Unternehmen zweifeln an Investitionsoffensive der Bundesregierung

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Michael Neißendorfer
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Mehr als eine halbe Billion Euro will die neue Bundesregierung in Deutschlands Zukunft investieren. Mit dem kreditfinanzierten Sondervermögen will die Große Koalition Vorhaben wie Infrastruktur und Digitalisierung beschleunigen. Das Investitionssofortprogramm wurde in der vergangenen Woche nach dem Bundestag auch durch den Bundesrat verabschiedet. Doch statt Aufbruchsstimmung herrscht in der Wirtschaft vor allem Skepsis.

„Den Unternehmen fehlt das Vertrauen in die Umsetzung. Lediglich ein Viertel der Unternehmen hält das Sofortprogramm der Bundesregierung für umsetzbar“, sagt Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius. Laut einer aktuellen Umfrage des internationalen Kreditversicherers rechnen viele Unternehmen nicht mit einem spürbaren Effekt auf ihre Investitionspläne und bezweifeln die Umsetzbarkeit des Programms.

Im März 2025 schaffte der Bundestag mit einer Grundgesetzänderung die Voraussetzung für ein Sondervermögen über 500 Milliarden Euro. Der in der vergangenen Woche durch Bundestag und Bundesrat verabschiedete Gesetzentwurf für ein steuerliches Investitionssofortprogramm zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland soll wachstumswirkende Investitionen anschieben und eine langfristige Entlastung und damit Planungssicherheit für Unternehmen geben. Allein dieses Jahr sind bereits Ausgaben von insgesamt rund 37 Milliarden Euro vorgesehen.

„Unternehmen hoffen vor allem auf eine Minderung der Bürokratie- und Steuerlasten“, so Frank Liebold. Demnach ist für knapp drei Viertel der Unternehmen der Bürokratieabbau bei Planungs- und Genehmigungsverfahren die wirksamste Maßnahme, um Investitionen im Unternehmen anzuregen. Gefolgt von der Absenkung der Unternehmenssteuer ab 2028 (58 Prozent) und Reformen zur Senkung der Energiekosten (52 Prozent). Auch steuerliche Abschreibungen auf Ausrüstungsinvestitionen bis 2027 (44 Prozent) und der Ausbau der digitalen Infrastruktur (43 Prozent) gelten als relevante Maßnahmen. Deutlich weniger Wirkung erwarten die Befragten von der Förderung der Elektromobilität (15 Prozent). Nach Einschätzung der Unternehmen, sollten die Mittel aus dem Sondervermögen vor allem in klassische Infrastrukturprojekte wie Verkehrswege, digitaler Ausbau und Wohnungsbau sowie in Bildung investiert werden.

Unsicherheit bleibt – trotz Rekordsummen

Trotz der Rekordhöhe des Sondervermögens halten lediglich rund acht Prozent der Befragten die Maßnahmen für vollkommen ausreichend, um die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland nachhaltig zu stärken. „Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen bleibt unentschieden bei der Bewertung der Maßnahmen, was die Bedenken seitens der Unternehmen unterstreicht“, mahnt Frank Liebold. Fast jedes fünfte Unternehmen beurteilt das Programm als (eher) unzureichend.

Auch bei der Umsetzbarkeit überwiegt die Skepsis: Zwar halten rund ein Viertel das Sofortprogramm der Bundesregierung für gut oder sehr gut umsetzbar, mehr als 70 Prozent sehen jedoch erhebliche oder grundlegende Umsetzungsprobleme. „Verzögerungen bei Gesetzgebung und Genehmigungen stellen für knapp 84 Prozent der Unternehmen den Hauptgrund für das Scheitern der Maßnahmenumsetzung dar“, so Liebold. Weitere Kritikpunkte sind der Fachkräftemangel (53 Prozent), unklare Prioritäten (48 Prozent), der Widerstand durch die Länder oder Zivilgesellschaft (32 Prozent) sowie eine schwerfällige Verwaltung (30 Prozent). Auch finanzielle Risiken wie Mittelumwidmungen oder künftige Sparrunden bergen für ein Viertel der Unternehmen Unsicherheiten.

Standort Deutschland braucht Planungssicherheit

Sollten die Maßnahmen zügig und effizient umgesetzt werden, sehen viele Unternehmen konkrete Vorteile für sich: 66 Prozent erwarten einen sinkenden bürokratischen Aufwand bei Verwaltung und Genehmigung, 64 Prozent bessere Investitionsbedingungen durch steuerliche Maßnahmen und jedes zweite Unternehmen rechnet mit einer günstigeren Energieversorgung. „Die Unternehmen sind bereit zu investieren, sie brauchen jedoch klare Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Damit das Sondervermögen die gewünschte Wirkung entfalten kann, müssen Entscheidungsprozesse deutlich effizienter werden“, betont Liebold. Nur so könne das Vertrauen in den Standort Deutschland nachhaltig gestärkt werden.

„Das in der vergangenen Woche verabschiedete Gesetz ist mit den Beschlüssen zur Ausweitung von Abschreibungsmöglichkeiten und der Reduzierung der Unternehmenssteuer ein Anfang, um Investitionen für Unternehmen wieder schmackhaft zu machen und das Wirtschaftswachstum voranzutreiben. Der Erfolg steht und fällt jedoch mit dem Abbau von Bürokratie und dem Ausbau der Digitalisierung, um den Booster auch zeitnah umsetzen zu können“, so Liebold.

Für die im Juni dieses Jahres durchgeführte Umfrage wurden mehr als 480 Unternehmen unter anderem aus den Branchen Automotive, Bauwirtschaft und Baustoffhandel, Chemie, Dienstleistungen, Elektronik, Finanzen, IT/Software, Konsumgüter, Landwirtschaft, Lebensmittel, Maschinenbau, Metall, Papier, Textil sowie Transport befragt. Die Jahresumsatzspanne der befragten Unternehmen reicht von unter fünf Millionen bis über einer Milliarde Euro. Die Zahl der Beschäftigten liegt bei den befragten Unternehmen zwischen unter 100 und mehr als 1500.

Quelle: Atradius – Pressemitteilung vom 14.07.2025

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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