Jahrelang galt die Festkörperbatterie als eine Art Wunderwaffe für das künftige Elektroauto: deutlich höhere Energiedichte, mehr Reichweite, schnelleres Laden und eine nochmals höhere Sicherheit. Doch je näher die Technologie dem Einsatz im Auto kommen soll, desto zurückhaltender werden ausgerechnet einige der größten Batterie- und Elektroautohersteller. Jüngstes Beispiel ist Li Auto. Die Frage drängt sich deshalb auf: Steht die Festkörperbatterie vor dem Scheitern – zumindest an den gewaltigen Erwartungen?
Wie die Automobilwoche berichtet, arbeitet der chinesische Elektroautohersteller Li Auto an mehreren Projekten rund um Festkörperbatterien. Für kleinere Stückzahlen in Fahrzeugen könnte die Technik demnach bereits 2027 oder 2028 bereit sein. Von einer ausgereiften Massenproduktion ist das allerdings weit entfernt. Li-Auto-Batteriechef Liu Zhimin geht davon aus, dass es bis dahin noch etwa fünf Jahre dauern könnte. Als wesentliche Herausforderungen nennt er Lebensdauer, Ladeperformance und Kosten.
Das ist eine beachtlich nüchterne Einschätzung. Schließlich befindet sich Li Auto nicht erst am Anfang der Entwicklung. Der Hersteller arbeitet seit 2020 an eigenen Batteriezellen und hat Festkörper-Prototypen bereits in anderen Anwendungen getestet. Dennoch dürfte eine wirklich breite Verwendung in Autos nach heutigem Stand eher in Richtung 2032 als 2027 gehen.
CATL: Festkörperbatterie ist kein „Heiliger Gral“
Ähnlich zurückhaltend äußert sich CATL. Der weltgrößte Hersteller von Elektroauto-Batterien erwartet eine Kommerzialisierung im großen Maßstab ebenfalls nicht vor 2030. Konzernchef Robin Zeng hält selbst eine Million Fahrzeuge mit Festkörperbatterien bis dahin für äußerst unwahrscheinlich. Die Technik befinde sich auf einer neunstufigen Reifeskala derzeit erst auf Stufe vier.
Zeng formulierte es zuletzt noch deutlicher: Festkörperbatterien seien „nicht der Heilige Gral, den alle sich vorstellen“. Zunächst dürfte sich die teure Technik seiner Einschätzung nach allenfalls für höherpreisige Elektroautos eignen. Gleichzeitig entwickelt CATL bestehende Zellchemien mit hohem Tempo weiter – von besonders schnellladefähigen LFP-Zellen bis hin zu Natrium-Ionen-Batterien.
Ähnlich sieht es BYD. Zwar will der chinesische Konzern bereits 2027 erste Fahrzeuge mit Festkörperbatterien erproben und anschließend schrittweise größere Stückzahlen erreichen. Eine breite Kommerzialisierung erwartet aber auch BYD erst um oder nach 2030. Zu den Hürden zählen hohe Produktionskosten, schwierige Fertigungsprozesse und noch nicht ausreichend hohe Ausbeuten.
BYD-Chefwissenschaftler Lian Yubo hatte zudem ausdrücklich davor gewarnt, die Technologie als künftige Universallösung zu betrachten. Herkömmliche Lithium-Ionen- und Festkörperbatterien könnten noch 15 bis 20 Jahre nebeneinander existieren. Gerade bei günstigen Elektroautos könnten LFP-Akkus schon deshalb die attraktivere Lösung bleiben. Sie sind vergleichsweise günstig und langlebig – und Fortschritte bei Energiedichte und Ladegeschwindigkeit verkleinern den Vorsprung, den Festkörperzellen überhaupt erst erreichen müssen.
Parallelen zu Wasserstoffautos
Das zeigt sich schon heute: Ladeleistungen von mehreren hundert Kilowatt, Reichweiten jenseits von 500 Kilometern und kurze Ladestopps sind mit konventionellen Batterien längst möglich. Bis eine Festkörperbatterie in Großserie produziert werden kann, entwickelt sich die vermeintlich alte Technik schließlich ebenfalls weiter, sodass der Vorteil der neuen Technik am Ende gar nicht mehr notwendig sein könnte – das erinnert den ein oder anderen vielleicht auch an das Thema Wasserstoffautos.
Von einem Scheitern der Festkörperbatterie zu sprechen, wäre zwar verfrüht. Das technische Potenzial ist weiterhin groß, besonders dort, wo hohe Energiedichte und geringes Gewicht entscheidend sind. Auch die Internationale Energieagentur sieht Fortschritte, weist aber darauf hin, dass die Vorteile der Technik bislang noch nicht in industriellem Maßstab nachgewiesen wurden.
Was hingegen zunehmend scheitert, ist die Vorstellung, Festkörperbatterien würden schon in wenigen Jahren sämtliche heutigen Akkus verdrängen. Wahrscheinlicher ist ein Nebeneinander verschiedener Technologien: günstige LFP- und möglicherweise Natrium-Ionen-Zellen für preiswerte Fahrzeuge, weiterentwickelte Nickel-Chemien für hohe Energiedichten – und Festkörperbatterien zunächst für Anwendungen, bei denen ihre Vorteile den höheren Preis tatsächlich rechtfertigen. Die Revolution könnte also kommen. Nur deutlich später, wesentlich selektiver und vermutlich sehr viel weniger revolutionär als lange angenommen.
Quelle: Automobilwoche – Chinas Festkörper-Versprechen bröckelt: Li Auto kassiert Ziele









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