Zwei bis drei Jahre für einen kompletten Entwicklungszyklus in China, im Westen dauert derselbe Prozess rund fünf Jahre. Diese Differenz beschreibt Klaus Zyciora, Vice President Design beim chinesischen Automobilhersteller Changan, als einen der grundlegendsten Unterschiede zwischen beiden Märkten. Der deutsche Automobildesigner kennt beide Seiten aus eigener Erfahrung: Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete er bei Volkswagen, davon 13 Jahre als Chefdesigner der Marke VW, zuletzt leitete er von April 2020 bis Ende 2022 das Konzerndesign. Seit seinem Wechsel zu Changan verantwortet er ein globales Designnetzwerk mit mehr als 900 Mitarbeitenden aus über 30 Nationen.
Der Geschwindigkeitsunterschied zeigt sich besonders deutlich beim Umgang mit Kundenfeedback. Bei Volkswagen durchlief eine Rückmeldung demnach drei bis vier Filterstufen, ehe teils zwei Jahre Stille bis zum nächsten Update folgten. In China dagegen sind tausende Kund:innen über Apps direkt vernetzt, ihr Feedback fließt unmittelbar und ungefiltert in die Produktentwicklung ein. Ein Auto gilt dort nicht als abgeschlossenes Produkt, sondern als Plattform, die fortlaufend weiterentwickelt wird. Die Frage „Was habt ihr seit letztem Monat verbessert?“ sei für chinesische Kund:innen völlig normal, so Zyciora. Diese Erwartungshaltung wirkt bis in die Produktionsplanung hinein, gebaut wird schneller, iteriert wird schneller, auf Rückmeldungen reagiert wird schneller.
Warum Changan beim Marktstart auf Tempo verzichtet
Ausgerechnet beim Eintritt in den deutschen Markt setzt Changan trotz dieses Tempos auf einen bewusst zurückhaltenden Ansatz. Vor dem eigentlichen Rollout müsse zunächst das System stehen, also Service, Teileversorgung, Werkstätten, Partner und Ausbildung. Anders als in China zähle in Deutschland nicht allein das Produkt, sondern vor allem die verlässliche Infrastruktur dahinter. Wer Kund:innen enttäusche, verliere sie nach Einschätzung Zycioras sofort wieder.
Hinzu kommt eine Markenbekanntheit, die sich stark unterscheidet: Changan liegt in China auf Platz fünf der Automobilhersteller, hierzulande ist die Marke jedoch kaum bekannt. Gegenüber dem eigenen Vorstand fordert Zyciora deshalb regelmäßig eine Neukalibrierung der Erwartungen. Während in China nahezu alle Kund:innen die Marke Deepal kennen, fehlt in Deutschland dieses Vorwissen bislang komplett, die eigene Geschichte müsse deshalb von Beginn an und überlegt erzählt werden.
Auch die Zielgruppe unterscheidet sich deutlich von der europäischen Kundschaft. Chinesische Käufer:innen sind laut Zyciora spürbar jünger, meist Mitte 30 bis Anfang 40, ihr gesamter Alltag läuft digital ab. Fahrzeugdaten werden zwischen Geräten ausgetauscht, das Auto wird per App vortemperiert, das Smartphone ist praktisch durchgehend im Einsatz. Entsprechend hoch liegt die Erwartungshaltung an Komfort, Qualität, Sicherheit, autonomes Fahren und digitale Features. Funktioniert die Sprachsteuerung nicht oder überzeugt der Bildschirm nicht, gilt ein Auto für diese Kundschaft bereits als durchgefallen.
Deepal S05 kommt als Plug-in-Hybrid nach Europa
Mit dem Deepal S05 bringt Changan nun ein erstes Modell nach Europa, das diesen Anspruch mit europäischer Formensprache verbinden soll. Mitte Juni stellte Zyciora den Plug-in-Hybrid-SUV in Barcelona vor, der Marktstart des Premium-Modells war für Ende Juli angesetzt. Trotz der chinesischen Herkunft orientiert sich das Design bewusst an europäischen Maßstäben, denn vor 25 Jahren entschied Changan, ein eigenes Designcenter in Europa aufzubauen. Der Deepal S05 folgt entsprechend europäischen Gestaltungsprinzipien, proportioniert, athletisch, ausgewogen, und ist in China nach Angaben Zycioras bereits ein Bestseller.
Design funktioniere dabei stets nach Mustern, erklärt Zyciora, das Gehirn entscheide in Millisekunden, ob ein Auto als interessant wahrgenommen wird. Marken müssten deshalb wiedererkennbare Elemente verankern, ohne dabei unveränderlich zu wirken. Als warnendes Beispiel nennt er Ferrari, das einmal zu stark von der eigenen Formensprache abwich, der öffentliche Aufschrei fiel entsprechend groß aus. Ob Europa im Entwicklungstempo jemals mit China gleichziehen kann, verneint Zyciora nach kurzem Zögern: „Nein. Aber es wird sich annähern. Denn die Kunden werden das erzwingen.“
Quelle: DUP-Magazin – Ausgabe September bis Oktober 2026








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