GAC: “Zeitpläne mussten mehr als einmal verschoben werden”

GAC: “Zeitpläne mussten mehr als einmal verschoben werden”
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GAC | GAC Aion UT – Erstes Modell für Deutschland

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 8 min

Lin Xiaowei verantwortet als Chief Quality Officer die Qualität bei GAC und damit auch die Frage, ob ein Aion aus Graz mit einem aus Guangzhou mithalten kann. Li Jian ist als Director of Channel & Marketing bei GAC International für Vertrieb und Marketing im internationalen Geschäft zuständig und entscheidet mit, über welche Partner und mit welcher Botschaft die Marke ihre Kund:innen erreicht. Beide sprechen für einen Konzern, der seit 1997 besteht, mit Toyota und Honda Gemeinschaftsunternehmen betreibt und im Juli die Marke von 30 Millionen produzierten und verkauften Autos überschritten hat. In Europa ist GAC inzwischen in 30 Märkten vertreten, Ende 2026 folgt Deutschland.

Die Debatte um chinesische Autohersteller in Europa kreist meist um Preise, Zölle und die schiere Zahl neuer Marken, die gleichzeitig bei den Autohäusern vorstellig werden. GAC versucht, den Blick auf etwas anderes zu lenken: auf Ingenieursqualität, auf die Fertigung bei Magna in Graz und auf einen langen Atem. Bemerkenswert ist dabei weniger das Versprechen als das Eingeständnis, das gleich zu Beginn fällt. Die Zeitpläne für Europa mussten mehr als einmal verschoben werden. Ebenso aufschlussreich sind die Stellen, an denen Antworten vage bleiben oder ganz ausbleiben.

Im Austausch mit Elektroauto-News-Herausgeber Sebastian Henßler äußern sich Lin Xiaowei und Li Jian zum gleichzeitigen Start von Aion V und Aion UT in Deutschland, zum Profil der gesuchten Handelspartner und zu den ersten Rückmeldungen europäischer Kund:innen. Es geht um Qualitätssicherung bei einem Auftragsfertiger, um Datenspeicherung und Software-Updates, um die Ziele für 2030 und um die Frage, wie lange GAC durchhält, falls der Absatz hierzulande hinter den Erwartungen zurückbleibt. Wo Antworten offenbleiben, ordnet die Redaktion kurz ein. Den ausführlichen Hintergrundbericht zur Europa-Strategie von GAC gibt es hier.


Zwei Jahre später: Was in Europa anders lief

Sebastian Henßler, Elektroauto-News: Als ich GAC 2024 in Paris getroffen habe, war GAC Europe ein Messestand und ein Plan. Heute bauen Sie Autos in Graz und verkaufen sie in mehreren europäischen Märkten. Was ist in Europa anders gelaufen, als Sie es vor zwei Jahren erwartet hatten?

GAC: GAC bewegt sich in Europa vom Markteintritt hin zu einer dauerhaften lokalen Präsenz und lokalisiert entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von Design und Fertigung über Vertrieb und Service bis zum Ökosystem. Das Advanced Design Centre in Mailand ist in Betrieb, Aion V und Aion UT werden gemeinsam mit Magna in Graz produziert, und in Rotterdam arbeitet ein europäisches Ersatzteilzentrum. GAC ist derzeit in 30 europäischen Märkten aktiv und baut sein Vertriebs- und Servicenetz weiter aus. Diese Fortschritte sind erfreulich, aber wir hatten erwartet, noch schneller voranzukommen. Unsere Zeitpläne mussten mehr als einmal verschoben werden.

Deutschland startet Ende des Jahres mit dem Aion UT. Warum gehen Sie mit nur einem Modell in den größten E-Auto-Markt Europas, obwohl der Aion V in anderen Ländern bereits verkauft wird?

In Deutschland planen wir, Aion V und Aion UT zur selben Zeit einzuführen.

Wann folgt der Hyptec HT in Deutschland?

Der Hyptec HT ist derzeit nicht als europäische Version vorgesehen. Weitere attraktive Modelle, die auf deutsche Kund:innen und den hiesigen Markt zugeschnitten sind, werden jedoch zu gegebener Zeit eingeführt. (Anm. d. Red.: In den Unterlagen zum Pariser Autosalon führt GAC den Hyptec HT unter den künftigen Produkten und bezeichnet ihn als wichtiges Exportmodell. Welche Modelle konkret für Deutschland folgen sollen, bleibt offen.)

Sie setzen auf ein klassisches Händlernetz unter Führung einer eigenen nationalen Vertriebsgesellschaft. Wie viele Händlerpartner stehen zum Start in Deutschland bereit, und welche Partner suchen Sie?

Zum Start streben wir ein Netz strategischer Händlergruppen in den wichtigsten deutschen Ballungsräumen an, um eine breite Abdeckung sicherzustellen. Langfristig soll daraus ein flächendeckendes Netz aus Verkaufs- und Servicepunkten werden. Wir arbeiten mit etablierten, familiengeführten Autohausgruppen und Mehrmarkenhändlern zusammen, die regional verwurzelt sind, einen guten Ruf im Kundenservice haben und bereits über Werkstätten für E-Autos verfügen. Über die eigene Vertriebsgesellschaft unterstützt GAC diese Partner mit Garantieleistungen, hoher Ersatzteilverfügbarkeit, zentralen Marketingkampagnen und spezieller Schulung für Techniker:innen.

Ein Dutzend chinesischer Marken klopft derzeit an dieselben Türen deutscher Händler. Warum sollte sich eine deutsche Händlergruppe für GAC entscheiden?

GAC verbindet die Erfahrung aus langjährigen Gemeinschaftsunternehmen mit Toyota und Honda mit eigener Fahrzeugentwicklung und intelligenten Technologien. Das europäische Markenversprechen “GAC. The Engineers” steht für Liebe zum Detail, strenge Standards und langfristigen Wert. Zudem baut das Unternehmen eine lokale Struktur in Europa auf, mit Produktion in Österreich, einem Teilezentrum in den Niederlanden und einem wachsenden Vertriebs- und Servicenetz. Ziel sind langfristige Beziehungen zu Partnern und Kund:innen.

Wie funktioniert der Service für deutsche Kund:innen ab dem ersten Tag, also Werkstattabdeckung, Teileversorgung und Reparaturzeiten?

Das Ersatzteilzentrum in Rotterdam versendet Bestellungen im Schnitt innerhalb von 36 Stunden, die Erfüllungsquote liegt bei über 95 Prozent. Ein in Europa ansässiges Technikteam reagiert binnen 48 Stunden auf Reparaturanfragen. Gemeinsam mit Allianz Partners bietet GAC europaweit drei Jahre kostenlose Pannenhilfe. Das Vertriebs- und Servicenetz in den europäischen Märkten wird weiter ausgebaut. (Anm. d. Red.: Zur Werkstattabdeckung in Deutschland und zu konkreten Reparaturzeiten macht die Antwort keine Angaben.)

Anfang 2025 hieß es uns gegenüber, GAC trete in Europa als Dachmarke auf, mit Aion und Hyptec darunter. In Deutschland wird Aion nun als Elektromarke präsentiert. Welchen Markennamen sollen sich deutsche Kund:innen merken, und warum der Wechsel?

In Europa lautet das Markenversprechen “GAC. The Engineers”. Aion und Hyptec sind Produktmarken im Portfolio von GAC. Aion konzentriert sich auf Elektroautos, Hyptec bietet Premiummodelle, darunter SUVs. Im Zentrum der europäischen Strategie stehen Ingenieursqualität, intelligente Technologie und eine dauerhafte lokale Präsenz.

Der Aion UT soll unter 30.000 Euro kosten. 2025 betonten Ihre Kolleg:innen, nicht als Billigmarke wahrgenommen werden zu wollen. Wie halten Sie diese Linie, wenn der Preiskampf unter chinesischen Marken härter wird?

Die europäische Positionierung von GAC beruht auf Ingenieurskunst, Qualität, intelligenter Technologie und langfristigem Wert, nicht allein auf dem Preis. Das Unternehmen stützt sich auf jahrzehntelange Erfahrung aus den Gemeinschaftsunternehmen mit Toyota und Honda sowie auf eigene Entwicklungs- und Fertigungskompetenz. Zudem investiert es in lokale Produktion, Serviceinfrastruktur und Partnerschaften, um Kund:innen über die gesamte Nutzungsdauer zu begleiten.

Herr Lin, als Chief Quality Officer: Der Aion UT wird von Magna in Graz mit Technik aus China gebaut. Wie stellen Sie sicher, dass ein UT aus Graz denselben Standard erreicht wie einer aus Guangzhou, und wer hat bei der Qualität das letzte Wort, GAC oder Magna?

Lin Xiaowei, GAC: GAC wendet sein Produktionssystem GPS 3.0 in seinen Werken an, um über alle Märkte hinweg einheitliche Qualitätsstandards zu sichern. Das System entstand aus jahrzehntelanger Erfahrung mit Toyota und Honda und ist unter anderem in Österreich im Einsatz. Die Partnerschaft mit Magna ermöglicht es, Aion V und Aion UT in Graz nach europäischen Standards zu montieren. Erklärtes Ziel ist ein einheitliches Qualitätsniveau in allen Werken.

Sie bauen lokale Lieferketten schrittweise auf, beginnend mit Glas und Rädern. Welche Komponenten folgen als Nächstes, und wie qualifizieren Sie einen europäischen Zulieferer?

Dazu können wir uns derzeit nicht äußern.

Steht die lokale Beschaffung von Batteriezellen auf der Agenda, oder kommen die Zellen weiterhin aus Asien?

Dazu können wir uns derzeit nicht äußern.

Sie haben inzwischen Daten aus den ersten europäischen Märkten. Was sind bislang die häufigsten Beschwerden oder Garantiefälle, und was haben Sie daraufhin geändert?

Die häufigsten frühen Rückmeldungen betrafen das digitale Erlebnis, insbesondere das vernetzte Cockpit. Unsere Priorität war, die Erwartungen vor Ort schnell zu verstehen und mit praktischen Verbesserungen zu reagieren. Per Over-the-Air-Update haben wir bereits Android Auto nachgereicht, die Einbindung von Apple CarPlay an lokale Nutzungsgewohnheiten angepasst und die Wärmepumpe verbessert. Weitere Updates für Sprachassistent, Systemsprachen und Displaydarstellung sind in Arbeit. Dieser schnelle Kreislauf von der Rückmeldung bis zum Update bleibt zentral für unseren Ansatz in Europa.

Europäische Kund:innen sind bei Software und Daten sensibel. Wo werden die Daten europäischer Kund:innen gespeichert und verarbeitet, und wie handhaben Sie Over-the-Air-Updates unter den EU-Regeln zur Cybersicherheit?

Für die europäische App und die vernetzten Dienste nutzen wir Cloud-Infrastruktur in den Niederlanden und Irland. Unsere Richtlinien geben der Speicherung und Verarbeitung personenbezogener Kundendaten in Europa Vorrang. Jede Verarbeitung durch Dienstleister muss die Anforderungen der DSGVO erfüllen, einschließlich Schutzmaßnahmen bei internationalen Übertragungen. Unsere Update-Prozesse sind auf die UN-Regelungen R155 und R156 zu Cybersicherheit und Software-Updates ausgelegt, einschließlich Prüfungen von Echtheit, Integrität und sicherer Installation.

2025 lauteten die Ziele 30 Händler und rund 3000 Zulassungen in Europa bis Jahresende sowie 15.000 Autos im Jahr 2026. Wo stehen Sie heute tatsächlich?

Das Vertriebsnetz von GAC umfasst inzwischen 30 europäische Märkte. Von Januar bis September haben sich unsere Verkäufe an Endkund:innen in Europa gegenüber dem Vorjahr mehr als verzwölffacht. Wir bauen unsere Präsenz stetig aus und wachsen nachhaltig.

Magna ist Auftragsfertiger, und Sie prüfen weitere Kapazitäten in Europa. Ist langfristig ein eigenes Werk geplant, oder bleiben Sie bei Partnern? Welche Modelle werden als Nächstes lokal gebaut?

GAC lokalisiert seine europäische Wertschöpfungskette und prüft weitere Kapazitäten in Europa. Für 2027 ist ein voll funktionsfähiges europäisches Forschungs- und Entwicklungszentrum geplant, das Produkte für die lokalen Märkte definiert, die Einhaltung von Vorschriften sicherstellt und das Nutzungserlebnis entwickelt.

Der GAC-Slogan auf der IAA 2025 stellte Beharrlichkeit über Tempo. Wenn die Verkäufe in Deutschland zwei oder drei Jahre unter den Erwartungen bleiben: Wie lange investiert GAC weiter?

GAC ist langfristig in Europa engagiert. Wir werden uns nicht wegen kurzfristiger Absatzschwankungen zurückziehen. Stattdessen werden wir die Lokalisierung weiter vertiefen und das dauerhafte Vertrauen europäischer Kund:innen gewinnen, durch Ingenieursqualität, ein umfassendes Servicenetz und das lokale Ökosystem, das wir mit unseren Partnern aufbauen.

Im Juni sagte Niels de Gruijter, bei GAC Europe für Vertrieb und Marketing verantwortlich, man prüfe den Standort für ein eigenes Entwicklungszentrum in Europa. Ist die Entscheidung gefallen, und was genau soll dort entwickelt werden?

Das Forschungs- und Entwicklungszentrum ist für 2027 geplant. Es wird Produkte für die lokalen Märkte definieren, die Einhaltung von Vorschriften sicherstellen und das Nutzungserlebnis entwickeln.

Wo soll GAC 2030 in Deutschland stehen, in Zahlen und in der Wahrnehmung der Marke?

Bis 2030 will GAC außerhalb Chinas jährlich eine Million Autos verkaufen, in 120 Ländern und Regionen präsent sein und mehr als 2000 Verkaufs- und Servicepunkte betreiben. In Europa will das Unternehmen eine dauerhafte lokale Präsenz aufbauen und durch Ingenieursqualität, lokale Partnerschaften, Kundenservice und passgenaue Produkte zu einer vertrauenswürdigen Marke werden. Für Europa peilt GAC bis 2030 einen Jahresabsatz von 210.000 Autos an und will zu den 15 wichtigsten Marken für Elektroautos und Plug-in-Hybride im Massenmarkt der Region zählen.

Disclaimer: GAC hat zum Austausch mit der Marke nach Paris eingeladen und hierfür die Reisekosten übernommen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung. // Die Antworten wurden schriftlich und, sofern nicht anders gekennzeichnet, gemeinsam von Lin Xiaowei und Li Jian gegeben. Sie wurden aus dem Englischen übersetzt und leicht gekürzt.

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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