Analyst: „Der Verbrenner hat die besten Jahre gesehen“

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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 5 min

Die deutsche Automobilindustrie hat historische Umbrüche bereits zweimal überstanden. In den 1970er Jahren bedeutete die japanische Konkurrenz eine erste Zäsur, in den 1990ern übernahmen koreanische Hersteller diese Rolle. Nun droht mit China die dritte asiatische Herausforderung, diesmal jedoch deutlich aggressiver und zusätzlich verschärft durch eine zweite, potenziell noch größere Umwälzung: das autonome Fahren. Während sich die Branche auf beide Fronten gleichzeitig einstellen muss, bleibt offen, ob für 2027 überhaupt eine Erholung in Sicht ist.

Antworten darauf liefert Frank Schwope, Automotive Consultant und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Berlin. Der Ökonom war zuvor mehr als 20 Jahre als Automobil-Analyst bei der NordLB tätig und beobachtet die Branche seit Jahrzehnten aus nächster Nähe. Im Gespräch mit dem comdirect Magazin fällt sein Urteil nüchtern aus. Auf die Frage nach Licht am Ende des Tunnels antwortet er knapp mit „Leider nicht“ und verweist auf die anhaltenden Baustellen der Branche.

Die neue Konkurrenz unterscheide sich von früheren Wellen vor allem im Tempo. „Die neue Konkurrenz aus China geht den europäischen Markt deutlich aggressiver an„, sagt Schwope. Im Bereich der Elektromobilität hätten sich chinesische Hersteller bereits massiv in Szene gesetzt. Als zweite, aus seiner Sicht noch disruptivere Herausforderung nennt er das autonome Fahren, bei dem Deutschland und Europa den USA und China bislang wenig entgegenzusetzen hätten.

Kurzfristig habe sich die Lage für Verbrenner-Technologien in Europa und vor allem in den USA wieder etwas entspannt, auch weil CO2-Ziele aufgeweicht würden und der für 2035 geplante Verbrenner-Stopp in Europa zur Disposition stehe. Deutsche Hersteller profitierten zudem von einer starken Markentreue, deren Gewinne die Transformation zumindest finanziell erleichterten. Die parallele Entwicklung konventioneller und elektrischer Antriebe verlange jedoch doppelte Investitionen. Mittel- bis langfristig führe an der Elektromobilität kein Weg vorbei, wie das Beispiel Norwegen zeige, wo inzwischen 99 Prozent aller Neuzulassungen elektrisch erfolgten. „Der Verbrenner hat die besten Jahre gesehen“, fasst Schwope zusammen.

Der chinesische Markt entgleitet den deutschen Herstellern

Auf dem chinesischen Markt selbst rechnet Schwope nicht mit einer Rückkehr zu alten Größenordnungen. Der VW-Konzern habe dort in besten Zeiten mehr als zwei Millionen Autos pro Halbjahr verkauft, in den ersten sechs Monaten 2026 seien es nicht einmal eine Million gewesen. Dutzende neue Automarken seien in China entstanden, von denen Schwope mindestens acht große Konzerne für überlebensfähig hält. Für Volkswagen und andere deutsche Anbieter gehe es deshalb zunächst nur darum, die Verkaufszahlen zu stabilisieren.

Deutlicher wird Schwope bei den deutschen E-Auto-Kaufprämien. „Die Prämien halte ich für baren Unsinn und eine Verschwendung von Steuergeldern“, sagt er. Der Trend zur Elektromobilität bestehe ohnehin, und die Preisdifferenz zwischen klassischen Verbrennern und E-Antrieben schwinde kontinuierlich. Warum Menschen mit einem Bruttoeinkommen von mehr als 100.000 Euro mit 3000 Euro bezuschusst würden, sei ihm nicht nachvollziehbar, ebenso wenig die Förderung von Plug-in-Hybriden, die von vielen Besitzer:innen fast ausschließlich im Benzinbetrieb gefahren würden. Die kurzfristige Streichung der Förderung unter dem damaligen Minister Robert Habeck habe zudem gezeigt, dass solche Prämien den Markt nur in ein künstliches Auf und Ab trieben.

Strategiefehler drücken auf die Aktienkurse

Auch an der Börse hätten sich strategische Fehlentscheidungen bemerkbar gemacht, konstatiert Schwope. Richtungsentscheidungen seien in der Branche entweder zu spät oder zu ruckartig gefallen. Am besten habe sich BMW aus der Affäre gezogen, weil der Konzern die Technologiefrage offengehalten und seine Werke so aufgestellt habe, dass dort Verbrenner, Hybride und E-Autos gleichermaßen produziert werden könnten. Unter dem neuen Vorstandschef Milan Nedeljković habe es zwar eine Gewinnwarnung gegeben, der Arbeitsplatzabbau sei jedoch vergleichsweise geräuschlos verlaufen. Der Markt warte nun auf den Erfolg der Neuen Klasse, die von Autotestern hoch gelobt werde und schrittweise ausgerollt werde. „Die Neue Klasse ist ein echter Hoffnungsträger, aber der Erfolg muss sich in den Absatzzahlen der kommenden Jahre zeigen“, sagt Schwope.

Beim VW-Konzern sieht Schwope zwar massive Überkapazitäten, die auf Marge und Gewinn drücken, warnt jedoch vor Übertreibung. Anders als 1974 oder 1993, als das Unternehmen tiefrote Zahlen schrieb, habe der Konzern im Vorjahr noch einen Gewinn nach Steuern von knapp sieben Milliarden Euro erzielt, im ersten Halbjahr 2026 seien es mehr als drei Milliarden Euro gewesen. „Panikmache halte ich beim VW-Konzern nicht für angebracht“, sagt Schwope. Nötig sei stattdessen eine klare Konzernstrategie: Welche Technologien priorisiert und welche Zukunftsmärkte angepeilt werden sollten, und ob nicht auch eine günstige Konzernmarke sinnvoll wäre, wie sie Renault mit Dacia seit Jahren erfolgreich betreibe.

Mercedes und Ferrari zeigen zwei Extreme

Auch bei Mercedes-Benz erkennt Schwope Orientierungslosigkeit. Der Konzern habe sich zunächst von der Premium- zur Luxusmarke umpositioniert, diese Strategie inzwischen aber ebenso zurückgenommen wie die zeitweise verfolgte Electric-only-Strategie. „Der Konzern mäandert ein wenig orientierungslos durch die Automobilwelt“, so sein Urteil zu beiden Kurswechseln. Eine Ausnahme bildet für Schwope dagegen Ferrari, das im Segment Superluxus aktiv sei und bewusst auf Verknappung setze. Ein höherer Preis könne dortige Käufer:innen sogar eher bestärken, weil sich dadurch weniger Menschen das Auto leisten könnten.

Tesla wiederum lasse sich nicht mit einem klassischen Autounternehmen vergleichen. „Tesla war und ist auch heute eine Wette auf die technologische Zukunft“, sagt Schwope. Habe diese Wette früher der Elektromobilität gegolten, wo der Konzern inzwischen einiges von seinem Vorsprung eingebüßt habe, gehe es nun darum, ob sich die Tesla-Technologie beim autonomen Fahren durchsetze und das Robotergeschäft tatsächlich so vielversprechend sei, wie Elon Musk es in Aussicht stelle.

Quelle: Comdirect Magazin – „Der Verbrenner hat die besten Jahre gesehen“

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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