Wie Europas Zulieferer mehr und mehr unter Druck geraten

Wie Europas Zulieferer mehr und mehr unter Druck geraten
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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„Das Jahr 2025 hat nicht gerade mit einem Knall für Europas Automobilzulieferer begonnen – es sei denn, man beschreibt den Sound von schnell verdampfendem Optimismus.“ So leitet der europäische Automobilzuliefererverband Clepa eine aktuelle Umfrage zur Stimmung und wirtschaftlichen Lage in der Zulieferindustrie ein. Der Verband vertritt etwa 3000 Autozulieferunternehmen mit europaweit etwa 1,7 Millionen Beschäftigen.

Die jüngste Umfrage von Clepa zeigt die schwersten Arbeitsplatzverluste seit der Corona-Pandemie, wobei die Geschäftsstimmung 2025 ein historisches Tief erreicht habe: Fast 60 Prozent der Lieferanten berichten demnach von negativen Auswirkungen der geopolitischen Instabilität. Laut der bei der Unternehmensberatung McKinsey beauftragten Umfrage rechnen für 2025 rund 23 Prozent der Unternehmen mit Verlusten und weitere 19 Prozent mit marginalen Verlusten oder Gewinnen. Nur 24 Prozent erwarten für dieses Jahr eine operative Gewinnmarge von mehr als 5 Prozent.

62 Prozent der Autozulieferer hätten zu kämpfen, um ihre Standorte auszulasten. Ein Viertel denke gar über harte Restrukturierungen nach: Der Anteil der Autozulieferer, die bis 2030 mit der Schließung von Produktionsstandorten rechnen, liege derzeit bei 37 Prozent – vor einem Jahr waren es noch 24 Prozent.

Eigentlich wäre rasches politisches Handeln gefragt, so Clepa. Was allerdings aufgrund der instabilen Lage auf den Weltmärkten, derzeit hauptsächlich verursacht durch die irrationale Zollpolitik der USA, kein einfaches Unterfangen ist. „Europa braucht mehr denn je eine robuste und wettbewerbsfähige industrielle Basis“, so Benjamin Krieger, Generalsekretär von Clepa. Die Rufe nach strategischer Autonomie, Forderungen im Verteidigungssektor und der Wunsch nach stärker lokalisierten Lieferketten werden demnach unter Zulieferern immer lauter. „Aber wenn sich die wirtschaftliche Realität weiter verschlechtert, können Zulieferer nicht nur den Betrieb kürzen müssen – sie könnten über den Bruchpunkt gedrängt werden“, warnt Krieger. Was nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein strategisches Problem darstelle.

Mobilität muss intelligenter, sicherer und nachhaltiger werden

„Der Verlust wichtiger Lieferanten kostet Arbeitsplätze, gefährdet Europas Innovationsfähigkeit, schwächt seine Widerstandsfähigkeit und erhöht die Abhängigkeit von Nicht-EU-Akteuren“, so Krieger weiter. Die Technologien der Zulieferer seien für die europäische Wettbewerbsfähigkeit von entscheidender Bedeutung. Dieses Know-how könne auch in anderen Branchen eingesetzt werden, so Kriegers Fingerzeig in Richtung ReArm, dem Programm der EU für eine bessere Verteidigungspolitik. „Was Europa braucht, ist eine intelligente Industriestrategie – eine, die die Wertschöpfung zu Hause schützt, ohne die Türen zur globalen Zusammenarbeit zu verschließen“, so Krieger weiter.

Europa sei sich einig, dass Mobilität intelligenter, sicherer und nachhaltiger werden müsse. Aktuell aber werde diese Transformation „mit einem platten Reifen“ vorangetrieben. Ohne tragfähige Geschäftsmodelle und Strategien, die die industrielle Kapazität in Europa erhalten, riskiere die EU, „langfristigen Wohlstand gegen kurzfristigen Applaus einzutauschen“.

Der Druck aus China steigt weiter

In der Umfrage wird auch deutlich, wie stark die wachsende Konkurrenz aus China die europäischen Zulieferer unter Druck setzt. 57 Prozent berichteten von wachsendem Konkurrenzdruck durch den Import von Zulieferteilen aus China, 34 Prozent von Wettbewerb durch chinesische Produktion in Europa und 21 Prozent von Konkurrenzdruck ausgehend von chinesisch-europäischen Gemeinschaftsunternehmen. Nur nur 20 Prozent gaben an, dass sie aktuell noch keine Konkurrenz von chinesischen Autozulieferern spürten. Bis 2030 geht die Umfrage jedoch von noch schlechteren Werten aus: Nur 8 Prozent meinen, auch künftig keinen Wettbewerb aus China einkalkulieren zu müssen.

Strafzölle und ein drohender Handelskrieg mit den USA, wachsende Konkurrenz aus China sind schon herausfordernd genug, gleichzeitig soll auch noch die Transformation zur Elektromobilität gestemmt werden. Eine Herkulesaufgabe, wie Krieger einordnet und dafür mehr Fingenspitzengefühl einfordert: „Wir fordern keine Wende mit Rückkehr zum Verbrenner, sozusagen in die guten alten Zeiten“, sagte er der FAZ. „Wichtig wäre, alles zu tun, um Schritt für Schritt die Emissionen zu verringern, und das geht zu einem Teil auch mit Einsparungen bei den Verbrennern und mit klimaneutralen Kraftstoffen. Wir brauchen eine Transformation, die wir tatsächlich umsetzen können, ohne dass es zum Bruch kommt.“

Die EU-Kommission hat bereits angekündigt, der Autoindustrie bei den CO2-Zielen entgegenzukommen und beim seit Anfang 2025 schärferen CO2-Flottengrenzwert den Mittelwert der kommenden drei Jahre zu berechnen. Krieger reicht dies aus Sicht der Zulieferer noch nicht. „Lebensnotwendig für die Autozulieferer wäre, dass es nun auch auf der technischen Seite mehr Flexibilität gibt“, sagt der Clepa-Generalsekretär. Aus seiner Sicht wäre es etwa hilfreich, Plug-in-Hybride als Brückentechnologie besser zu fördern, da damit sowohl die Nachfrage nach Verbrenner- wie auch nach Elektrotechnik gestützt werde – und somit das Geschäftsmodell einer breiteren Masse an Zulieferern.

Quelle: Clepa – Pressemitteilung vom 16.04.2025 / FAZ – Autozulieferer drohen mit Abwanderung aus Europa

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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