Klimaneutralität kostet Deutschland 290 Milliarden Euro pro Jahr

Klimaneutralität kostet Deutschland 290 Milliarden Euro pro Jahr
Copyright:

Shutterstock / 1149782072

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Vier Wochen vor dem Start der UN-Weltklimakonferenz hat die KfW neue Zahlen zum Investitionsbedarf in Deutschland für den Klimaschutz vorgelegt. Um das Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 zu erreichen, muss Deutschland nach Berechnungen von Prognos im Auftrag der KfW sechs Billionen Euro investieren. Das sind 290 Milliarden Euro im Jahr. Der Großteil dieser Investitionen, nämlich 45 Prozent, wird demnach im Bereich Verkehr anfallen, gefolgt von den Sektoren Energie (25 Prozent), Gebäude (22 Prozent) und Industrie (acht Prozent).

Deutschland stehe bei der Transformation zu einer klimaneutralen Gesellschaft vor „anspruchsvollen, aber machbaren Herausforderungen“, sagte Stefan Wintels, Vorstandschef der KfW, bei der Präsentation der Studie vor Journalisten. Investitionen in Höhe von sechs Billionen Euro bis 2045 sind eine enorme Kraftanstrengung. Der Betrag relativiert sich jedoch dadurch, dass Deutschland auch beim Festhalten an fossilen Technologien stark investieren müsste. Investitionen in den Klimaschutz haben zudem einen wirtschaftlichen Nutzen und verringern die steigenden Kosten durch den Klimawandel. Klimatechnologien bergen gleichzeitig große Chancen für die deutsche Wirtschaft.

So ist Deutschland zweitgrößter Exporteur von Klimaschutzgütern. Der Markt wächst rasant, deutsche Unternehmen können davon profitieren. Der Umstieg auf klimafreundliche Technologien dürfte zudem die Energiekosten senken, mit positiven Auswirkungen auf Unternehmen und private Haushalte. Andersherum birgt der Klimawandel große wirtschaftliche Risiken: So hat etwa die Hitzewelle 2026 die deutsche Wirtschaftsleistung deutlich geschmälert. Die durch Extremwetterereignisse verursachten Vermögensschäden in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren werden auf mehr als 50 Milliarden Euro geschätzt.

In der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2021 hatte Prognos im Auftrag der KfW noch einen Investitionsbedarf von fünf Billionen Euro ermittelt. Der Anstieg ergibt sich aus den Preissteigerungen der vergangenen Jahre und aus dem anhaltenden Investitionsstau. Privatwirtschaft, private Haushalte und Staat investierten in den Jahren 2018 bis 2023 in Deutschland im Schnitt 110 Milliarden Euro pro Jahr in den Klimaschutz. Bleibt es bei dieser Größe, ergibt sich bis 2045 eine Lücke von rund 180 Milliarden Euro im Jahr zum Erreichen der Klimaneutralität.

Das hohe Investitionsvolumen relativiert sich, wenn man berücksichtigt, dass auch in fossile Technologien weiter investiert werden müsste. Betrachtet man nur die zusätzlichen Investitionen im Vergleich zu einer konventionellen (fossilen) Referenztechnologie, so sind noch 65 Milliarden Euro im Jahr zusätzlich zu aktivieren. Das sind weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts – eine laut der Studie ambitionierte, aber leistbare Aufgabe.

Fast die Hälfte des Investitionsbedarfs, knapp drei Billionen Euro oder rund 140 Milliarden Euro jährlich, entfällt auf private sowie öffentliche Unternehmen – wobei Großunternehmen und Mittelständler ähnlich hohe Lasten zu schultern haben. Damit müssten die Unternehmen ihre Transformationsbemühungen deutlich erhöhen. 2024 gaben sie 80 Milliarden Euro für den Klimaschutz aus.

Besonders Unternehmen aus der Energieversorgung haben mit etwa 1,3 Billionen Euro massiven Handlungsbedarf. Im Fokus stehen dabei umfangreiche Investitionen in die Energieinfrastruktur, etwa Stromnetze oder Fernwärme, sowie in großflächige Anlagen für erneuerbare Energien. In der Industrie steht der technische Umbau energieintensiver Prozesse im Mittelpunkt, etwa die Umstellung der Stahlerzeugung auf wasserstoffbasierte Verfahren und die Elektrifizierung der Prozesswärme. Private Haushalte sind vor allem bei der Gebäudesanierung gefragt und müssen zudem von Verbrennern auf Elektroautos umsteigen.

Insgesamt entfallen knapp zwölf Prozent des Investitionsbedarfs oder 33 Milliarden Euro im Jahr auf die öffentliche Hand und 257 Milliarden Euro auf private Akteure. Besonders in Energie und Verkehr muss der Staat investieren. Beispielsweise handelt es sich dabei um Ausgaben in Stromverteilnetze und Fernwärme, Schieneninfrastruktur und den Aufbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge.

KfW

Die staatliche Förderbank KfW stehe bereit, Unternehmen, Privatleute und die öffentliche Hand bei der Umsetzung von Klimaprojekten zu begleiten, sagte KfW-Vorstandschef Stefan Wintels. Klar ist aber auch: Klimaneutralität gelingt nur mit der Mobilisierung von privatem Kapital. Mit dem Deutschlandfonds geht die KfW mit der Bundesregierung einen Weg, Kapital für Klimatransformationsprojekte bereitzustellen und private Investitionen zu stimulieren.

Die KfW will beim Klimaschutz eine treibende Kraft bleiben. Sie werde dieses Jahr im November erneut auf der UN-Weltklimakonferenz COP31 in Antalya vertreten sein. Seit 2017 hat die KfW rund 415 Milliarden Euro für Umwelt- und Klimafinanzierungen zugesagt. Auf der Konferenz wird sie den Austausch mit Partnerländern und internationalen Organisationen pflegen, um Marktzugänge für deutsche und europäische Unternehmen zu ermöglichen. Gleichzeitig setzt sie sich dafür ein, den Schutz globaler Güter wie Klima und Naturerhalt weiter voranzutreiben.

Quelle: KfW – Pressemitteilung vom 12.10.2026

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Politik

Ökonom gegen Pauschalzölle: WTO-Regeln statt Abschottung

Ökonom gegen Pauschalzölle: WTO-Regeln statt Abschottung

Sebastian Henßler  —  

Subventionen, zinslose Kredite, kostenlose Energie: Südekum kritisiert Chinas Industriepolitik, warnt aber vor 30 Prozent Zöllen nach trumpistischem Vorbild.

E-Auto-Prämie: Kinderfreibeträge zählen nicht doppelt

E-Auto-Prämie: Kinderfreibeträge zählen nicht doppelt

Sebastian Henßler  —  

Für die E-Auto-Prämie zählt allein das zu versteuernde Einkommen laut Steuerbescheid. Kinderfreibeträge werden nicht erneut abgezogen, stellt das BAFA klar.

Tesla nennt FSD um, um EU-Zulassung zu erleichtern

Tesla nennt FSD um, um EU-Zulassung zu erleichtern

Maria Glaser  —  

Tesla hat vor wenigen Tagen sein automatisiertes Fahrassistenzsystem „Full Self-Driving“ in Europa zu „Assisted Driving“ umbenannt.

Verkehrsminister Bilger strikt gegen Verbrenner-Aus

Verkehrsminister Bilger strikt gegen Verbrenner-Aus

Daniel Krenzer  —  

Verkehrsminister Steffen Bilger nennt das Verbrenner-Aus einen Fehler. Doch aktuelle Zulassungszahlen und sinkende Kosten sprechen klar für E-Autos.

Tesla FSD: Deutschland könnte vor der EU vorpreschen

Tesla FSD: Deutschland könnte vor der EU vorpreschen

Sebastian Henßler  —  

Die EU hat ihre Entscheidung über Teslas FSD auf Dezember vertagt. Viele Staaten warten auf Deutschland, wo sich Minister Bilger nun klar positioniert.

Erneuerbare-Referat weg: Reiche forciert fossilen Kurs

Erneuerbare-Referat weg: Reiche forciert fossilen Kurs

Daniel Krenzer  —  

Katherina Reiche löst das Referat für Wind, Solar und Transformationsindustrien auf – nicht nur für Verbände ein weiterer Beleg für ihren fossilen Energiekurs.