Die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran wird die globalen Energiemärkte nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) dauerhaft verändern. „Die globale Energiekarte wird neu gezeichnet„, so der IEA-Chef Fatih Birol am Montag in Wien. Er bezeichnete die Lage erneut als größte Energiekrise der Geschichte – und zeichnete ein Bild, das weit über die aktuelle Situation hinausreicht.
Die wichtige Schifffahrtsroute im Persischen Golf habe ihren Ruf als verlässlicher Handelsweg unwiederbringlich verloren. „Der Schaden ist angerichtet“, so Birol. Importeure würden sich nun dauerhaft anderen Lieferanten zuwenden. Für Europa bedeute dies nach dem russischen Angriff auf die Ukraine bereits den zweiten großen Energieschock binnen weniger Jahre. Der Kontinent beziehe seinen Flugtreibstoff beispielsweise zunehmend aus Nigeria. Parallel führe die IEA Gespräche mit Kanada und Brasilien, um alternative Versorgungsquellen zu sichern.
Der aktuelle Rohölpreis liegt laut IEA bei etwa 93,50 Euro pro Barrel – fast doppelt so hoch wie vor der Krise. Birol warnte, dass die hohen Preise das globale Wirtschaftswachstum dämpften und bis zu einer diplomatischen Lösung noch weiter steigen könnten. Eine endgültige Antwort auf die Krise könne nicht aus dem Energiesektor kommen, betonte er ausdrücklich. Sie müsse auf diplomatischem Weg durch eine vollständige Öffnung der Straße von Hormus erreicht werden.
Verkehr und Strom: Wo die Wende schneller kommt
Langfristig erwartet Birol als Reaktion auf die Krise einen deutlichen Technologieschub – vor allem im Verkehrssektor. Dieser verantworte rund die Hälfte des weltweiten Ölverbrauchs. Sinkende Batteriekosten dürften E-Autos und künftig auch Elektro-Lkw stark voranbringen. Birol zog dabei Parallelen zur Ölkrise der 1970er Jahre, die damals zu einer deutlichen Effizienzsteigerung in der Autoindustrie geführt hatte. Ähnlich strategische Antworten seien nun erneut erforderlich.
Bei der Stromerzeugung rechnet der IEA-Chef mit einem beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien sowie der Kernkraft. In Teilen Asiens könnte jedoch Kohle eine Renaissance erleben, um ausbleibende Öl- und Gaslieferungen zu kompensieren. Die Krise zeige damit zwei Gesichter: In westlichen Industriestaaten dürfte sie die Dekarbonisierung beschleunigen, während ärmere Regionen möglicherweise auf günstigere, aber emissionsintensivere Alternativen zurückgreifen.
Birol machte deutlich, dass die Energiewende durch die aktuelle Lage nicht gebremst, sondern unter Druck gesetzt werde – im Sinne eines Katalysators. Wie schnell und gleichmäßig diese Entwicklung global verläuft, hängt nach seiner Einschätzung maßgeblich davon ab, wie rasch eine diplomatische Lösung im Nahen Osten gelingt.
Quelle: Reuters – IEA-Chef: Hormus-Krise verändert Energiemärkte dauerhaft









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