TCO: Elektro-Lkw profitieren von sinkenden Kosten

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Eine neue Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) hat die zukünftige Kostenentwicklung emissionsfreier Lkw analysiert und dafür Kosten für Schlüsselkomponenten aus mehr als 200 Quellen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass emissionsfreie Lkw von schnell sinkenden Kosten für Batterien und Brennstoffzellen profitieren werden. Dies ermögliche eine schnelle Marktdurchdringung und trage zur Erreichung nationaler und internationaler Klimaziele bei, so das Fraunhofer ISI in einer aktuellen Mitteilung.

Nach heutigem Kenntnisstand seien dabei batterie-elektrische Lkw in den meisten Anwendungsfällen die vielversprechendste und kosteneffizienteste Technologie. Daraus folgen die Empfehlungen für Industrie und Politik, sich schnell auf den Aufbau von Produktionskapazitäten, eines flächendeckenden Ladenetzes inklusive Erweiterungen des Stromnetzes, sowie Regulierungen für emissionsfreie Lkw zu fokussieren.

Die notwendige Verringerung der Treibhausgasemissionen im Straßengüterverkehr erfordert einen schnellen Übergang zu emissionsfreien Lkw. Es ist jedoch aktuell unklar, wie schnell und mit welcher Technologie dieser Übergang vonstattengehen wird. Das verdeutlicht auch die rege Debatte um die Rolle von Elektro-Lkw und Wasserstoff-Lkw, insbesondere im schweren Straßengüterverkehr.

Gleichzeitig benötigen der Infrastrukturausbau, Netzerweiterungen, Anpassungen im Produktportfolio, Vorschriften zur CO2-Regulierung, oder mögliche Subventionen viel Zeit und Geld. Jedoch sollten solche Unsicherheiten weder Maßnahmen noch Investitionsentscheidungen in neue Technologien verzögern, so das Fraunhofer ISI in seiner Mitteilung. Dies führe vor dem Hintergrund begrenzter öffentlicher Budgets zu der Frage der Priorisierung auf vielversprechende Technologien, insbesondere beim Übergang von einer Förderung von Forschung und Entwicklung hin zur Markteinführung, die mit deutlichen höheren Ausgaben einhergeht.

Um die Debatte weiter voranzutreiben, haben Forscher:innen des Fraunhofer ISI in einer Studie, die kürzlich in Nature Energy veröffentlicht wurde, die zukünftige Kostenentwicklung für Schlüsselkomponenten – insbesondere Batterien und Brennstoffzellen – von emissionsfreien Lkw im Detail untersucht. Dazu wurden unterschiedliche Kostenentwicklungen aus der Literatur im Rahmen einer Meta-Analyse herangezogen und im Hinblick auf Robustheit, zeitliche Stabilität und Ambitionsniveau diskutiert. Zuletzt wurden ermittelte Kostenentwicklungen mit Zielkosten für den technologischen Durchbruch gemäß anderer Studien verglichen sowie in eine Gesamtkostenrechnung (TCO) eingebettet, um die Kosten von batterie-elektrischen Lkw und Brennstoffzellen-Lkw gegenüber Diesel-Lkw für die Jahre 2020, 2030 und 2040 zu vergleichen.

Kosten für Batterie- und Brennstoffzellensysteme sinken schneller als erwartet

Die Ergebnisse zeigen, dass die Kosten für Batterie- und Brennstoffzellensysteme für schwere Lkw deutlich schneller sinken werden, als in älteren Studien erwartet. So prognostiziert die Studie, dass Batteriesystemkosten bald unter 200 Euro je kWh fallen werden und in den späten 2040er Jahren auf 100 Euro je kWh sinken könnten. Ebenso werden die Kosten für Brennstoffzellensysteme in den späten 2030er Jahren vermutlich deutlich – auf rund 150 Euro je kW – sinken, wobei Prognosen aufgrund der geringeren kommerziellen Reife und Zweifeln hinsichtlich der Realisierbarkeit von Zielkosten mit größerer Unsicherheit behaftet seien.

Die Autor:innen der Analyse betonen die großen Herausforderungen, um sowohl die hohen Kostensenkungen als auch technischen Fortschritte für beide Technologien schnell und in der Praxis zu realisieren.

Nach heutigen Kenntnisstand stellen batterie-elektrische Lkw mit hoher Sicherheit die vielversprechendste Technologie dar, um mindestens das Kostenniveau von heutigen Diesel-Lkw zu erreichen und es für einige Anwendungsfälle teils sogar deutlich zu unterbieten. Gleichzeitig benötigen sie dafür auch weniger finanzielle Unterstützung als Brennstoffzellen-Lkw, die vermutlich gegen Wasserstoffknappheit und hohe Preise anzukämpfen haben. Neben dem Kostenaspekt profitieren batterie-elektrische Lkw auch von einer schnelleren, großskaligen Verfügbarkeit der Technologie am Markt.

Elektro-Diesel-Wasserstoff-Lkw-Kosten
Nature Energy https://doi.org/10.1038/s41560-024-01531-9 (2024), Creative Commons licence CC BY 4.0

Darüber hinaus zeigen weitere Studien, dass batterie-elektrische Lkw auch technisch – in Bezug auf erforderliche Reichweiten oder die Nutzlast – für die meisten Anwendungsfälle in der Logistik bereits heute geeignet sind. Wasserstoff-Lkw könnten sich hingegen als ergänzende Technologie für schwer elektrifizierbare Bereiche oder Spezialtransporte erweisen, insbesondere dann, wenn Wasserstoff für andere Sektoren in großem Umfang zur Verfügung steht. Daher erscheint eine öffentliche Förderung von Brennstoffzellen-Lkw für Forschung und Entwicklung sowie Erprobungen weiterhin angebracht.

Investitionen in Produktionsanlagen und Ladeinfrastruktur sind notwendig

Steffen Link, Hauptautor der Studie, leitet aus diesen Ergebnissen die folgenden Politik-Empfehlungen ab: „Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass die Kosten für emissionsfreie Lkw erheblich und schneller als erwartet sinken werden. Dies erfordert den schnellen Aufbau von großskaligen Produktionsanlagen, um die Marktdiffusion dieser Fahrzeuge zu fördern. Unsere Analyse und der aktuelle Kenntnisstand zeigen, dass batterie-elektrische Lkw die techno-ökonomische Wettbewerbsfähigkeit mit heutigen Diesel-Lkw für die meisten Anwendungsfälle in absehbarer Zeit erreichen dürften. Die priorisierte Förderung von batterie-elektrischen Lkw stellt somit eine politische No-Regret-Option dar, die Unsicherheiten verringert, begrenzte öffentliche Budgets besser nutzt und richtungsweisend für den Logistikmarkt agiert. Dies ist für einen schnellen Übergang zu emissionsfreien Lkw unerlässlich. Dafür müssen die Stromnetze und Ladeinfrastruktur schnell ausgebaut werden, um Verzögerungen zu vermeiden. Dies erfordert jedoch sofortige Investitionen.

Quelle: Fraunhofer ISI – Pressemitteilung vom 20.06.2024

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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pionierska:

Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Interessant finde ich die reale Performance des eActros wie in der autozeitung.de am 13.10.23 berichtet.

Daniel W.:

Hier eine kleine Liste mit schweren E-Fahrzeugen und deren Verbräuchen:

A) E-Lkws – 120 kWh auf 100 km beim Mercedes eActros, diese basieren auf dem 600-kWh-Akku und der Reichweite von 500 km.

B) E-Busse – 163 kWh auf 100 km bei E-Gelenkbussen und 115 kWh auf 100 km bei 12-Meter-Solo-E-Bussen.

C) E-Müllfahrzeuge 190 kWh auf 100 km.

Bei Bussen verbraucht die Klimatisierung des großen Fahrgastraumes bei vielen Stopps und geringer Fahrleistung viel Energie.

Bei Müllfahrzeugen dürfte das Müllpresswerk bei einer sehr geringen Fahrleistung pro Stunde sehr viel Energie benötigen.

Und hier unten die Quellen dazu in Auszügen:

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Mercedes eActros 600 (2024): Preis/Reichweite
Elektro-Lkw für den Fernverkehr

Dass die versprochene Reichweite von 500 km mit einer Batterieladung im wahrsten Sinne des Wortes kein leeres Versprechen ist, hat Daimler Truck mit einem Prototyp des Mercedes eActros 600 (2024) bereits unter Beweis gestellt. Ein auf rund 40 t beladener E-Actros ist von Stuttgart über den Albaufstieg am Aichelberg, Kufstein und die Brennerautobahn bis nach Bozen in Südtirol gefahren. Die 530 km lange Strecke hat das Entwicklungsfahrzeug laut Hersteller in sieben Stunden ohne Zwischenladen geschafft. Das gelte auch die Heimfahrt – ebenfalls ohne Zwischenladen und mit rund 40 t Gewicht. Das entspricht 1000 km Fahrstrecke mit einem Ladestopp.
(Quelle: autozeitung.de – 13.10.2023)
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Studie: ViriCiti ermittelt echten Energieverbrauch von Elektrobussen

Das Ergebnis: 1,63 kWh/km für die Gelenkbusse, 1,15 kWh/km für die 12-Meter-Solos. Dies sind die durchschnittlichen Verbräuche nach einer zehnmonatigen Datensammlung des niederländischen Telematikunternehmens . Analysiert wurden dabei 79 Solofahrzeuge und 27 Gelenkbusse verschiedener OEM über alle Jahreszeiten hinweg, die in sieben niederländischen Städten aktiv sind und mit dem ViriCiti-Dashboard ausgerüstet sind.
(Quelle: vision-mobility.de – 10.08.2020)
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Die FCC Austria Abfall Service AG hat seit Kurzem den Futuricum Medium Cab Collect 26E im Einsatz.

Das in Himberg stationierte Abfallsammelfahrzeug ist vollelektrisch und sammelt beim Fahren mit One-Pedal-Drive reichlich Rekuperationsenergie.

Die häufigen Stopps kommen dem E-Lkw entgegen, die Nachbarn freuen sich über die leise Fortbewegung. Beim Verbrauch werden 190 kWh auf 100 Kilometer angegeben. Ein Diesel-Lkw als Vergleich schluckt ungefähr 65 Liter im Schnitte, was etwa 650 kWh entsprechen würde. Eine saubere Sache.
(Quelle: flotte.at –
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pionierska:

Woher kommen die 120 kWh pro 100 km in dem Vergleich?

Daniel W.:

E-Lkws sollten vom günstigen Überschussstrom profitieren, damit sich der Mehrpreis schneller rechnet – genauso sollte es auch bei E-Autos sein.

Das Stromnetz müsste ausgebaut werden, damit Millionen von E-Autos in Garagen und auf Firmenparklätzen auch diesen günstigen Strom erhalten.

Für mich ist der kräftige Ausbau von PV- und Windkraftanlangen sowie des Stromnetzes der entscheidende Punkt für den Erfolg bei E-Fahrzeugen.

Johannes:

Hoffentlich ist der Strom für LKWs aufgrund der höheren Auslastung günstiger als bei PKW

Daniel W.eActros 600:

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So prognostiziert die Studie, dass Batteriesystemkosten bald unter 200 Euro je kWh fallen werden und in den späten 2040er Jahren auf 100 Euro je kWh sinken könnten.
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Ich gehe mal davon aus, dass 2 E-Motoren und ein 4-Gang-Getriebe im eActros 600 nicht teuerer sind als ein Dieselmotor mit 12-Gang-Getriebe und umfangreicher Abgasreinigunsganlage, so dass im Grunde nur die Batteriekosten als Mehrkosten beim E-Lkws vorhanden sind.

600 kWh im eActros 600 und 200 Euro je kWh wären demnach E-Lkw-Mehrkosten von 120.000 Euro – in 25 Jahren laut der Studie nur noch 60.000 Euro.

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Rund 30 Liter Diesel auf 100 Kilometer benötigt ein voll beladener 40-Tonnen-Lastwagen.
(Quelle: faz.net – 16.01.2021)
—–

A) Vergleich

E-Lkw eActros 600 rund 120 kWh auf 100 km x 36 (49) Cent/kWh = 43,20 (58,80) Euro

40-Tonner ca. 30 Liter Diesel auf 100 km x 1,65 Euro/Liter = 49,50 Euro

Wird der E-Lkw zu Hausstrompreisen geladen, dann spart er bei 100.000 km (im Jahr) 6.300 Euro zu sparen.

B) Fazit

Bei 1.000.000 km wären es 63.000 Euro, also nur die Hälfte der Mehrkosten eines 600-kWh-Akkupacks.

Bei der Version mit 300 kWh wären die Mehrkosten nach 1.000.000 km zu Hausstrompreisen ausgeglichen.

Mit Ersparnissen bei Wartungskosten und CO-Preis dürften sich auch Langstrecken-E-Lkw rechnen.

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