Lade-Report 2020 beendet Informations-Wirrwarr rund um E-Mobilität

Lade-Report 2020 beendet Informations-Wirrwarr rund um E-Mobilität
Copyright:

EnBW

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Dünne oder nicht vorhandene Daten sind oft Ausgangspunkt öffentlicher Diskussionen zur Elektromobilität. So verbreiten sich einerseits Aussagen wie „Strom laden kostet mehr als Sprit tanken“ oder „Ladeinfrastrukturbetreiber bilden Monopole und diktieren Preise“. Dem entgegen stehen Sätze wie „E-Mobilität ist schon heute alltagstauglich“. Dieser Informations-Wirrwarr verunsichert Verbraucher und wird von Kritikern wie Befürwortern der Elektromobilität jeweils für ihre Belange genutzt.

Der im Auftrag des Energieunternehmens EnBW erstellte Prognos Lade-Report 2020 macht damit Schluss: Das Forschungsunternehmen gibt in seiner Studie ein fundiertes Bild zum aktuellen Stand in Sachen Ladeinfrastruktur und Ladetarife in Deutschland, erklärt Zusammenhänge und beleuchtet die jeweiligen Herausforderungen. Die Ergebnisse des Lade-Reports entkräften zudem den Vorwurf lokaler Monopolbildung von Ladeinfrastrukturbetreibern und geben eine Orientierung zu Lademöglichkeiten und -tarifen für verschiedene Mobilitätsanforderungen.

Rollen im Elektromobilitätsmarkt

Zu Beginn der Studie beleuchtet Prognos die in Sachen öffentlicher Ladeinfrastruktur entscheidenden beiden Rollen und legt damit die Grundlage für ein Verständnis des Marktgeschehens:

  • Charge Point Operator oder Ladeinfrastrukturbetreiber (CPO): Unternehmen die Ladestationen für Elektroautos planen, errichten und betreiben. Sie kümmern sich zudem um Wartung und Service der Ladesäulen.
  • Electric Mobility Provider oder Elektromobilitätsanbieter (EMP), zum Teil auch als Mobility Service Provider (MSP) bezeichnet: Unternehmen, die E-Autofahrern den Zugang zu Ladestationen ermöglichen und dafür Ladetarife zur Verfügung stellen – oft in Verbindung mit digitalen Services wie Apps.

Über ein Roaming-System (ähnlich wie im Mobilfunknetz) bündeln EMPs/MSPs Ladestationen verschiedener CPOs. So können Kunden der jeweiligen Elektromobilitätsanbieter die Ladeinfrastruktur mehrerer Betreiber nutzen. Oft bietet der EMP/MSP dafür einen Einheitstarif an, der an Ladestationen verschiedener Betreiber gilt. Der EMP/MSP entrichtet dafür eine Gebühr an den jeweiligen CPO. Diese Gebühr ist unabhängig von den Tarifen, die EMPs/MSPs E-Autofahrern zur Verfügung stellen.

Zahlreiche Marktteilnehmer

Der Lade-Report zeigt, dass sich der Markt aktuell in einer dynamischen Entwicklungsphase befindet. Gleichzeitig macht er deutlich, dass der Wettbewerb funktioniert. So betreiben beispielsweise die größten zwanzig CPOs nur etwas mehr als die Hälfte aller öffentlichen Ladestationen in Deutschland. Eine Auswertung der Ladesäulendaten der Bundesnetzagentur unterlegt das mit weiteren Zahlen: Aktuell sind in Deutschland mehr als 1000 Unternehmen mit dem Aufbau der Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität beschäftigt.

Lokale Betreiberkonzentration ohne Auswirkung auf Wettbewerbsgleichheit

Ein weiterer Punkt, mit dem der Report aufräumt, ist der Vorwurf lokaler Monopolentwicklungen. So gibt es Städte, darunter Düsseldorf oder Stuttgart, in denen die Ladeinfrastruktur mehrheitlich von einem Betreiber bereitgestellt wird. Auch einzelne Konzentrationen auf Landesebene (Stromnetz Hamburg betreibt zum Beispiel etwa 92 Prozent aller Ladepunkte in Hamburg) haben mit Blick auf die oben genannten Rollen im Markt keine negativen Auswirkungen für Verbraucher. Denn E-Autofahrer nutzen beim Laden an öffentlichen Ladestationen in den meisten Fällen die Angebote von EMPs/MSPs – unabhängig vom Ladeinfrastrukturbetreiber.

Entwicklung öffentlichen Ladebedarfs

Die Prognos-Analysen zeigen aber auch, dass kurzfristig ein schneller Hochlauf öffentlicher (Schnell-)Ladeinfrastruktur notwendig ist, um der steigenden Zahl an E-Autofahrern den Zugang zu Lademöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. So geht die Bundesregierung davon aus, dass sich der Anteil an Ladevorgängen an öffentlichen Ladestationen im Vergleich zu privaten Lademöglichkeiten in den kommenden Jahren von derzeit rund 15 auf bis zu 40 Prozent erhöhen wird.

„Speziell in den Städten werden viele Fahrzeuge im öffentlichen Straßenraum geparkt. Um perspektivisch einer breiten Masse von Nutzern den Zugang zur Elektromobilität zu ermöglichen – unabhängig der Wohnverhältnisse und Stellplatzsituation – wird ein zeitnaher und intensiver Hochlauf der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur gefordert. Eine ausreichende und öffentlich sichtbare Ladeinfrastruktur ist zudem ein entscheidender Faktor bei der Kaufentscheidung für ein Elektroauto.“ — Alex Auf der Maur, Projektleiter bei Prognos

Beim weiteren Ladeinfrastrukturausbau dürfte der Fokus nicht allein auf einer großen Flächenabdeckung liegen, erklärt Timo Sillober, der als Vertriebschef der EnBW auch die Elektromobilitätsaktivitäten des Unternehmens verantwortet. „Wir müssen auch Schnellladeparks vor allem dort bauen, wo sie benötigt werden – nicht nur entlang von Fernverbindungen, sondern auch im urbanen Raum. Das gibt Kunden das benötigte Vertrauen in die Elektromobilität.“

Komplexe Tarife

Mit Blick auf die in Deutschland verfügbaren Ladetarife attestiert der Prognos Lade-Report 2020 eine große Vielfalt an Angeboten, Abrechnungsmodellen und hohe Preisspannen. Gleichzeitig werden Ladetarife mit der immer weiter verbreiteten Umstellung auf kWh-basierte Modelle zusehends vergleichbarer und transparenter. Dazu untersucht die Marktbetrachtung von Prognos drei verschiedene Mobilitätstypen. Das Ergebnis: Die Kosten variieren zwar stark, es gibt aber für jedes Mobilitätsbedürfnis bereits passende und günstige Angebote. Die Entwicklung ist jedoch längst nicht abgeschlossen.

Alle EMPs/MSPs stehen vor der Herausforderung, attraktive Angebote zu schaffen, die die Kunden nicht nur verstehen, sondern die ihnen den Einstieg in die Elektromobilität so leicht wie möglich machen“, stellt Timo Sillober fest. „Dazu gehören unter anderem klare und einheitliche Preise im gesamten Ladenetz inklusive Ausland sowie eine einfache Bezahlung. Denn nur so werden wir unserem gemeinsamen Anspruch gerecht, Elektromobilität in der Masse alltagstauglich zu machen.“

Der ausführliche Prognos Lade-Report 2020 steht hier als PDF zur Verfügung

Quelle: EnBW — Pressemitteilung vom 07.02.2020

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in News

Renault 5 E-Tech im Test: Mehr als nur nostalgische Gefühle

Renault 5 E-Tech im Test: Mehr als nur nostalgische Gefühle

Sebastian Henßler  —  

Der Renault 5 E-Tech trägt einen großen Namen – und löst ihn über 550 Kilometer im Alltag weitgehend ein. Was überzeugt, was nicht.

Diese 7 E-Autos sind trotz großer Batterie sehr sparsam

Diese 7 E-Autos sind trotz großer Batterie sehr sparsam

Daniel Krenzer  —  

Große Batterie = hoher Verbrauch? Muss nicht so sein. Diese E-Autos haben üppige Akkus an Bord und brauchen real dennoch maximal 16 kWh pro 100 Kilometer.

Smart-Meter-Lücke: Deutschlands stille E-Auto-Bremse

Smart-Meter-Lücke: Deutschlands stille E-Auto-Bremse

Sebastian Henßler  —  

Ilyas Dogru vom dänischen FDM nennt es nüchtern beim Namen: Eines der größten deutschen Probleme sei, dass die Smart Meter im Keller schlicht noch fehlen.

Kopenhagen: Was nachhaltige Hotellerie heute leistet

Kopenhagen: Was nachhaltige Hotellerie heute leistet

Sebastian Henßler  —  

Guldsmeden Hotels überführt seit 2021 Nachhaltigkeit in Zahlen. Wir waren in Kopenhagen vor Ort und haben uns das Konzept im Alltag angesehen.

Batterieboom: Wer profitiert und wer nicht?

Batterieboom: Wer profitiert und wer nicht?

Sebastian Henßler  —  

Der E-Auto-Batteriemarkt legt global um 9,1 Prozent zu. CATL baut seine Dominanz weiter stark aus – Koreas Hersteller verlieren an Boden.

Porsche Macan als Verbrenner wird im Sommer wohl eingestellt

Porsche Macan als Verbrenner wird im Sommer wohl eingestellt

Daniel Krenzer  —  

Der Macan als Verbrenner soll offenbar sehr zeitnah zum letzten Mal vom Produktionsband rollen, berichten mehrere Medien. Doch Porsche will die Lücke schließen.

Lynk & Co GT Concept: 0-100 km/h in zwei Sekunden?

Lynk & Co GT Concept: 0-100 km/h in zwei Sekunden?

Sebastian Henßler  —  

Das GT Concept von Lynk & Co vereint Aerodynamik, Hinterradantrieb und KI-Chassis – ob ein Serienfahrzeug folgt, bleibt nach der Shanghaier Premiere offen.