Wo Europas Autoindustrie 3 Milliarden Euro liegen lässt

Wo Europas Autoindustrie 3 Milliarden Euro liegen lässt
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Mercedes-Benz

Michael Neißendorfer
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  —  Lesedauer 4 min

Die Krise der europäischen und insbesondere der deutschen Automobilindustrie ist nicht nur eine Folge schwacher Nachfrage, starker chinesischer Konkurrenz oder des verschlafenen Übergangs zur Elektromobilität. Ein wesentlicher Teil des Problems liegt tiefer, nämlich in der Kapitalallokation der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Branchenstudie des weltweit führenden Kreditversicherers Allianz Trade.

Demnach floss viel zu lange Kapital in bestehende Verbrennerplattformen, kurzfristige Margenziele und Dividenden, während Investitionen in Elektrifizierung und Digitalisierung zu spät kamen.„Die Kapitalallokation der vergangenen zwei Jahrzehnte ist ein Bumerang, der jetzt zurückkommt“, sagt Guillaume Dejean, Branchenexperte bei Allianz Trade. „Als die Autobauer das Kapital schließlich umgeschichtet haben, um Zukunftsthemen anzugehen, ist es mit der Gießkanne auf zu viele Vorhaben verteilt worden.“

Die aktuelle Investitionsentwicklung verschärfe das Problem sogar noch. Die Investitionen der europäischen Automobilhersteller sind 2026 um rund ein Fünftel eingebrochen, der stärkste Rückgang seit 2018. Gleichzeitig steigerten die übrigen europäischen Großkonzernen ihre Investitionen um rund 10 Prozent.

„Der Einbruch kommt genau zu dem Zeitpunkt, an dem softwaredefinierte Fahrzeuge, KI und autonomes Fahren die Wettbewerbsbedingungen neu ordnen“, sagt Dejean. „Europas Autoindustrie braucht aber nicht unbedingt mehr Kapital, sondern vor allem eine klare Strategie und Prioritätensetzung.“ Dazu zählen weniger parallele Fahrzeugplattformen, gemeinsame vorwettbewerbliche Forschung, Partnerschaften bei Batterien und Halbleitern sowie gezielte Investitionen in Chipdesigns, KI- und Cloud-Infrastruktur und softwarebasierte Geschäftsmodelle.

Bis 2030 sind drei Milliarden Euro Wertschöpfung in Gefahr

Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt die Entwicklung der deutschen Hersteller: Ihre Wertschöpfung je verkauftem Fahrzeug in Europa lag im ersten Halbjahr 2026 rund 30 bis 45 Prozent niedriger als 2021/22. Gleichzeitig verloren sie seit 2021 rund 10 Prozentpunkte (pp) Marktanteil in Europa und 7pp in China.

„Schon kleine weitere Marktanteilsverluste könnten erhebliche finanzielle Folgen haben“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Verlieren die deutschen Hersteller bis 2030 in Europa und China jeweils weitere drei Prozentpunkte, wären rund drei Milliarden Euro Wertschöpfung gefährdet.“

Bereits ein Rückgang um jeweils 0,5pp in den beiden Märkten würde die jährliche Wertschöpfung nach Berechnungen der Studie um rund 480 Millionen Euro verringern. Die drei Milliarden Euro entsprächen rund vier Prozentpunkten der annualisierten EBITDA-Marge 2026. Bereits heute sind die Margen der deutschen Hersteller von rund 13 Prozent im Jahr 2022 auf etwa 4 Prozent gefallen.

China setzt deutsche Autobauer auch in Europa unter Druck

Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck im europäischen Heimatmarkt durch chinesische Hersteller. Ihr Anteil an den europäischen Neuzulassungen erreichte Mitte 2026 annähernd 10 Prozent, erstmals verkauften chinesische Marken mehr als eine Million Fahrzeuge in Europa. Bei batterieelektrischen Fahrzeugen liegt ihr Marktanteil bei 16 Prozent, bei Plug-in-Hybriden bei 26 Prozent.

Die EU-Zölle haben diesen Vormarsch bislang kaum gebremst. Chinesische Anbieter setzen verstärkt auf Hybride und Plug-in-Hybride (+206 Prozent) und bauen gleichzeitig ihre Vertriebs- und Servicenetze in Europa aus.

Überraschender Lichtblick: Europäische E-Autos konkurrenzfähiger als gedacht

Die Studie zeigt allerdings auch einen überraschenden Lichtblick: Im preisgünstigsten Segment der Limousinen und Kleinwagen unter 50.000 Euro bieten europäische Modelle derzeit ein um 3 bis 5 Prozent besseres Preis-Reichweiten-Verhältnis als chinesische Elektromodelle auf dem europäischen Markt.

„Kleine und städtische Elektroautos aus Europa müssen sich beim Preis-Leistungs-Verhältnis nicht verstecken“, sagt Dejean. „Ihr Problem liegt weniger in der Wettbewerbsfähigkeit im Heimatmarkt als in den begrenzten Exportchancen. Andere Kundenpräferenzen und günstigere lokale Angebote begrenzen das Potenzial in vielen Wachstumsmärkten.“

Software bietet Milliardenpotenzial für neue Umsätze

Neue Erlöspotenziale entstehen vor allem durch Software und digitale Dienste. Das Geschäft mit Fahrzeugsoftware dürfte laut der Studie von rund 300 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 464 Milliarden Euro im Jahr 2035 wachsen.

Eine Modellrechnung von Allianz Trade zeigt das Potenzial für Hersteller: Verkauft ein Hersteller zehn Jahre lang jährlich eine Million Fahrzeuge und bietet digitale Dienste für monatlich 50 Euro an, deren Nutzung von 33 auf 50 Prozent steigt, könnten daraus im zehnten Jahr rund 3 Milliarden Euro wiederkehrende Umsätze entstehen. Das entspräche rund 8 Prozent des durchschnittlichen Jahresumsatzes 2025 großer europäischer Hersteller.

Batterie-Souveränität: „Made in Europe“ könnte 2000 Euro kosten

Eine Abschottung Europas gegenüber asiatischer Batterietechnologie ist aus Sicht der Studie hingegen keine ausreichende Antwort. „Made in Europe“-Vorgaben könnten die Kosten eines Batteriepakets beziehungsweise den Preis eines Elektroautos um rund 2000 Euro oder etwa 5 Prozent des im vergangenen Jahr verzeichneten Durchschnittspreises erhöhen. Gleichzeitig könnte die europäische Zellproduktion selbst bei einem realistischen Hochlauf bis 2035 lediglich rund die Hälfte der heimischen Nachfrage decken.

„Vollständige Autarkie ist weder kurzfristig realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Dejean. „Stattdessen sollte Europa Partnerschaften nutzen und Kapital gezielt auf neue Technologien wie Festkörperbatterien konzentrieren, bei denen Chinas Vorsprung noch nicht ähnlich verfestigt ist.“

Autonome Lkw statt Robotaxi-Wettlauf

Auch beim autonomen Fahren sieht die Studie Chancen für europäische Hersteller abseits des besonders sichtbaren Robotaxi-Marktes. Der Markt für autonome Lkw könnte bis 2035 auf rund 500 Milliarden Euro wachsen und damit sogar größer sein als der Robotaxi-Markt mit rund 370 Milliarden Euro.

„Für europäische Hersteller liegen die Chancen eher im autonomen Güterverkehr, in der Logistik und im öffentlichen Nahverkehr als in einem direkten Robotaxi-Wettlauf mit etablierten US-amerikanischen und chinesischen Anbietern“, sagt Dejean. „Aber auch angrenzende Wachstumsfelder wie beispielsweise die Verteidigungsindustrie können Lösungen für sinkende Produktionsauslastung bieten – gerade für deutsche Hersteller.“

Quelle: Allianz Trade – Pressemitteilung vom 9.10.2026

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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