VW Händler verlieren mit jedem ID.4-Verkauf bares Geld gegenüber Verbrenner

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Alexander Voigt
Alexander Voigt
  —  Lesedauer 11 min

Es ist ein Teil meiner täglichen Arbeit, die deutsche Automobilindustrie zu analysieren und zu versuchen zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Wie auch im privaten Leben gibt es immer verschiedene Grautöne aber wenn man die Farben sorgfältig trennt, bleibt letztendlich nur Schwarz und Weiß übrig.

Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass es eine große Lücke gibt zwischen dem, was Manager der Automobilindustrie in der Öffentlichkeit bestätigen und dem, was sie intern sagen und tun. Das ist vielleicht nicht überraschend sollte es aber sein. Den Unterschied zwischen diesen beiden herauszufinden, ist in der Regel eine Arbeit, die es erfordert, ‚zwischen den Zeilen lesen’ zu lernen und ‚jeden Stein umzudrehen’. Wenn das gelingt eröffnet sich eine neue Perspektive. Als hypersensibler Mensch und einem den Experten einen Asperger nennen, habe ich glücklicherweise einige wertvolle Fähigkeiten, die mir dabei helfen, Körner der Wahrheit zu finden, wo andere hilflos sind.

Heute brauche ich meine ‚geheimen Superkräfte‘ aber nicht einzusetzen, denn ich habe ein vertrauliches Volkswagen-Dokument erhalten (Einen besonderen Dank an Antoine), dass nur für den internen Gebrauch bestimmt ist. Es gibt uns lehrreiche Einblicke, wie das Volkswagen-Management die Händler für jeden verkauften ID.4 kompensiert. Das vertraulich eingestufte Dokument, das auf meinem Schreibtisch liegt, wurde an französische Händler geschickt und ermöglicht es mir, Fehlinformationen zu beweisen, die einige von Ihnen vielleicht sogar als Lügen von Volkswagen bezeichnen würden. Es ermöglicht mir weiterhin festzustellen, dass die Behauptungen, die Greenpeace kürzlich über VW aufgestellt hat, richtig sind.

Alexander Voigt

Greenpeace hat eine Volkswagen Studie veröffentlicht, die zu folgenden Ergebnissen kommt:

Greenpeace behauptet, mit Händlern gesprochen zu haben, die eine ID.3-Verkaufsmarge von 6% mitteilten was etwa 8% niedriger ist als die durchschnittliche Marge von 14% für den Verkauf eines Verbrenners. Wenn diese Information korrekt ist, sollte es nicht überraschen, dass von den 25 befragten Händlern der Studie in Deutschland 17 den Kauf eines Verbrenners empfohlen haben aber nur ein Händler den ID.3. Das Verhältnis von 25:1 steht in krassem Gegensatz zu dem, was VW offiziell behauptet, nämlich den Verkauf von Elektroautos zu forcieren und den Übergang zum nachhaltigen Transport zu beschleunigen.

Das neu für die ID eingeführte VW-Händler-Agenturmodell sieht eine feste Provision oder Basismarge für den Händler vor. Im Vergleich zu Verbrenner-Fahrzeugen müssen Händler die Fahrzeuge nicht mehr im Voraus kaufen und finanzieren, was die Kosten reduziert. Dies macht den Händler zu einem Agenten für VW und eliminiert die Finanzierungskosten, aber auch die Flexibilität, da die Preise eines ID.3 oder ID.4 fixiert sind und die Händler keine Rabatte geben können, um den Verkauf dadurch zu fördern. Hinzu kommt, dass Elektroautos einen deutlich geringeren Wartungs- und Servicebedarf haben, was den Verkauf eines ID für einen Händler ebenfalls weniger attraktiv macht. Zusätzlich zur Provision erhalten die Händler einen Bonus, wenn sie eine bestimmte Anzahl von Fahrzeugen verkaufen. Dieser Bonus entfällt bei Elektroautos ersatzlos.

Konfrontiert mit den Ergebnissen der Greenpeace-Studie, in der 56 unbezahlte Greenpeace-Mitarbeiter mit 50 von 865 Händlern, die den ID.3 in Deutschland verkaufen, sprachen, lehnte VW zunächst eine Stellungnahme ab, gab aber kurz darauf gegenüber 24auto.de folgendes Statement ab:

"Der ID.3-Verkauf wird in diesem Programm sogar überproportional gefördert. In diesem Zusammenhang bitten wir um Verständnis, dass wir aus Wettbewerbsgründen keine internen Zahlen zur Frage der Händlermargen nennen können."

Das mir vorliegende vertrauliche Volkswagen-Dokument belegt eine Basismarge von nur 4,5% und 0% Bonus für den ID.4 und macht ihn dadurch für jeden Händler, im Vergleich zu einem Verbrenner oder Hybrid im Verkauf unattraktiv. Im Bereich Service und Instandhaltung ist er es sowieso schon.

Verglichen mit der durchschnittlichen Basismarge eines Verbrenners von 14% bedeutet jeder verkaufte ID.4 einen Einkommensverlust von mindestens 9,5% für den Händler. Berücksichtigt man den Schwellenwertbonus, den ein Verbrenner erhalten kann, beträgt die Differenz schnell mehr als 10%. Rechnet man die zukünftigen Wartungs- und Servicekosten für einen verkauften Verbrenner hinzu, erhöht sich der Einkommensverlust weiter. Die nicht notwendigen Finanzierungskosten in einer Zeit der Negativzinsen bieten stattdessen keinen nennenswerten Vorteil.

Ein Einkommensverlust von 10% für ein Fahrzeug ist eine Menge Geld für einen Händler, der einen ID.4 verkauft hat, aber stattdessen auch einen Verbrenner oder Hybrid hätte verkaufen können. Auch wenn sich die Zahlen je nach Land leicht unterscheiden mögen, bleiben die Gesamtaussage und das Ergebnis dasselbe.

Wenn wir das Volkswagen Dokument mit den Behauptungen und Ergebnissen der Greenpeace-Studie vergleichen, können wir die Schlussfolgerung ziehen, dass die Aussagen von Volkswagen schlichtweg falsch sind und manche mögen sie sogar als Lüge bezeichnen.

Die Aussage von Volkswagen, der „ID.3-Verkauf wird in diesem Programm sogar überproportional gefördert“, ist für den ID.4 definitiv nicht zutreffend und die Annahme liegt nahe, dass sie auch für den ID.3 falsch ist. Beide Modelle unterscheiden sich nicht wesentlich und werden sich deshalb auch nicht wesentlich in der Händlermarge unterscheiden. Für den ID.4 in Frankreich beträgt die Händlermarge definitiv 4,5% ohne Bonus und die von Greenpeace veröffentlichten 6% Marge ohne Bonus für den ID.3 erscheinen in diesem Zusammenhang sehr realistisch.

Die schlechte Nachricht ist noch nicht einmal, dass die Händler einen Malus bekommen, wenn sie einen ID anstelle eines Verbrenners verkaufen, die schlechte Nachricht ist, dass VW sich nicht geändert hat und die Öffentlichkeit weiter belügt. Volkswagen verkauft nicht jeden Elektrowagen den sie verkaufen könnten, sondern versucht offensichtlich den optimalen Fahrzeugmix zu finden, um den höchstmöglichen Gewinn zu erzielen. Trotz Strafzahlungen von mehreren hundert Millionen Euro in 2020 aufgrund nicht erreichter CO2 Flottenwerte stehen diesen Kosten die höheren Gewinnen beim Verkauf von Verbrennern gegenüber. Der Klimawandel und CO2-Ausstoß ist dabei für das Management nicht von Bedeutung.

Volkswagen hat in der Vergangenheit auf kriminelle Art und Weise mit ausgeklügelten Täuschungsmanövern die Öffentlichkeit über die wahren Emissionen ihrer Fahrzeuge belogen und seine Kunden dabei um Milliarden betrogen. Der Nebeneffekt war und ist eine Beschleunigung des Klimawandels. Der finanzielle und rufschädigende Schaden war dabei groß, aber mit dem Antritt des neuen Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess erklärte man, das Unternehmen habe sich nun geändert.

In den letzten 5 Jahren wiederholte Volkswagen durch seine Marketing- , Public Relations-Abteilung und auch durch das Management immer wieder, dass das Unternehmen den Wandel zum nachhaltigem Klimaschutz betreibt und beschleunigt.

"Die Wahrheit ist, dass Volkswagens Priorität Nr. 1 der nachhaltige Gewinn ist. Wenn es wirklich darum ginge, den Übergang zu nachhaltigem Transport zu beschleunigen, würde Volkswagen die Händler kompensieren, so viele ID.3 und ID.4 wie möglich zu verkaufen, aber sie motivieren die Händler stattdessen Verbrenner und Hybride zu priorisieren."

Wir müssen erkennen, dass Volkswagen seine Kunden und die Öffentlichkeit wie in der Vergangenheit belügt und den Profit in das Zentrum seiner Handlung stellt. Profit zu machen ist nicht negatives aber dann sollte Volkswagen aufhören zu behaupten sie haben ein Interesse am Klimaschutz.

Dieser Artikel ist im Dezember 2020 auf der US Webseite www.cleantechnica.com erschienen und wurde in der heutigen deutschen Version mit aktuellen Zahlen, Inhalten und Informationen angepasst.

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Alexander Voigt

Alexander Voigt

Alex Voigt unterstützt die Bewegung der Transformation in eine nachhaltige CO2 freie Welt seit 40 Jahren. Als Diplom Ingenieur ist er fasziniert von der Fähigkeit der Menschheit durch Technology eine bessere Zukunft zu erschaffen. Mit 30 Jahren Erfahrung an den Aktienmärkten ist er ein langfristig orientierter Investor in Tesla (TSLA) als auch anderer Technologieaktien.

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Strauss:

Ich bin gegenüber dem neuen Agenturverkauf sehr skeptisch.
Dies mag für Tesla in der Anfangszeit gepasst haben. Da verkauften die nur an Gutbetuchte, welche kaum ein gebrauchtes Auto eintauschen mussten.
Heute kommen aber bereits Elektrische zurück, von Kunden die einen mit grösserem Akku wollen. Dieses Rabattgeplänkel hier….
Das interessiert doch keinen Kunden, Für die zählt lediglich der Aufpreis zum Alten.Wer in der Rückverfolgungskette wieviel verdient oder verliert, lässt einem kalt.
Wo wollen die Agenturen die Gebrauchten abstellen?
Sicher können Bürolisten von der Agentur aus diese Autos ohne grosses Fachwissen auch über Homeoffice ins Netz stellen. Von da an erfolgt aber fachtechnische Knochenarbeit, bis diese noch Unverkauften bei einem neuen Eigentümer landen können. Also überlassen wir denen solche Arbeiten, die es am besten können . Und das sind die Automobilfachwerkstätten.

Strauss:

Der Meier hat viel Ahnung von Betriebswirtschaft und Technik? Offenbar will er sich jetzt noch als Autovertreter betätigen. Hoffentlich weiss er schon für welches Fabrikat, und erzählt nie was über Wirkungsgrad und Ladeverluste. Sonst werden ihn künftige Interessenten massregeln, und beim Wettbewerb kaufen.

Farnsworth:

Du hast es nicht verstanden. Wir müssen unsere Industrie schließen, wenn wir den Anschluss verpassen. Wenn Tesla, Renault und die Chinesen E-Autos anbieten, aber die deutschen Hersteller nicht, dann ist ganz schnell Schluß mit „Made in Germany“. Mit Dieseln kann man die Klimaziele nicht erreichen. Und wenn mir einer erzählt den Klimawandel gibt es nicht, der rennt mir Tomaten auf den Augen durch die Gegend. Ich sehe zu, wie der kleine See bei uns im Wald jedes Jahr mehr austrocknet. Neulich bin ich an einer Talsperre vorbeigefahren und war erschrocken wie niedrig der Wasserstand ist. Es wird was von Wohlstand und Bildung erzählt, aber nicht verstanden, dass eine intakte Umwelt die Grundlage für genau das ist. Die Umwelt ist das „Betriebssystem“ für unsere Existenz. Wenn wir hier bald Dauerdürre haben, dann gibt es keine Nahrung mehr, ohne Nahrung keinen Wohlstand.

Es gibt also im Mobilitätssektor nur 2 Optionen:
-Verzicht auf Mobilität oder
-Umweltfreundlichere Mobilität

Dieses Jahr hat gezeigt, dass auch die Option 1 eine ist. Es gab dieses Jahr viel Homeoffice und dramatisch weniger Dienstreisen. Und es funktioniert trotzdem.

Farnsworth

Koogle:

Alternative ist VW erhöht die Preise von ID3 und ID4 um 10%, um den Händlern eine bessere Marge geben zu können.

Dann kaufen die Leute bestimmt keine Elektroautos von VW.

Gerd:

1% kann ich mir gut vorstellen: die Karre war sauteuer und man wird sie nicht mehr ohne grobe Verluste los… kann es daran liegen? In meinem Fall jedefalls liegt es genau daran.

Silverbeard:

Das ist ja auch so, dass VW während des dritten Reichs Zwangsarbeiter (April ’45 etwa 7.700 in Wolfsburg) aus besetzten Gebieten und KZ Häftlinge (April ’45 etwa 800 befreit) eingesetzt hat. Warum machst Du das lächerlich?

Silverbeard:

Ich vermute sogar, das die Marge auf den Verkauf eines id bei VW bei Null oder negativ ist. Der Gewinn kommt durch die gesparte EU CO2 Strafe. Deshalb möchte VW auch nicht mehr Autos, als für die gesamte Strafe unbedingt notwendig, verkaufen.

Was im Artikel gar nicht angesprochen wird ist allerdings, dass die Händler für die grosse Marge auf verkaufte Verbrenner auch die Garantie übernehmen. Das ist beim id.3 und 4 nicht so.

Reinschwinger:

Die Werbekosten pro Fahrzeug betragen zwischen 20 und 300 Euro, mehr nur, wenn es eine Luxusmarke oder Kleinserie ist. Von 5000 Euro kann keine Rede sein.

Viel eher sollte man sich bei Volkswagen mal fragen, warum die neuen Autos fast ausschließlich mit Schickimicki Hochglanzfotos beworben werden. Wer kann sich damit identifizieren? Niemand! Und ganz sicher nicht die mögliche Käufergruppe.

Da hat dann doch Elon Musk recht wenn er das Marketing gleich komplett wegstreicht.

Robaum:

Da bleibt einem nur noch mit den Füßen abzustimmen und zu einer anderen Marke zu wechseln. Für mich war klar, dass mein erstes BEV kein VW mehr wird. Mein letzter Diesel aus dem Volkswagen Konglomerat hatte aus diesen Gründen kein AD Blue.

KaiGo:

War es nicht irgendwie auch so dass Tesla aktuell auch nicht so richtig viel mit seinen Autos verdient? Irgendwo habe ich doch gelesen, dass der Großteil der aktuellen Gewinne aus verkauften CO2 Zertifikaten stammt. Ich glaube das hat Elon Musk sogar selber gesagt

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