Lamborghini Revuelto SV: Tanzender Stier

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Wolfgang Gomoll
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Für Lamborghini ist der Zwölfzylinder weit mehr als nur ein Motor. Er ist das Element der Marken-DNA schlechthin. Seit dem 350 GT begleitet er die die Marke. Im Miura wanderte er hinter die Passagiere, im Countach, Diablo, Murciélago und Aventador wurde sein markerschütternder Aufschrei zum akustischen Markenzeichen der Flundern aus Sant’Agata Bolognese. Sollte es einmal kein Modell mit dem Stier-Logo geben, das einen Zwölfender hat, wäre der Aufschrei der Jünger groß. Dann wäre der norditalienische Sportwagenbauer für viele nur ein weiterer Hersteller schneller Autos. Das weiß auch Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann. Deshalb rettete der Revuelto dieses Erbe 2023 in die Hybridära: Ein frei saugender V12 arbeitet seitdem mit drei Elektromotoren zusammen.

Nun folgt die bislang schärfste Ausbaustufe. Natürlich mit dem Kürzel SV versehen – wie es die Tradition gebietet. SV steht für Super Veloce – zu Deutsch: super schnell. Der 6,5-Liter-Saugmotor selbst bleibt bei 607 kW / 825 PS, dreht bis 9500 Touren und liefert 725 Newtonmeter. Mehr Schub kommt aus dem elektrischen Anteil des Antriebs: Die Systemleistung legt um 37 kW / 50 PS auf 783 kW / 1065 PS zu. Das Drehmoment steigt auf fast schon brutale 1425 Newtonmeter. Die Zusatz-Power kommt aus der Batterie, deren Kapazität von 3,8 auf 7,3 Kilowattstunden zunimmt. Die neue Batterie des SV kann laut Lamborghini maximal 190 kW abgeben. Entscheidend ist dabei weniger die elektrische Reichweite als die Belastbarkeit: Die neue Speichereinheit soll die Leistung auf der Rennstrecke bis zu viermal konstanter bereitstellen.

Der Revuelto SV sprintet in 2,4 Sekunden von null auf 100 km/h (eine Zehntelsekunde schneller als bisher), bis 200 km/h vergehen 6,7 Sekunden. Erst bei mehr als 345 km/h findet die Attacke ein Ende. Beeindruckend. Aber das ist kein großer Unterschied zum „normalen“ Revuelto. Der Unterschied liegt in der Agilität, der Leichtfüßigkeit und dem Bremsen. Ein wirklich schneller automobiler Supersportler braucht nicht nur Kraft, sondern auch eine ausgefeilte Aerodynamik, um diese auf den Boden zu bringen. Der SV verfügt über einen feststehenden Heckflügel, einen neu geformten Frontsplitter, einen überarbeiteten Unterboden und zusätzliche Kühlluftführungen. Insgesamt verspricht Lamborghini 80 Prozent mehr Abtrieb als beim Revuelto und zugleich eine um 60 Prozent verbesserte Abtriebs-Effizienz. Die aerodynamische Balance wandert nach vorn und die Bremsenkühlung verbessert sich um zwölf Prozent. Das soll den SV beim Einlenken bissiger machen, ohne die Hinterachse bei hohem Tempo nervös werden zu lassen.

Genauso deutlich fällt der Unterschied beim Fahrwerk aus. Während der normale Revuelto über elektronisch geregelte MagneRide-Dämpfer verfügt, erhält der SV passiv arbeitende, mechanisch vierfach verstellbare Dämpfer nach GT3-Vorbild. Das ist puristischer, verlangt für die optimale Abstimmung auf ebener, welliger oder nasser Strecke aber Handarbeit statt Tastendruck. Die Mühe lohnt sich. Lamborghini beziffert den Agilitätsgewinn mit 17 Prozent und das Plus an Seitenführung mit zehn Prozent. Neue, straßenzugelassene Bridgestone-Potenza-Race-R-Reifen, leichtere 20- und 21-Zoll-Räder mit Zentralverschluss sowie eine fünfstufige Traktionskontrolle im neuen Pilota-Fahrmodus sollen diese Fortschritte nutzbar machen.

Der Revuelto SV ist vollgepackt mit Renntechnik

Größere CCM-R-Plus-Carbon-Keramikbremsen mit 420-Millimeter-Scheiben vorn und 410-Millimeter-Scheiben hinten garantieren eine standfeste Bremsleistung. Aus 200 km/h soll der SV nach 110 Metern stehen. Gegenüber dem Revuelto verspricht Lamborghini elf Prozent mehr maximale Verzögerung, 23 Prozent höhere Wärmeabfuhr und zwölf Prozent niedrigere Scheibentemperaturen.

Der Revuelto SV ist vollgepackt mit Renntechnik: Ein 6D-Sensor nahe dem Schwerpunkt erfasst Längs-, Quer- und Vertikalbewegungen sowie Nick-, Wank- und Gierraten. Daraus berechnet die Regelelektronik unter anderem Geschwindigkeit, Schwimmwinkel und Reibwert, um Bremse, Stabilitätskontrolle und Torque Vectoring früher und genauer abzustimmen. Bemerkenswert: Trotz Carbon-Türtafeln, Rennsitzen und leichterer Räder bleibt das angegebene Trockengewicht mit 1772 Kilogramm exakt auf dem Niveau des normalen Revuelto. Die Leichtbauteile kompensieren damit das Mehrgewicht von Batterie, Aerodynamik und Bremsanlage. Das Leistungsgewicht verbessert sich vor allem durch die zusätzlichen 50 PS von 1,75 auf 1,66 Kilogramm pro PS. Das Resultat der Maßnahmen ist eine Hockenheim-Zeit von 1:41,6 Minuten.

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Und wie schlägt sich der Lamborghini Revuelto SV im Vergleich zur Konkurrenz? Für die Norditaliener ist natürlich der Ferrari 849 Testarossa ein Gegner. Dessen V8-Plug-in-Hybrid leistet 772 kW / 1050 PS, beschleunigt in weniger als 2,3 Sekunden auf 100 km/h und in 6,35 Sekunden auf 200 km/h. Mit 1570 Kilogramm Trockengewicht und 1,5 Kilogramm pro PS ist der Ferrari auf dem Papier leichter und explosiver. Noch eine Klasse darüber rangieren die streng limitierten Hypercars Ferrari F80 und McLaren W1: Der F80 hat 883 kW / 1200 PS, wiegt trocken 1525 Kilogramm und schafft 200 km/h nach 5,75 Sekunden Der 1399 Kilogramm schwere W1 schickt 938 kW / 1275 PS ausschließlich an die Hinterräder und kommt nach 5,8 Sekunden auf 200 km/h.

Beim Quartett gewinnt der Revuelto SV also nicht. Sein Reiz liegt woanders: Kein direkter Rivale verbindet einen bis 9500 U/min drehenden V12-Sauger mit elektrischem Allrad-Torque-Vectoring, und einem derart konsequent auf Rückmeldung getrimmten Fahrwerk. Der SV ist weniger ein stärkerer Revuelto als der Versuch, aus dem schweren Hybrid-Supersportwagen einen möglichst kompromisslosen Rennwagen zu machen.

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Wolfgang Gomoll

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Wolfgang Gomoll beschäftigt sich mit dem Thema Elektromobilität und Elektroautos und verfasst für press:inform spannende Einblicke aus der E-Szene. Auf Elektroauto-News.net teilt er diese mit uns. Teils exklusiv!

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