Ford E-Transit: Arbeiter mit Akku – Unsere Eindrücke

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Wolfgang Plank

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Die E-Mobilität gewinnt an Fahrt – aber irgendwie denken alle immer bloß bis zum eigenen Gefährt. Doch gerade in Innenstädten sind eben nicht bloß Pkw unterwegs, sondern jede Menge Nutzfahrzeuge. Nach wie vor hauptsächlich mit Selbstzündern. Am Steuer: Lieferanten, Heizungsbauer, Fliesenleger – und natürlich Elektriker. Ihr üblicher Tagesablauf. Am Tag kurze Strecken, nachts ausreichend Zeit zum Laden. Im Grunde wie gemacht für Batterie-Antrieb. Da wartet ein gewaltiger Markt.

Hat sich auch Ford gedacht. Lange Zeit kam dort in Sachen E-Auto keine rechte Spannung auf. In der Tradition des Heimatmarktes USA und seiner Pick-ups begeisterte man sich nur schwer für Technik abseits des Brennraums. Mittlerweile jedoch steht der Konzern unter Strom. Und zwar massiv. Ab 2030 sollen alle Pkw in Europa rein elektrisch fahren, bei den Nutzfahrzeugen wenigstens zwei Drittel. Den Anfang dort macht nun der Transit. Als Plug-in bewährt er sich schon länger – im Mai nun kommt er als Strom-Kasten pur.

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Zur Wahl stehen 135 kW (184 PS) oder 198 kW (269 PS). Das ist selbst in der kleinen Version weit mehr als die bislang üblichen Dieselmotoren so bereithalten. Mit Längen von 5,53 bis 6,71 Meter, Dachhöhen von 2,44 bis 2,71 Meter und Laderäumen von 7,2 bis 15,1 Kubikmeter dürfte für ziemlich jedes Geschäftsmodell etwas dabei sein. Auch Pritschen mit normaler oder doppelter Kabine sind selbstverständlich im Angebot. Die Zuladung variiert zwischen 0,7 und 1,6 Tonnen. Pfiffig: ein bis zu 2,3 kW starker 230-Volt-Anschluss für Maschinen oder Kühlaggregate.

Knappe 320 Kilometer schafft die Unterflur-Batterie mit einer nutzbaren Kapazität von 68 kWh im besten Fall – und damit zwar nicht ganz so viel wie der E-Ducato mit der großen Batterie, aber mehr als die Konkurrenz von Mercedes, VW und Renault. Unter realen Bedingungen sind es zwar doch ein paar Kilometer weniger. Vor allem, wenn man einigermaßen zügig unterwegs sein will. Eins aber ist im Hause Ford unausgesprochen klar: Selbst voll beladen und mit Heizung im Winter – unter 160 Kilometer wird der Radius nicht fallen. Apropos Radius: Die Lenkung dürfte gerne ein wenig mehr Rückmeldung geben. Dafür bewahrt das Schraubenfeder-Fahrwerk in Kurven ordentlich Haltung. Und: Mit Rekuperation auf höchster Stufe und geübtem Blick nach vorn lässt sich der E-Transit fast ohne Bremse bewegen.

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So oder so ist irgendwann der Saft alle. Muss es ganz schnell gehen, zapft der E-Transit Gleichstrom mit bis zu 115 kW. Heißt übersetzt: von 15 bis 80 Prozent Batterie-Füllstand verstreichen nur gut 30 Minuten. An der normalen Steckdose vergehen mit dem 11,3-kW-Onboard-Lader etwas mehr als acht Stunden. Aber zwischen 20 Uhr abends und vier Uhr morgens sind auch nur die wenigsten Handwerker im Einsatz.

Ansonsten galt im Segment gewerblicher Mobile lange: Praktisch muss so ein Wagen sein, robust und vor allem zuverlässig. Heißt ja nicht ohne Grund Nutzfahrzeug. Für große Gefühle gibt’s wahrlich andere Autos. Mittlerweile denkt man auch hier anders. Nur nützlich war gestern. Im neuen E-Transit darf Freude aufkommen. Sogar im harten Alltag. Weil auch ein Transporter mehr bewegen soll als nur Päckchen, Werkzeug oder Menschen.

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Und so gibt es bequeme Sitze, 12-Zoll-Display – und jede Menge Platz für Handy, Paketscanner, Laptop, Wasserflaschen, Kaffeebecher, Zollstock, Taschenlampe, Lieferscheine, Handschuhe und all die anderen Dinge, die man den Arbeitstag über halt so braucht. Auch an USB- und 12-Volt-Dosen herrscht kein Mangel. Auf Wunsch ebenfalls im Angebot: Notbrems-Assistent mit Fußgänger-Erkennung, Abstands-Tempomat, Rundum-Kamera, Totwinkel-Späher und Sensoren, die warnen, bevor man sich hässliche Dellen in die lange Flanke fährt.

Fragt sich nur, ob der Chef all die hübschen Kleinigkeiten für mehr Sicherheit und mehr Komfort auch ordert? Üblicherweise ist der Einstandspreis ja das Kriterium schlechthin – und das Budget grundsätzlich klein. Immerhin gibt’s schon in der Basisversion Klima-Automatik, Heizung für Sitze und Frontscheibe sowie das Kommunikationssystem SYNC 4 samt „Always-on“-Konnektivität. Navi inklusive Reichweitenanzeige ist allerdings der besseren Ausstattungslinie „Trend“ vorbehalten.

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Alle E-Transit in Deutschland sind als Lkw zugelassen. Die ersten Serienmodelle rollen derzeit im türkischen Werk Kocaeli vom Band. Das Einstiegsmodell des Kastenwagens startet bei 66.455 Euro (netto: 55.845 Euro). Das ist nicht wenig Geld – allerdings beziffert Ford die laufenden Einsparungen gegenüber einem traditionellen Hochverdichter auf rund 40 Prozent. Schließlich braucht der Strom-Kasten keinen sündhaft teuren Diesel – und die Wartungskosten liegen auch deutlich niedriger. Die Garantie für alle Hochvolt-Komponenten gilt acht Jahre (maximal 160.000 Kilometer).

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Gleichzeitig mit dem E-Transit startet im übrigen auch „Ford Pro“ – eine Art Rundum-Sorglos-Paket. Es umfasst Angebote zu Software, Ladetechnik, Service, Finanzierung und Fuhrpark-Management. Besonders die intelligente Steuerung von Service- und Reparaturarbeiten soll Standzeiten verringern. So ein gewerblicher E-Transit muss schließlich fahren und Geld verdienen.

Lange allein bleiben wird der E-Transit übrigens nicht. Für das kommende Jahr hat Ford bereits elektrische Custom-Versionen von Transit und Tourneo angekündigt, 2024 folgen dann die Courier-Modelle. Und sogar im Heimatmarkt denkt man um. Fords Traditions-Pick-up gibt es mittlerweile als „Lightning“: rein elektrisch und mit 563 PS stärker als alle F-150 vor ihm. Wenn das keine Trendwende ist.

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Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

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