ersten Bilder der Einsatzkräfte, nachdem sie erstmals das brennende Schiff erreicht hatten. Nun ist es gesunken / U.S. Coast Guard District 17

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Im Nordpazifik, etwa 500 Kilometer von Alaska entfernt, ist der Autofrachter „Morning Midas“ in Brand geraten. Unter den mehr als 3000 Fahrzeugen waren auch 70 Elektroautos, und so mancher wird sich schon denken können, wie sich dieser Fakt auf die Berichterstattung auswirkt. Genau, sie ist voller voreiliger Schlüsse und teils haarsträubenden Fehlinformationen.

Zunächst zu den Fakten, die die US-Küstenwache veröffentlicht hat: Demnach setzte die Besatzung des gut 180 Meter langen Schiffs bereits am Dienstag gegen 15:15 Uhr Ortszeit einen Notruf ab. Alle 22 Besatzungsmitglieder des unter liberianischer Flagge fahrenden und von Großbritannien verwalteten Frachters verließen das Schiff mit einem Rettungsboot und wurden anschließend von der Besatzung eines herbeigeeilten Containerschiffes aufgenommen. Verletzungen wurden nicht gemeldet.

Informationen der Küstenwache zufolge sind insgesamt 3048 Fahrzeuge an Bord, davon 70 vollelektrische Elektroautos und 681 Hybridautos. Die Morning Midas hat zudem schätzungsweise 350.000 Liter Benzin und 1530 Tonnen sehr schwefelarmes Heizöl (VLSFO) an Bord. Berichten zufolge war das Schiff von Yantai über Shanghai und Nasha in China nach Lazaro Cardenas in Mexico unterwegs. Der Brandherd war zu diesem Zeitpunkt unbekannt, später teilten Besatzungsmitglieder mit, dass sie das Feuer auf jenem Deck entdeckt hätten, auf dem neben den anderen Fahrzeugen auch die Elektroautos verladen waren. Trotz unmittelbar gestarteten Löschversuchen der Crew sei es nicht gelungen, das Feuer unter Kontrolle zu bringen.

Es gebe derzeit keine sichtbaren Anzeichen dafür, dass das Schiff Wasser aufnimmt oder Schlagseite bekommt, das Ausmaß des Schadens ist unbekannt, so die US-Küstenwache. Zodiac Maritime, die Reederei der Morning Midas, koordiniert die Entsendung eines Bergungsteams zum Schiff zur weiteren Untersuchung. Die Küstenwache hat sich dafür entschieden, das Feuer kontrolliert abbrennen zu lassen, da Brände von Elektroautos schwerer zu löschen sind als Brände von Verbrennern. Eine höhere Brandgefahr geht allerdings von E-Autos nicht aus, wie Daten von Versicherern, wissenschaftlichen Untersuchungen und mehreren Feuerwehrverbänden zeigen.

Und dennoch beginnen hier die wilden Spekulationen. Ein deutsches Medium berichtet beispielsweise davon, dass „hunderte Elektroautos“ an Bord seien. Dabei sind es nur 70, kurzerhand aber wurden die Hybridautos auch zu E-Autos umdeklariert. Ein anderes Blatt aus Deutschland schreibt von „leicht brennbaren Lithium-Ionen-Akkus“, eine mehr als unglückliche Formulierung. Wäre dem tatsächlich so, wer würde dann noch ruhigen Gewissens ein Smartphone, Tablet oder Notebook benutzen können? Auch die New York Times schlägt mit „hochentzündlichen Lithium-Ionen-Batterien“ in diese Kerbe.

Auffällig ist auch, dass die meisten Medien die Elektroautos in ihren Überschriften explizit erwähnen, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Ladung ausmachen, etwa 2 Prozent der Fahrzeuge. Andere suggerieren fälschlicherweise sogar, dass ausschließlich E-Autos an Bord sein sollen. The Register geht sogar soweit, die E-Autos schon im Titel als Brandursache zu nennen – obwohl es hierzu bislang keinerlei gesicherte Erkenntnisse gibt.

Erinnerungen an die „Fremantle Highway“ werden wach

Das Feuer auf der „Morning Midas“ erinnert stark an den Brand auf dem Autofrachter „Fremantle Highway“ im Juli 2023 vor der niederländischen Küste. Auch damals wurden vorschnell die an Bord befindlichen Elektroautos als Ursache für das Feuer ausgemacht. Das hat sich im Nachhinein allerdings nicht bestätigt, die E-Autos befanden sich auf einem der unteren Decks, das vom Feuer nicht erfasst wurde. Nach dem Brand wurde das Schiff in den Hafen von Eemshaven geschleppt – wo alle 498 geladenen E-Autos unbeschadet von Bord surrten.

Quelle: US Coast Guard – Pressemitteilungen vom 04., 05. und 06.06.2025 / The Register – Ship abandoned off Alaska after electric cars on board catch fire / Heise – Brennender Frachter mit hunderten Elektroautos im Nordpazifik komplett evakuiert / Spiegel – Frachter mit Elektroautos vor Alaska in Brand geraten / New York Times – Cargo Ship Carrying Electric Vehicles Burns Off Alaska

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in News

Alles auf Elektro: Wie BMW sein Stammwerk in München neu erfindet

Alles auf Elektro: Wie BMW sein Stammwerk in München neu erfindet

Michael Neißendorfer  —  

Das BMW-Stammwerk in München hat eine umfassende Modernisierung durchlaufen. Schon bald werden dort nur noch Elektroautos produziert.

Jaguar GT: Wie historische Ikonen das E-Auto prägen

Jaguar GT: Wie historische Ikonen das E-Auto prägen

Sebastian Henßler  —  

Jaguar lässt Klassiker wie den XK120 und E-Type in seinen neuen elektrischen GT einfließen. Die Vorstellung des Viertürers ist für September geplant.

Tibber-Daten: Smart Charging federt Strompreisanstieg ab

Tibber-Daten: Smart Charging federt Strompreisanstieg ab

Sebastian Henßler  —  

Eine Tibber-Auswertung zeigt, dass E-Auto-Haushalte mit Smart-Meter und dynamischem Tarif im März trotz steigender Strompreise deutlich weniger zahlten.

Volvo EX30: Neues Basismodell ab 34.990 Euro bestellbar

Volvo EX30: Neues Basismodell ab 34.990 Euro bestellbar

Sebastian Henßler  —  

Volvo senkt den Einstiegspreis des EX30 um 3500 Euro und benennt alle Varianten um. Beim Topmodell P8 AWD electric steigt der Preis jedoch.

VDA: Förderung für Laden in Mietwohnungen reicht nicht

VDA: Förderung für Laden in Mietwohnungen reicht nicht

Sebastian Henßler  —  

Nur ein Viertel der E-Auto-Besitzer:innen wohnt zur Miete. Ein neues Förderprogramm des Bundes soll Lademöglichkeiten an Mehrparteienhäusern verbessern.

Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé überzeugt in Wintertests

Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé überzeugt in Wintertests

Sebastian Henßler  —  

Drei E-Motoren, Torque Vectoring und ein neues Luftfahrwerk: Mercedes-AMG hat das vollelektrische GT 4-Türer Coupé im nordschwedischen Eis erprobt.

408.000 Teslas produziert – 50.000 Autos auf Halde?

408.000 Teslas produziert – 50.000 Autos auf Halde?

Sebastian Henßler  —  

Tesla hat im ersten Quartal 2026 über 408.000 Autos produziert und rund 358.000 ausgeliefert. Die Lücke von 50.000 Einheiten fällt dabei auf.