Im aktuellen EAN-Podcast spreche ich mit Jørn Floor Andersen, Gründer und Geschäftsführer von Teal Nordic. Aufgenommen haben wir die Folge in einem ungewöhnlichen Setting: dem Classic Car House in Kopenhagen, umgeben von Bugatti, Mercedes-Klassikern und einem BMW Art Car. Ein Ort, an dem automobile Vergangenheit auf das trifft, woran Jørn und sein Team täglich arbeiten – die Software-Schicht hinter dem Laden von Elektroautos.
Jørn ist Informatiker und entwickelt seit Anfang der 1990er Jahre große, verteilte Systeme. Sein Weg führte ihn unter anderem über das Amadeus-Reservierungssystem, über Banken-IT bis hin zu IoT-Anwendungen, in denen Millionen Geräte verwaltet werden. Vor rund acht Jahren kam dann der Auftrag, der den Einstieg in die Elektromobilität markierte: Ein Kunde stieß mit seinem bestehenden Backend an Grenzen und fragte an, ob Jørns Team ein neues CPMS bauen könne – ausgelegt auf Hunderttausende, perspektivisch eine Million Ladepunkte. „Das war definitiv ein riesiger Schritt“, sagt er rückblickend über den Sprung in eine ihm bis dahin völlig fremde Branche.
Wenn das Backend für die ganze Kette einsteht
Dänemark erlebt aktuell eine bemerkenswerte Adoption: Innerhalb kurzer Zeit ist die Zahl der zugelassenen E-Autos von 500.000 auf 600.000 gestiegen. Steuerregeln, die Verbrenner traditionell stark verteuern und Elektroautos kaum belasten, haben diese Dynamik begünstigt. Damit wächst aber auch der Druck auf die Infrastruktur – und auf die Systeme, die dahinter laufen.
Teal positioniert sich bewusst als reine Backend-Lösung mit offenen Schnittstellen, nicht als geschlossenes Gesamtpaket. Andere CPMS-Anbieter versuchen, möglichst alle Funktionen abzudecken; Teal konzentriert sich auf das, was Jørn als Kernkompetenz beschreibt, und integriert sich über APIs in die ERP- und CRM-Welten der Charge Point Operators. Der Hintergrund: Die großen CPOs konsolidieren, kleinere werden übernommen oder verschwinden. Wer in diese Strukturen liefern will, muss sich einfügen statt verdrängen.
Eines der Themen, das im Gespräch immer wiederkehrt, ist die Frage nach echter Verfügbarkeit. Für das erste große Kundensystem hat Teal nach eigenen Angaben fünf Neunen Uptime erreicht – wenige Minuten Ausfall in sechs Jahren. Doch Jørn relativiert das selbst: „Wir können oben und erreichbar sein, aber wenn die Ladesäule trotzdem nicht funktioniert, ist das den Fahrer:innen egal.“ Genau hier setzt der Anspruch des Unternehmens an. Das Backend müsse Verantwortung für die gesamte Kette übernehmen, nicht nur für den eigenen Server-Status.
Ein zentrales Problem sind fehlkonfigurierte Ladestationen. Verschiedene Hersteller, verschiedene Firmware-Versionen, verschiedene Konfigurationsprofile – und ein Techniker im Feld, der nach einer Reparatur eine Einstellung vergisst. Teals System prüft regelmäßig, ob jede Säule den hinterlegten Vorgaben entspricht. Weicht etwas ab, wird die Konfiguration zurückgespielt und der Vorgang dokumentiert. Das gilt für AC- wie DC-Lader, für öffentliche Säulen wie für Wallboxen.
Automatisierung als Pflicht, nicht als Kür
Bei Netzgrößen von 150.000 bis 200.000 Ladepunkten verbietet sich jede manuelle Routine. Firmware-Rollouts laufen daher gestaffelt: erst zehn Säulen als Canary, dann hundert, dann Tausende, mit Metriken nach jedem Schritt. Treten zusätzliche Fehler auf, geht der Rollout zurück und der Hersteller bekommt die Logs zur Analyse. Genauso laufen präventive Restarts oder das Reporting an nationale Datenhubs automatisiert. Jørn nennt eine Zahl, die das Ausmaß greifbar macht: Mit vier bis sechs Personen lässt sich auf dieser Basis ein Netz mit 150.000 bis 200.000 Ladepunkten betreiben. Bei den dünnen Margen im Stromverkauf ist das ein entscheidender Hebel.
Auf die Frage nach dem nächsten großen Thema antwortet Jørn ohne Zögern: Netzstabilisierung. Fahrzeugbatterien sollen nicht länger nur Verbraucher sein, sondern als Ressource im Netz mitarbeiten – über Peak Shaving, Lastmanagement, smarte Ladestrategien und Flexibilitätsdienste. In Dänemark, das in vielen Bereichen schon weiter ist als der europäische Durchschnitt, sind aktuell sogar für drei Monate keine neuen Netzanschlüsse möglich. Auch dort, wo das Stromnetz zu den stabilsten Europas zählt, stößt man inzwischen an Grenzen. Genau hier sieht Jørn den nächsten Schritt: Batterien, Solar und Lastmanagement intelligent zusammenzuführen. Nun aber genug der Vorworte – lasst uns direkt in das Gespräch mit Jørn einsteigen.
Gerne kannst du mir Fragen zur E-Mobilität, die dich im Alltag beschäftigen, per Mail zukommen lassen. Die Antwort darauf könnte für andere Hörer des Podcasts ebenfalls von Interesse sein. Wie immer gilt: Über Kritik, Kommentare und Co. freue ich mich natürlich. Also gerne melden, auch für etwaige Themenvorschläge. Und über eine positive Bewertung beim Podcast-Anbieter deiner Wahl freue ich mich natürlich auch sehr! Danke.









Wird geladen...