Kanadas neues Ziel: 75 statt 100 Prozent E-Autos bis 2035

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Sebastian Henßler
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Kanadas Regierung hebt die verpflichtende Quote für emissionsfreie Autos auf, lässt die Automobilbranche aber vorerst ohne klare Nachfolgeregelung zurück. In einer Mitteilung im Canada Gazette vom 14. August kündigte Ottawa an, den sogenannten Electric Vehicle Availability Standard (EVAS) zu kippen. Die im Februar versprochenen neuen Abgasnormen, die an dessen Stelle treten sollten, liegen bislang jedoch nicht vor. Bis diese stehen, gilt ein kombiniertes Flottenziel von 161 Gramm Kohlendioxid pro Meile.

Die EVAS-Vorgabe hätte Automobilhersteller verpflichtet, den Anteil emissionsfreier Autos an ihren Verkäufen bis 2026 auf 20 Prozent, bis 2030 auf 60 Prozent und bis 2035 auf 100 Prozent zu steigern. Laut der Regierungsmitteilung hätte die Regel angesichts zusätzlicher Zollbelastungen die finanzielle Lage der Hersteller erheblich verschärft und Montagewerke sowie Lieferketten im Land gefährdet. Die kanadische Autoindustrie hatte sich seit Jahren gegen die Quote gestellt und begrüßte die Entscheidung entsprechend.

Brian Kingston, Vorstandsvorsitzender der Canadian Vehicle Manufacturers Association, verwies auf die Verkaufszahlen als Beleg dafür, dass fehlende Nachfrage und nicht mangelndes Angebot hinter der schwachen E-Auto-Verbreitung stehe. „Die Erfahrung mit der E-Auto-Pflicht sollte uns eine Lehre sein: Ziele lassen sich nicht losgelöst von echten Marktdaten und realistischen Nachfrageerwartungen festlegen“, so Kingston. Der Anteil emissionsfreier Autos an den Neuzulassungen war 2024 auf 14,6 Prozent gestiegen, fiel 2025 jedoch auf 9,5 Prozent, nachdem Förderprogramme ausgelaufen waren. Im ersten Quartal 2026 lag die Quote bei 10,8 Prozent.

Umweltorganisationen hätten die Quote lieber angepasst als vollständig gestrichen gesehen. Adam Thorn, Direktor für nachhaltiges Wachstum beim Pembina Institute, forderte zügige und anspruchsvolle Abgasnormen als Ersatz. „Diese Regeln müssen zügig kommen, und sie müssen ambitioniert ausfallen“, so Thorn. Das neue Regierungsziel von 75 Prozent E-Auto-Anteil bis 2035 bezeichnete er als vertretbare Anpassung gegenüber der ursprünglichen 100-Prozent-Vorgabe.

Milliarden Dollar Investment und viele offene Fragen

Ottawas eigene Kosten-Nutzen-Analyse beziffert den Verzicht auf die Quote bis 2050 auf 90,3 Milliarden kanadische Dollar (ca. 55,8 Mrd. Euro). Kurzfristig sparen Verbraucher:innen zwar 57,6 Milliarden Dollar (ca. 35,6 Mrd. Euro), weil teurere E-Autos und private Ladeinfrastruktur aufgeschoben werden. Diese Ersparnis wird jedoch durch 53,8 Milliarden Dollar (ca. 33,2 Mrd. Euro) höhere Kraftstoffkosten gegenüber Strom weitgehend aufgezehrt. Den größten Ausschlag geben die Klimafolgen: Die Regierung rechnet mit 326 Megatonnen zusätzlichem Treibhausgasausstoß, was einem potenziellen Schaden von 94,2 Milliarden Dollar (ca. 58,2 Mrd. Euro) entspricht.

Joanna Kyriazis, Direktorin für öffentliche Angelegenheiten bei Clean Energy Canada, stellte die Berechnung infrage. Eine Politik zu verzögern, die eigentlich mehr Kosteneinsparungen und Effizienz bringen solle, sei „nicht der richtige Weg“, sagte sie. Sowohl Kyriazis als auch Thorn kritisierten zudem, die Regierung überschätze Kosten für private Ladestationen und blende geringere Wartungskosten sowie gesundheitliche Vorteile von E-Autos aus. Unter Einbezug des neuen 75-Prozent-Ziels für 2035 sinkt die geschätzte Gesamtbelastung auf 63,1 Milliarden Dollar (ca. 39 Mrd. Euro).

Konsultationen mit der Industrie sind für den Herbst angesetzt, erste Entwürfe der Abgasnormen werden für Anfang 2027 erwartet. Ottawas Planungsszenarien gehen davon aus, dass endgültige Regeln zum Modelljahr 2028 in Kraft treten. Kingston hält das 75-Prozent-Ziel für 2035 dennoch für kaum erreichbar und verweist auf eine aktuelle Studie von J.D. Power, die eher einen E-Auto-Anteil im niedrigen 40-Prozent-Bereich erwarten lässt. Lucas Malinowski, Vorstandsvorsitzender der Global Automakers of Canada, nannte die Zielmarke „außergewöhnlich ambitioniert“, zumal sich die Nachfrageentwicklung über ein Jahrzehnt kaum verlässlich vorhersagen lasse.

Anders als frühere kanadische Standards, die sich an Vorgaben der US-Umweltbehörde EPA orientierten, plant Ottawa nun ein eigenständiges Regelwerk. Das erschwert die Ausarbeitung zusätzlich, zumal die USA aktuell einen deregulatorischen Kurs verfolgen. Eine mögliche Entlastung sieht Malinowski in einem stufenweisen Vorgehen: Die neuen Emissionsvorgaben könnten zunächst nur bis zum Modelljahr 2032 gesetzlich festgeschrieben werden. „Man will sich hier nicht für ein ganzes Jahrzehnt binden, und das ist der richtige Ansatz“, sagte Malinowski.

Quelle: Automotive News Canada – Canada killed its EV mandate. It didn’t solve the emissions problem

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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