Der automobile Aftermarket ist eine Branche im Umbruch und das nicht erst seit gestern. Software löst zunehmend die Mechanik als entscheidenden Differenzierungsfaktor im Fahrzeug ab, künstliche Intelligenz verändert Diagnose, Schadenregulierung und Kundenkommunikation, und der Fachkräftemangel zwingt Werkstätten und Zulieferer zu einem Umdenken, das weit über die klassische Berufsausbildung hinausgeht. Genau in dieser Gemengelage öffnet die Automechanika Frankfurt vom 8. bis 12. September 2026 ihre Tore: mit Rekordbeteiligung, einem historisch großen Rahmenprogramm und mehreren neuen Formaten, die den Anspruch der Messe unterstreichen sollen, mehr als ein Marktplatz zu sein.
Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt, ordnete die Ausgangslage auf der Pressekonferenz Mitte Juni in Frankfurt ungewohnt persönlich ein: Nach 43 Jahren in unterschiedlichen beruflichen Stationen sei die Komplexität der gleichzeitig eintreffenden Herausforderungen so hoch wie nie zuvor. Geopolitische Spannungen, Energiepreisentwicklungen, Lieferkettenengpässe, regulatorische Unsicherheiten und ein protektionistisch geprägtes Handelsumfeld treffen eine Branche, die ohnehin mitten in einem tiefen technologischen Wandel steckt.
Die gute Nachricht, so Braun, komme dennoch vom Markt selbst: „Die Erfolgsgeschichte der Automechanika Frankfurt geht weiter: trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen können wir ein Ausstellerplus von rund fünf Prozent verzeichnen.“ Nach aktuellen Prognosen von Frost & Sullivan wird der globale Automotive Aftermarket 2026 auf ein Volumen von rund 466 Milliarden Euro wachsen, ein Plus von 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Treiber sind die steigende Nutzungsdauer von Fahrzeugen, der wachsende freie Ersatzteilmarkt sowie neue Chancen durch Elektromobilität, Digitalisierung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz.
Automechanika Frankfurt: Ausgebucht, ausverkauft, ausgebaut
Konkret erwartet Frankfurt im September zwischen 4400 und 4500 Aussteller aus über 80 Ländern auf rund 300.000 Quadratmetern – das Gelände ist vollständig ausgebucht. Teilnehmer:innen aus 170 bis 180 Nationen machen die Messe für wenige Tage zum globalen Zentrum des automobilen Aftermarkets.
Hinter der Marke Automechanika stehen inzwischen 16 Veranstaltungen weltweit mit insgesamt 23.000 ausstellenden Unternehmen und knapp 700.000 Fachbesucher:innen pro Jahr. Michael Johannes, Vice President Mobility & Logistics bei der Messe Frankfurt und verantwortlich für die weltweite Markenentwicklung, betonte, dass die Marke längst mehr sei als eine Aneinanderreihung von Fachmessen: „Inhaltlich setzt die Automechanika Frankfurt 2026 auf aktuelle Zukunftsthemen. Dabei stehen die Schwerpunkte Innovation, Transformation, Nachhaltigkeit sowie Aus- und Weiterbildung & Recruiting im Mittelpunkt. Ergänzend erweitern wir die Veranstaltung um neue Networking-Formate und neue Beteiligungs- und Präsentationsmöglichkeiten für Unternehmen, um die Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Playern zu fördern und neue Partnerschaften zu ermöglichen.“
Zum Ökosystem-Gedanken gehört auch das Treueprogramm „Automechanika Lovers“: Unternehmen, die an mindestens drei Automechanika-Veranstaltungen weltweit teilnehmen, erhalten erhöhte Sichtbarkeit auf Messen und digitalen Plattformen. Derzeit qualifizieren sich 2593 Aussteller für das dreistufige Programm mit den Status-Leveln Blau, Silber und Gold. Allein für Frankfurt haben sich 41 Unternehmen für den Gold-Status qualifiziert, indem sie seit 2024 an mindestens fünf weltweiten Veranstaltungen teilgenommen haben.
Künstliche Intelligenz und Robotik: Keine Randthemen mehr
Was vor wenigen Jahren noch als Zukunftsvision galt, ist auf der Automechanika 2026 konkretes Ausstellungsprogramm. Künstliche Intelligenz und Robotik wurden von Olaf Mußhoff, Director Automechanika Frankfurt, als die beiden dominierenden Trendthemen der Messe benannt. Besonders anschaulich wird das durch einen Programmpunkt, der sich kaum übersehen lässt: Roboter verschiedener Hersteller werden live auf dem Messegelände Fahrzeuge lackieren. Das Bild ist bewusst gewählt, es verdeutlicht den Gleichlauf von technologischem Fortschritt und dem wachsenden Druck, den Fachkräftemangel durch Automatisierung aufzufangen.

KI hält dabei nicht nur in der Werkstatttechnik Einzug. Im Aftermarket insgesamt verändert sie Predictive Maintenance, Reparaturkostenkalkulation, Kundenkommunikation und das Ersatzteil- sowie Garantiemanagement. Praktische Workshops in Halle 11.0 machen das greifbar: Das Spektrum reicht von DEKRA-Schadenerfassung über KI-gestützte Reparaturkostenkalkulation mit DAT bis zu ADAS-Kalibrierung mit Bosch. Neu hinzugekommen sind Workshops zu Fahrzeugglas und zur KI-gestützten Roboterlackierung von SEHON.
Das inhaltlich ambitionierteste neue Format der Messe heißt HighTech4Mobility und ist in der Frankfurter Festhalle angesiedelt. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Software Defined Vehicles für den gesamten Aftermarket bedeuten und zwar nicht nur aus der Perspektive der Automobilhersteller und Zulieferer, die diese Technologien entwickeln, sondern gezielt auch für freie Werkstätten, den Teilehandel und unabhängige Serviceanbieter. Mußhoff formulierte das präzise: Die Fahrzeuge seien heute bereits auf der Straße. Es gehe darum, eine Brücke zu bauen und zu zeigen, was konkret passiert, wenn Fahrzeuge zunehmend durch Software bestimmt werden und welche Geschäftsmodelle dabei entstehen oder wegfallen.

Das Bühnenprogramm ist entsprechend besetzt: Das IBM Institute for Business Value präsentiert gemeinsam mit der Automechanika die Studie „AI in Motion – Reinventing Automotive Aftersales“. Google Cloud und Boston Consulting Group diskutieren, wie KI neue Wertschöpfungspotenziale im Aftermarket erschließen kann. Benteler Mobility gibt Einblicke in aktuelle Entwicklungen rund um Robotik und autonomes Fahren. Der Digitalverband Bitkom beleuchtet gemeinsam mit Industriepartnern die Herausforderungen softwaredefinierter Fahrzeuge mit Schwerpunkt Cybersecurity.
Auch der EU Data Act ist Thema: Am ersten Messetag sind eine Keynote und eine Podiumsdiskussion zu den Konsequenzen des Gesetzes für die Branche geplant. Praxisnah wird es mit der Technischen Universität Braunschweig, die eine neu entwickelte Software zur Fahrerüberwachung in zwei Demonstrationsfahrzeugen direkt zum Testen bereitstellt.
185 Einreichungen: Innovation Awards mit neuem Rekord
Ein weiteres Stimmungsbild liefern die Automechanika Innovation Awards. 185 Unternehmen haben sich für die diesjährige Ausgabe beworben, ein neuer Rekord, der den bisherigen Höchstwert von 135 Einreichungen deutlich übertrifft. Stärkste Kategorie ist erneut „Smart Workshop & Service Solutions“ mit knapp 30 Prozent aller Einreichungen, gefolgt von „AI Solutions & Digitalisation“. An dritter Stelle liegen „Advanced Parts & Vehicle Technologies“ und die neu eingeführte Kategorie „Circular Economy & Remanufacturing“, die erstmals von der internationalen Fachjury bewertet wird.

Die Kategorien wurden auf Basis von Kundenfeedback angepasst, was die Veranstalter als bewusstes Signal verstehen: Eine veränderte Kategorie ist immer auch eine veränderte inhaltliche Aussage darüber, was die Branche gerade bewegt. Alle Einreichungen werden zunächst von zwei Gutachtern bewertet, bevor die Fachjury Mitte Juli zusammentritt. Die Preisverleihung findet am ersten Messetag, dem 8. September, statt.
Markengebundener Aftermarket kehrt auf die Messe zurück
Eine der strategisch bedeutsamsten Entwicklungen betrifft einen Bereich, der auf der Automechanika lange kaum präsent war: der markengebundene Aftermarket. Mußhoff beschrieb offen, wie hartnäckig das Team über Jahre versucht hat, Automobilhersteller für eine Teilnahme zu gewinnen und wie wenig Erfolg das lange hatte.
Der Weg über eine neue Kooperation mit dem Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) scheint nun Früchte zu tragen. Erste sichtbare Ergebnisse: BMW präsentiert in Halle 8 Aftersales-Lösungen entlang der gesamten Schaden- und Servicekette, darunter Remanufacturing-Ansätze sowie Exponate aus BMW Motorsport und der BMW Art Car Collection. Stellantis stellt sich als Multibrand-Mobilitätsanbieter mit einer Produktpalette entlang des gesamten Fahrzeuglebenszyklus vor.
Begleitet wird die Kooperation durch einen neuen Preis: Am 8. September wird in der Festhalle erstmals der „Automotive Aftersales Award“ verliehen, initiiert vom VDIK in Zusammenarbeit mit Auto Bild, für den besten und innovativsten Service im markengebundenen Aftersales in sechs Kategorien. 29 nationale und internationale Marken nehmen teil. Die Sieger werden in einem dreistufigen Verfahren ermittelt, Leserwahl der Auto Bild, Händlerzufriedenheitsmonitor des Instituts für Automobilwirtschaft und eine Fachjury. Mittelfristig setzt die Messe darauf, bis 2028 einen Großteil der Importeure wieder als reguläre Aussteller in Frankfurt zu haben.
Pitlane, Drift-Show und Experience Park: Messe als Erlebnis
Neben den inhaltlichen Programmen setzt die Automechanika 2026 bewusst auf emotionale Anker. Der Future Mobility Park auf der Agora, dem Freiareal im Osten des Geländes, wird ausgebaut: Besucher:innen können dort neue Antriebskonzepte live testen, von Solarfahrzeugen bis hin zu Entwicklungsprototypen von zehn Hochschulen, darunter die RWTH Aachen, die TH Ingolstadt und die Hochschule Darmstadt. Es handelt sich dabei ausdrücklich um Fahrzeuge, die Technologien zeigen, die noch lange nicht serienreif sind.

Volkswagen hat seine Teilnahme am Testparcours bestätigt. Die tägliche „Technical Happy Hour“ mit Live-Musik auf der Agora ist nach Angaben der Veranstalter eines der bestbesuchten Networking-Formate der Messe.
Ganz neu ist die Automechanika Pitlane: Unter den Arkaden der Halle 4 entsteht eine 200 Meter lange Boxengasse als Verbindungsachse zwischen West- und Ostgelände. Supersportwagen, Motorsound, Drift-Simulatoren und Reifenwechsel-Challenges mit Partnern wie Pirelli, Liqui Moly und dem Nürburgring sollen echtes Motorsport-Feeling auf das Messegelände bringen.

Mußhoff stellte in Aussicht, dass der Sound der angelassenen Fahrzeuge deutlich über das unmittelbare Umfeld der Halle 4 hinaus zu hören sein werde. Eine tägliche genehmigte Drift-Show ergänzt das Programm, was 2024 noch eine spontane, nicht angemeldete Aktion war, die innerhalb von Sekunden Hunderte Zuschauer:innen anzog, ist 2026 fester Bestandteil des Tagesablaufs.
Im Westen des Geländes entsteht ein Experience Park mit Offroad-Attraktionen, Monstertrucks, einem Unimog-Parcours und einem Überschlag-Simulator. Das gesamte Standbauprojekt soll nach Angaben der Veranstalter das nachhaltigste in der Geschichte der Messe Frankfurt werden: Alle verwendeten Materialien stammen aus regionalen Quellen und können nach dem Event zu 100 Prozent recycelt werden.
Zwei neue Initiativen im Bereich Nachwuchsförderung und Community-Building
Auf der Pressekonferenz am 18. Juni startete der Automechanika Club offiziell. Das kostenlose Mitgliedschaftsprogramm richtet sich an Einzelpersonen und unterscheidet sich damit klar von bestehenden Unternehmens-Treueprogrammen. Zur Messe erhalten Mitglieder freien Eintritt, bevorzugten Zugang über Fastlane-Eingänge, Parkplatzzugang und weitere Services. Ganzjährig sind Rabatte bei über 150 Partnermarken, ein Club-Ausweis, Zugang zu exklusiven Automotive-Events und exklusiver Content vorgesehen.

Das Programm startet zunächst in Deutschland und soll mittelfristig auf alle weltweiten Automechanika-Standorte ausgerollt werden. Bis Ende 2027 genießen alle Mitglieder kostenlos die Vorteile einer Premium-Mitgliedschaft.
Parallel läuft die Nachwuchsinitiative Ambition weiter, die mit einem bewusst unkonventionellen Ansatz arbeitet: Das Format tritt nicht als Jobmesse auf, sondern lockt junge Menschen der Generationen Z und Alpha mit einem Lifestyle-Event in die Frankfurter Festhalle: E-Sport, Musik und bekannte Szenegrößen. Die Informationen zu Ausbildungsberufen im Aftermarket werden erst vor Ort sichtbar, beiläufig und ohne Werbecharakter. Wolfgang Weyand, Head of Special Events, beschrieb den Grundgedanken dahinter als „Honigtopf-Strategie“: attraktive Inhalte schaffen, die Menschen anziehen, die eigentlich gar nicht auf der Suche nach Berufsorientierung sind. Das Konzept wurde bei seiner bisherigen Auflage mit zwei Branchenpreisen ausgezeichnet.







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