Das öffentliche Laden in Deutschland ist teuer, intransparent und strukturell zugunsten der Betreiber gebaut. Wer an einer Fremdsäule lädt, zahlt oft ohne zu wissen, welche Margen und Roaming-Aufschläge den Preis in die Höhe treiben. Vor allem, wenn man neu in der Welt der E-Mobilität unterwegs ist. Sören Ziems kennt dieses System von innen: Als Mitgründer des Ladedienstleisters Elvah hat er aufgebaut, was er heute kritisiert. Ende November 2025 ist er aus dem Unternehmen ausgeschieden, das nach eigenen Angaben „beiseitegeräumt“ wurde, kurz bevor Elvah im März erneut Insolvenz anmeldete. Mit dem Kilowatt Collective verfolgt Ziems nun einen anderen Ansatz: keine App, kein Zwischenhändler, sondern ein Zusammenschluss von E-Auto-Fahrer:innen, die gemeinsam bessere Ladekonditionen aushandeln wollen.
Die Idee wurzelt in dem, was Ziems bei Eon von innen gesehen hat, wo Elvah nach der Akquisition als Eon Drive Comfort weitergeführt wurde. „Da sitzen große Unternehmen, die die Mobilitätswende tragen müssten, und sie bringen sie nicht mehr wirklich voran“, sagt er. Seine Schlussfolgerung: „Wenn es von oben nicht kommt, muss es von unten kommen, von den Menschen, die jeden Tag laden.“
Drei Probleme, die Kunden nie sehen
Ziems benennt im Gespräch mit Elektroauto-News Herausgeber Sebastian Henßler drei strukturelle Probleme des Markts, die Privatkunden in der Regel verborgen bleiben. Das erste ist die Auslastungs-Zwickmühle: Betreiber haben in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut, die Nutzungszahlen blieben dahinter zurück. „Hohe Ladepreise sind also nicht nur Gier, sondern zu einem guten Teil ein Symptom unausgelasteter Infrastruktur“, erklärt er.
Das zweite Problem sind Roaming-Kosten und Aufschläge: Wer mit der Karte von Anbieter A an der Säule von Betreiber B lädt, zahlt für denselben Strom je nach Vertrag völlig unterschiedlich, ohne nachvollziehen zu können, warum. „Du siehst nie, woraus sich der Preis zusammensetzt“, so der ehemalige Elvah Co-Founder. Das dritte und entscheidende Strukturproblem: Betreiber suchen planbare, loyale Kundschaft, können sie aber kaum gewinnen, weil zwischen Fahrer und Betreiber fast immer ein Mobility Service Provider sitzt. Genau diese Lücke will das Kollektiv schließen.
Das Ziel formuliert Ziems klar: „Ich will nicht, dass wir in ein paar Jahren immer noch diskutieren müssen, ob ein Elektroauto im Betrieb günstiger ist als ein Verbrenner. Öffentliches Laden muss so transparent und fair werden, dass sich diese Frage gar nicht mehr stellt.“
Aggregierte Nachfrage als Verhandlungsmittel
Das Kilowatt Collective soll eine direkte Verbindung zwischen gebündelter Privatnachfrage und Ladebetreibern herstellen, ohne als weiterer Zwischenhändler zu operieren. Mitglieder melden sich kostenlos und ohne Verpflichtung an und geben dem Kollektiv damit Verhandlungsgewicht. Als Richtwert für ernsthafte Gespräche mit Betreibern nennt Ziems 25.000 Mitglieder. „Das ist die Größe, ab der ich das Kollektiv für einen ernstzunehmenden, relevanten Gesprächspartner halte“, sagt er. Darunter seien erste Gespräche und regionale Pilotkonditionen möglich, breitenwirksame Preisverbesserungen aber erst ab dieser Masse realistisch. „Die 25.000 sind deshalb weniger eine technische Grenze als ein ehrliches Ziel: Erst dann hat das Ganze echtes Gewicht.“
Den stärksten Hebel sieht Ziems nicht beim langsamen AC-Laden in der Fläche, wo einzelne Betreiber laut einer LichtBlick-Analyse lokale Marktanteile von durchschnittlich 72 Prozent halten, sondern beim Schnellladen an Autobahnen und Korridoren. Dort konkurrieren mehrere große Anbieter direkt miteinander. „Tausende Fahrer steuern ihre Nachfrage gemeinsam dorthin, wo die Konditionen am besten sind. Diese Steuerbarkeit der Nachfrage ist im Wettbewerb eine echte Verhandlungsmacht, die der einzelne Fahrer nie hat“, erklärt er.
Beim AC-Laden setzt Ziems dagegen auf das Interesse der Betreiber an besserer Auslastung: Wer Last in Randzeiten verlagert, verbessert seine Wirtschaftlichkeit, was attraktive Off-Peak-Preise ermöglichen würde. „Das ist auch für einen lokalen Marktführer ein gutes Geschäft.“
Die rechtliche Grundlage sieht Ziems in Artikel 5 der EU-Ladeinfrastruktur-Verordnung AFIR. Die Verordnung schreibt zwar vor, dass Preise nichtdiskriminierend sein müssen, erlaubt aber ausdrücklich Differenzierungen, die verhältnismäßig und objektiv gerechtfertigt sind. Gebündelte, planbare Nachfrage sei eine solche sachliche Grundlage, argumentiert er: „Nichts anderes, als was Flotten und Großkunden längst bekommen. Bessere Preise für dieses Volumen wären also keine unzulässige Diskriminierung, sondern eine von der Verordnung ausdrücklich erlaubte, sachlich gerechtfertigte Differenzierung.“
Bewegung gegen intransparente Tarife
Viele operative Fragen lässt Ziems bewusst offen. Wie ausgehandelte Konditionen rechtlich bindend umgesetzt werden, welche Daten von Mitgliedern erhoben werden und welche organisatorische Form das Kollektiv langfristig annimmt: All das soll erst entschieden werden, wenn die kritische Masse erreicht ist. Beim Datenschutz formuliert er das Prinzip Datensparsamkeit. „Nur das, was für eine Verhandlung und die Abrechnung wirklich nötig ist, transparent gegenüber den Mitgliedern, und keinen Deut mehr“, sagt Ziems. Er verweist dabei auf Erfahrungen aus der Elvah-Zeit: „Gerade weil ich weiß, wie sensibel Lade- und Bewegungsdaten sind, ist das für mich kein Nebenthema, sondern Teil des Fundaments.“
Das Finanzierungsmodell bleibt ebenfalls bewusst offen. Kilowatt Collective ist derzeit ein Ein-Mann-Projekt ohne Abo und ohne Mitgliedsbeitrag. Langfristige Fragen zur Tragfähigkeit will Ziems gemeinsam mit den Mitgliedern klären, „wenn klar ist, was es wirklich braucht“. Auch die Wahl des ersten Verhandlungspartners sollen die Mitglieder selbst treffen. „Das entscheide nicht ich vorab in einem Interview“, sagt er. Worauf man dabei schauen würde, benennt Ziems aber: „Wo ist der Win-win am größten, wo hilft gebündelte Nachfrage am meisten bei der Auslastung, und wer ist offen für so ein Modell?“
Zur Frage, ob das Kollektiv eine Antwort auf das Scheitern von Elvah sei, widerspricht Ziems dem Begriff direkt. „Was Elvah getan hat, war erfolgreich. Die Konsequenz, die Elvah erlebt hat, hatte mit der Substanz dessen, was wir gebaut haben, wenig zu tun.“ Die strukturelle Lehre, die er mitnimmt, ist eine andere: „Wer als Unternehmen zwischen Kunde und Betreiber sitzt, ist angreifbar und am Ende von Margen und Marktmacht abhängig.“ Diesmal baut er deshalb auf der Nachfrageseite selbst. „Gleiche Mission, anderer Hebel.“
Gestartet ist das Kollektiv vor weniger als einer Woche. Die ersten 100 Mitglieder sind bereits aktiv und gestalten über einen Gründungs-Chat mit. Der nächste Meilenstein liegt bei 1000, das erklärte Ziel bei 25.000.









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