76 Prozent Gewinneinbruch: Deutsche Hersteller unter Druck

76 Prozent Gewinneinbruch: Deutsche Hersteller unter Druck
Copyright:

Mercedes-Benz

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Die weltweite Autoindustrie erlebte im dritten Quartal ein widersprüchliches Bild: Während viele Hersteller beim Umsatz und beim Absatz zulegen konnten, zeigten die Ergebniszahlen eine deutliche Schwäche. Laut einer aktuellen Auswertung der Finanzkennzahlen der 19 größten Konzerne stieg der Umsatz insgesamt um 4,1 Prozent, und auch der Absatz wuchs mit 3,8 Prozent in ähnlichem Umfang. Am Ende steht jedoch ein deutlicher Rückgang beim operativen Gewinn, der sich um 37 Prozent auf 18,9 Milliarden Euro verringerte und damit den niedrigsten Wert seit 2018 erreichte.

Für die deutschen Autokonzerne fiel die Entwicklung besonders negativ aus. Ihr kumulierter Gewinn brach gegenüber dem Vorjahr um 76 Prozent ein, obwohl Umsatz und Absatz weitgehend stabil blieben. Das operative Ergebnis lag bei 1,7 Milliarden Euro und damit so niedrig wie zuletzt im dritten Quartal 2009. In der Gesamtschau entwickelten sich die Unternehmen aus Deutschland schwächer als die Wettbewerber aus anderen großen Autonationen. Lediglich bei den Zulassungen schnitten einzelne Märkte wie Japan etwas schlechter ab.

Gleichzeitig verzeichneten die drei chinesischen Hersteller im Ranking – BYD, Geely und Great Wall Motors – zwar ein Umsatzplus von sieben Prozent und steigende Verkäufe um 13 Prozent, mussten jedoch ebenfalls einen Gewinnrückgang hinnehmen.

Die Margenentwicklung zeigt eine Branche am Wendepunkt ihrer Stabilität

Die Analyse von EY zeigt zudem, wie stark sich die Profitabilität der Branche verändert hat. Suzuki erreichte mit einer Marge von 9,2 Prozent im Quartal den höchsten Wert unter den untersuchten Konzernen, gefolgt von BMW mit 7 Prozent und Toyota mit 6,8 Prozent. Die meisten Unternehmen verbuchten jedoch geringere Margen als im Vorjahr. Der Durchschnitt lag bei 3,9 Prozent und damit auf dem niedrigsten Niveau seit mindestens einem Jahrzehnt. Seit 2023 hat sich dieser Wert mehr als halbiert, was den Druck verdeutlicht, unter dem die Industrie derzeit steht.

Constantin M. Gall, Mobility-Experte bei EY, beschreibt die Lage als tiefgreifend: „Die weltweite Autoindustrie steckt in einer tiefen Krise – allerdings sind es zurzeit die deutschen Autokonzerne, die besonders stark leiden.“ Er verweist auf mehrere Faktoren, die sich überlagern. Neben der anhaltenden Schwäche des Premiumsegments gehören dazu die handelspolitische Ausrichtung der USA, negative Währungseffekte sowie hohe Ausgaben für die Entwicklung neuer Elektroautos. Letztere hätten sich bislang nicht amortisiert. Zusätzlich belasteten umfangreiche Restrukturierungen die Bilanzen. Dieses Zusammenspiel führe zu einer schwierigen Gemengelage.

Gleichzeitig sieht Gall Perspektiven für eine Stabilisierung. Er betont, dass die aktuellen Belastungen teilweise mit Einmalkosten verbunden seien. Maßnahmen zur Kostensenkung könnten mittelfristig ihre Wirkung entfalten. Auch die strategische Neujustierung vieler Hersteller, die auf einem längeren Festhalten an Verbrennungstechnologie beruhe, verursache zunächst höhere Aufwendungen, könne später jedoch Vorteile bieten. Der Markt für Elektroautos entwickle sich vor allem in westlichen Ländern deutlich langsamer als erwartet, was zu einer anhaltend hohen Nachfrage nach Verbrennern und Hybridmodellen führe.

Der rapide Wandel im chinesischen Markt verstärkt die Sorgen deutscher Konzerne

Besonders einschneidend wirkt sich der Wandel im chinesischen Markt aus, in dem mehr als ein Drittel aller Neuwagen weltweit auf die Straße kommen. Die Verkäufe deutscher Konzerne gingen dort im dritten Quartal um neun Prozent zurück. Der Anteil Chinas am weltweiten Absatz der deutschen Hersteller sank auf 29 Prozent; 2020 hatte er noch bei 39 Prozent gelegen. Gall führt die Entwicklung auf mehrere Ursachen zurück: eine angespannte konjunkturelle Lage, eine schwächere Nachfrage nach Premiumautos und den rasch wachsenden Absatz chinesischer Elektroautos. Käufer:innen würden einheimischen Marken zunehmend den Vorzug geben. Die westlichen Hersteller versuchten gegenzusteuern, doch zeige sich bislang keine klare Trendwende. Damit fehle ein Markt, der früher erheblich zur Ergebnisstärke beigetragen habe.

Bei der Umsatzentwicklung legten die chinesischen Konzerne im Vergleich zu vielen internationalen Konkurrenten deutlich zu. Geely und Great Wall Motors erreichten Steigerungen um 26 beziehungsweise 21 Prozent, während der Absatz beider Unternehmen ebenfalls kräftig wuchs. Trotz dieser Dynamik verringerte sich ihre Marge von sechs auf 4,9 Prozent. Gall ordnet ein, dass auch diese Unternehmen von der allgemeinen Margenerosion betroffen seien, zugleich aber strukturelle Vorteile hätten. Er verweist auf hohe Entwicklungsgeschwindigkeit, digitalisierte Prozesse und effiziente Produktionssysteme, die chinesischen Herstellern zunehmend internationale Bedeutung verschafften. Zugleich bemühten sich deutsche Autokonzerne, ihre Abläufe zu beschleunigen und Kosten besser zu kontrollieren, um dem wachsenden Wettbewerb zu begegnen.

Quelle: EY – Gewinneinbruch in der weltweiten Autoindustrie – Marge auf 10-Jahres-Tiefstand

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Analysen

Russlands Treibstoffkrise treibt E-Auto-Absatz nach oben

Russlands Treibstoffkrise treibt E-Auto-Absatz nach oben

Arun Niemann  —  

Benzinknappheit und lange Schlangen an Tankstellen machen E-Autos in Russland attraktiver. Besonders chinesische Modelle profitieren vom Nachfrageanstieg.

E-Lkw: Bis 2030 dürfte Kostenvorteil deutlich wachsen

E-Lkw: Bis 2030 dürfte Kostenvorteil deutlich wachsen

Daniel Krenzer  —  

E-Lkw rechnen sich oft bereits heute. Eine neue Studie zeigt: Bis 2030 könnten sie bei einem Großteil des europäischen Güterverkehrs günstiger als Diesel sein.

Fast 60 Prozent des deutschen Stroms im ersten Halbjahr erneuerbar

Fast 60 Prozent des deutschen Stroms im ersten Halbjahr erneuerbar

Daniel Krenzer  —  

Im ersten Halbjahr kamen 59,1 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Das verbessert auch die CO₂-Bilanz von E-Autos.

Vertrauen wächst: Mehr Deutsche ziehen E-Auto in Betracht

Vertrauen wächst: Mehr Deutsche ziehen E-Auto in Betracht

Sebastian Henßler  —  

Nicht Technik, sondern Kosten entscheiden über den E-Auto-Kauf: Betriebskosten, Preis-Leistung und Steuervorteile zählen für deutsche Käufer:innen am meisten.

ICCT: E-Autos fahren ein Drittel günstiger als Benziner

ICCT: E-Autos fahren ein Drittel günstiger als Benziner

Maria Glaser  —  

Im Jahr 2025 waren Elektroautos im Betrieb 33 Prozent günstiger als Benziner. Auch Elektro-Lkw nähern sich der Kostengleichheit mit Diesel-Lkw an.

TUM-Professor widerspricht kontroverser E-Auto-Studie

TUM-Professor widerspricht kontroverser E-Auto-Studie

Arun Niemann  —  

TUM-Präsident Hofmann sieht in einer E-Auto-Studie eine Fehlsteuerung der EU-Klimapolitik. Der renommierte Fahrzeugtechnik-Professor Lienkamp widerspricht.

5 Gründe, weshalb E-Auto-Fahrer niemals zurück wechseln würden

5 Gründe, weshalb E-Auto-Fahrer niemals zurück wechseln würden

Daniel Krenzer  —  

94 Prozent der E-Auto-Fahrer wollen beim E-Auto bleiben. Eine BDEW-Umfrage zeigt fünf Gründe, warum der Verbrenner kaum noch reizt.