Noch vor wenigen Jahren hatte die Westfalen-Gruppe große Pläne mit Wasserstoff im Schwerlastverkehr. Gemeinsam mit RWE wollte das Handelsunternehmen für Flüssiggas und Kraftstoffe ein Netz aus bis zu 70 Wasserstoff-Tankstellen aufbauen. Westfalen bezeichnete sich selbst als „Wasserstoff-Pionier“. Inzwischen hat sich die Einschätzung offenbar deutlich verändert: Bei schweren Nutzfahrzeugen setzt das Unternehmen künftig vor allem auf batterieelektrische Antriebe und entsprechende Ladeparks.
„Der Wasserstoff-Hochlauf im Schwerlastverkehr hat sich anders entwickelt als erwartet“, erklärte Vorstandsvorsitzender Thomas Perkmann beim Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel in Berlin. Westfalen sei vor einigen Jahren von einer deutlich höheren Marktdynamik ausgegangen. Gleichzeitig hätten sich batterieelektrische Lkw wesentlich schneller entwickelt als ursprünglich angenommen.
Entscheidend ist dabei weniger eine grundsätzliche technologische Festlegung als die Wirtschaftlichkeit. „Wir versuchen, das anzubieten, was unsere Kunden abnehmen“, sagt Perkmann. Gerade im Schwerlastverkehr, wo mit geringen Margen um jeden Cent gerungen werde, hätten batterieelektrische Antriebe inzwischen „in vielen Fällen einen finanziellen Vorteil gegenüber Wasserstoff und auch gegenüber Diesel“. T&E hatte jüngst eine Studie veröffentlicht, wonach sich viele E-Lkw inzwischen nach bereits zwei Jahren im Vergleich zum Diesel amortisiert hätten.
Westfalen hatte große Wasserstoff-Pläne
Westfalen beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit Wasserstoff und versorgt damit unter anderem Industriekunden. Die eigene Wasserstoff-Tankstelle in Münster-Amelsbüren gehörte bei ihrer Inbetriebnahme 2016 zu den ersten öffentlichen Anlagen dieser Art in Deutschland. Westfalen verweist zudem darauf, die erste Betankung eines Brennstoffzellen-Lkw in Nordrhein-Westfalen durchgeführt zu haben.
Noch 2023 kündigten Westfalen und RWE an, je nach Marktentwicklung bis 2030 rund 70 Wasserstoff-Tankstellen insbesondere für schwere Nutzfahrzeuge errichten zu wollen. Die erste Anlage in Lingen sollte mit grünem Wasserstoff versorgt werden. Perkmann erklärte damals, die langjährige Wasserstoff- und Tankstellenerfahrung prädestiniere Westfalen dafür, ein starkes Wasserstoff-Tankstellennetz aufzubauen.
Selbst im Sommer 2024 investierte Westfalen noch einen sechsstelligen Betrag in die Modernisierung seiner Wasserstoff-Tankstelle in Münster-Amelsbüren. Im Frühjahr 2026 folgte allerdings die Kehrtwende: Die Anlage wurde zum 30. April geschlossen. Als Grund nannte das Unternehmen die geringe Nachfrage, durch die sich notwendige weitere Investitionen wirtschaftlich nicht mehr rechtfertigen ließen.
E-Lkw sollen sich „weitestgehend durchsetzen“
Nun fällt auch die Einschätzung für den Schwerlastverkehr eindeutig aus. „Wir sind mit großen Ambitionen gestartet und hätten uns natürlich gewünscht, dass sich Wasserstoff auch im Verkehr schneller entwickelt“, räumt Perkmann ein. Bei batterieelektrischen Lkw sehe Westfalen inzwischen jedoch ein sehr breites Einsatzspektrum. Das Unternehmen gehe deshalb davon aus, „dass sie sich weitestgehend durchsetzen werden“.
Entsprechend sollen weitere Investitionen im Schwerlastverkehr vor allem in Ladeinfrastruktur fließen. Einen ersten eigenen Lkw-Ladestandort hat Westfalen im Juli in Steinfurt eröffnet. Dort stehen zwei Ladepunkte für schwere Elektro-Lkw sowie vier weitere für Pkw zur Verfügung, jeweils mit bis zu 400 kW Leistung. Rund eine Million Euro investierte das Unternehmen in den Standort.
Ganz abschreiben will Westfalen den Wasserstoff allerdings nicht. Bei Schwer- und Großraumtransporten oder dort, wo kein ausreichend leistungsfähiger Stromnetzanschluss möglich ist, könne Wasserstoff weiterhin eine Rolle spielen. Auch das bestehende Wasserstoffgeschäft mit Industriekunden bleibt bestehen. Für den breiten Einsatz im Straßengüterverkehr fällt die Prognose mittlerweile jedoch eindeutig zugunsten des batterieelektrischen Lkw aus.
Quelle: Westfalen – Pressemitteilung vom 30. September 2026









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