VDA-Chefin verteidigt E-Auto-Strategie der deutschen Hersteller

Cover Image for VDA-Chefin verteidigt E-Auto-Strategie der deutschen Hersteller
Copyright ©

BMW

Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 4 min

Hildegard Müller, Geschäftsführerin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) und somit bedeutende Lobbyistin der Branche, hat in einem Interview mit dem Ostfriesischem Kurier eine Lanze für die Elektromobilität gebrochen und viele Fragen und Bemerkungen, die entweder generell gegenüber der E-Mobilität oder gegenüber der deutschen Automobilhersteller recht skeptisch formuliert waren, entschieden zurückgewiesen. Allerdings kritisierte sie abermals die mangelhaften Rahmenbedingungen, unter denen die deutschen Automobilhersteller und -zulieferer die Transformation hin zur Elektromobilität meistern müssten.

Dafür, dass in Deutschland stets zu deutlich höheren Kosten als in vielen anderen Ländern produziert werde, lasse sich die Bilanz durchaus sehen. „Deutschland ist die europäische Herzkammer der E-Autoproduktion und zweitwichtigster E-Standort weltweit. Bei uns werden die Autos der Zukunft gebaut, und das für die ganze Welt. Und wir wollen, dass das so bleibt„, sagte Müller. Dass es derzeit – wie im Volkswagen-Werk in Emden – durch geringer gewordene Nachfrage zu Schwierigkeiten kommt, daran seien nicht die Hersteller schuld.

„Im zurückliegenden Jahr sind wir in vielen wichtigen Punkten nicht entscheidend weitergekommen: weder bei wettbewerbsfähigen Energiepreisen, bei einem wettbewerbsfähigen Steuersystem oder auch beim Thema Bürokratieabbau. Rohstoff- und Energiepartnerschaften wurden kaum geschlossen, bei Freihandelsabkommen geht es praktisch nicht voran“, kritisiert die VDA-Chefin mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit. Der Handlungsbedarf sei groß, dass Deutschland und ganz Europa ein attraktiver Standort für die Automobilindustrie bleibe. „Nur fehlt es in der Politik in Berlin und Brüssel an Einigkeit, Entschlossenheit und Strategie. Und stellenweise bleibt es bei Ankündigungen statt konkreter Umsetzung“, bemängelt Müller in dem Interview.

Müller: 15-Millionen-Ziel scheitert an Politik

Dass es ein Fehler der deutschen Hersteller gewesen sein könnte, zunächst die Premium-Segmente mit Elektroautos zu bestücken, weist Müller zurück. „Rund jeder zweite E-Kleinwagen, der in Deutschland neu zugelassen wird, stammt von einem deutschen Hersteller“, stellt sie klar. Zudem seien mehrere günstige neue Modelle angekündigt. Zwar seien die hohen Listenpreise derzeit noch eine Herausforderung, aber „Skaleneffekte und Technologiesprünge werden dazu führen, dass die Kosten weiter sinken werden. Nicht zu vergessen dabei: Schon jetzt sind die laufenden Kosten beim E-Auto bei vergleichbarem Modell geringer als beim Verbrenner“.

Das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 auf deutschen Straßen 15 Millionen Elektroautos zu zählen, dürfte vermutlich nicht erreicht werden. Dieses Scheitern sei aber auf die Politik und nicht etwa auf zu zaghafte Hersteller zurückzuführen, findet Müller – sie sagt: „Allein die deutschen Hersteller werden bis zum Jahr 2030 deutlich mehr als 15 Millionen E-Autos produzieren. In welchen Märkten sie abgesetzt und wo sie gebaut werden, hängt von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab – und hier läuft tatsächlich in Deutschland einiges falsch.“

Laut der VDA-Chefin sei es enorm wichtig, in den kommenden Jahren das Vertrauen der Menschen in die Elektromobilität zu gewinnen. Förderungen seien dafür aber keine dauerhafte Option, auch wenn das plötzliche Förderende im Dezember eine „gravierende Fehlentscheidung“ der Bundesregierung gewesen sei. Die Attraktivität von E-Autos lasse sich durch andere Dinge steigern. „Die öffentliche Ladeinfrastruktur muss noch konsequenter ausgebaut und die Stromnetze fit für die Zukunft gemacht werden. Und: Die hohen Strompreise dürfen nicht zur Bremse werden“, so Müller.

Keine Sorge wegen China und Tesla

Zudem wies sie den Vorwurf, deutsche Autos seien auf dem für die Hersteller so wichtigen chinesischen Markt zunehmend Ladenhüter, entschieden zurück: „Nachdem die deutschen Hersteller im Jahr 2022 noch 302.800 E-Autos in China abgesetzt haben, waren es im vergangenen Jahr 396.200 E-Autos. Davon waren allein 317.300 BEVs, also Fahrzeuge, die ausschließlich von einer Batterie angetrieben werden. Wir sprechen bei den BEVs von einem Plus von 53 Prozent gegenüber 2022. Bei den rein batterieelektrischen Fahrzeugen stieg der Marktanteil der deutschen Hersteller somit von 5,2 auf 6,5 Prozent und das in einem stark wachsenden Markt.“

Dass chinesische Autos oft anders konzipiert seien, weil die Bedürfnisse der Menschen dort andere seien als hierzulande, schilderte Müller wie folgt:  „Dort bleiben die Menschen nach der beendeten Fahrt gerne noch im Auto, schauen einen Film zu Ende, oder bearbeiten noch ihre Mails. Europäische Kunden legen mehr Wert auf Komfort, Effizienz und Sicherheit.“ Weder vor den chinesischen Herstellern, noch vor Tesla müssten sich die deutschen Hersteller Ihrer Meinung nach verstecken. Die deutschen Marken ständen nach wie vor für Tradition und innovative Technologieführerschaft. „Wir werden alles dafür tun, damit das so bleibt“, versicherte Müller.

Quelle: Ostfriesischer Kurier – „Das Interview: Wie Auto-Cheflobbyistin Hildegard Müller auch VW wiederbeleben will“

worthy pixel img
Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar und misch dich ein! 🚗⚡👇


Wolfbrecht Gösebert:

Da gilt halt das Gleiche, wie bei den Versprechen auf »unbürokratische Hilfe«, wie sie üblicherweise stets nach irgendwelchen (menschengemachten?) Naturkatastrophen immer gern noch an Ort und Stelle abgegeben werden …

alchemist:

Was kommt als nächstes? Ein vorgegebenes Automobil-Modell für alle, um die ökologisch und sozial vorbildliche Gesellschaft zu realisieren? Wer wird neben Wolfbrecht Gösebert darüber entscheiden?

Silverbeard:

Sobald das Wort ‚Bürokratieabbau‘ in einem Text steht, muss man den nicht ernst nehmen.

Manfred:

Zweckoptimismus, pfeifen im dunklen Wald oder wie sollte man diese Äußerungen nennen? Und nein, die Autobauer haben sich nicht an den Bedürfnissen der Kunden gerichtet. Jedenfalls nicht nach meinen Vorstellungen. Dieses waren die Folgenden.

1. Ökologisch sinnvoll und verantwortbar: Nicht zu großer Akku und ein möglichst geringer Verbrauch. Das bedeutet wiederum keine zu großen und schweren Fahrzeuge.

2. Preislich realistisch: Je nach Ausstattung wären Preise von 25 bis 35 TE realistisch.

3. Alltagstauglich für Einkaufen und Kurzreisen.

Natürlich hätten die Deutschen Unternehmen solche Produkte entwickeln und anbieten können. Der Bedarf ist da. Man schaue sich die Bestellliste für den R5 oder Dolphin an.

Ich selber wollte schon lange auf ein E-Auto umsteigen und habe einige Jahre auf sinnvolle Angebote gewartet. Gerne hätte ich ein Deutsches oder europäisches E-Auto gekauft. Es gab keine und die wenigen, die es gab wurden abgekündigt. Meine Wärmepumpe ist ein österreichisches Produkt und mein Energiespeicher ein deutsches Fabrikat.

Nun ist es aber zu spät. Ich wollte nicht länger warten und fahre nun ein gebrauchtes E-Auto. Es ist größer und leistungsfähiger als ich mir ursprünglich wünschte. Dafür war es mit einer Laufleistung von knapp 11.000 km und einem Kaufpreis von 26 TE sehr attraktiv. Es kostete vor ca. 2 Jahren nämlich fast 50 TE. Leider hat der Markt einen zu Großkotzigkeit gewissermaßen gezwungen. Ich hoffe das es jetzt bei pfleglichen Gebrauch möglichst lange hält.

brainDotExe:

Sicher, in anderen Aspekten bestimmt, aber nicht beim Auto.
Suchst du dir beispielsweise einen Partner nach ökologischen und sozialen Aspekten oder doch einen den du liebst?

brainDotExe:

„Seitdem Menschen MIT Verantwortungsbewustsein erkannt haben, dass ökologische und soziale Aspekte im ganzen Leben eine wichtige Rolle spielen!“

Schaue dich um, beim Auto spielt das eine untergeordnete Rolle.
Als Beispiel ist schon nur der immer steigende Anteil an SUVs zu nennen.

Selbst bei Elektroautos ist der ökologische Aspekt nicht mehr das wichtigste Kaufkriterium.

Flo:

Ökologische und soziale Aspekte spielen bei Menschen, die über Sozialkompetenz verfügen und über den eigenen Teller hinausdenken eine Rolle. Da haben Sie noch Potential.

Wolfbrecht Gösebert:

„Seit w[a]nn spielen ökologische und soziale Aspekte bei der Auswahl des Autos eine Rolle?“

Seitdem Menschen MIT Verantwortungsbewustsein erkannt haben, dass ökologische und soziale Aspekte im ganzen Leben eine wichtige Rolle spielen!

brainDotExe:

Totgesagte leben länger.

Gerd:

Sie ist halt Lobbyistin einer Klientel, die systematisch betrogen und sich strategisch verzockt hat.
Mir fällt auch in den letzten 15 Jahren keine Initiative des VDA ein, in der es um Innovation oder Kreativität ging. Immer nur Förderungen, Subventionen, Geheule und Kritik an anderen.
Die IAA ist auch praktisch tot, die „Technologieoffenheit“ fliegt ihnen um die Ohren, völlig falscher Fokus auf den deutschen Markt – der VDA hat seinen Zenit längst überschritten.
Typisches Dinosaurierschicksal halt.

Ähnliche Artikel

Cover Image for China-Experte: „Fehler sind Teil des Fortschritts“

China-Experte: „Fehler sind Teil des Fortschritts“

Sebastian Henßler  —  

In der aktuellen Podcast-Folge hatte ich die Gelegenheit, mit Dr. Thomas Kiefer zu sprechen – Journalist, Asien-Experte und profunder Kenner der chinesischen Industriepolitik. Seit Ende der 1980er Jahre beobachtet er vor Ort in Shanghai die Entwicklungen, war unter anderem in Joint Ventures wie Shanghai Volkswagen unterwegs und hat über Jahrzehnte hinweg verschiedene Länder Asiens bereist […]

Cover Image for Alpitronic CEO: „Laden muss immer funktionieren“

Alpitronic CEO: „Laden muss immer funktionieren“

Sebastian Henßler  —  

Im exklusiven Interview verrät Philipp Senoner, warum 400 kW für den Massenmarkt reichen, 850 kW und darüber hinaus aber als Sonderlösung kommen werden.

Cover Image for Diese 7 günstigen E-Autos unterstützen Plug & Charge

Diese 7 günstigen E-Autos unterstützen Plug & Charge

Daniel Krenzer  —  

Stecker rein und einfach losladen: Diese unkomplizierte Art des E-Auto-Ladens gibt es für immer mehr Modelle. Doch welche sind die günstigsten?

Cover Image for Volkswagen richtet Produktion auf KI-gestützte Zukunft aus

Volkswagen richtet Produktion auf KI-gestützte Zukunft aus

Michael Neißendorfer  —  

Effizienter, intelligenter und resilienter will Deutschlands größter Autohersteller werden: Dafür setzt der VW-Konzern in der Produktion verstärkt KI ein.

Cover Image for Neuer Volvo XC70: Der Plug-in-Hybrid für die Langstrecke

Neuer Volvo XC70: Der Plug-in-Hybrid für die Langstrecke

Michael Neißendorfer  —  

Im stadtnahen CLTC-Zyklus fährt der neueste Plug-in-Hybrid von Volvo 200 Kilometer weit. Ob er nach Europa kommt, ist noch offen.

Cover Image for Nio: 200.000 Akku-Wechsel in Europa, aber kaum neue Stationen

Nio: 200.000 Akku-Wechsel in Europa, aber kaum neue Stationen

Daniel Krenzer  —  

Mit der Anzahl der getauschten Akkus geht es für Nio in Europa voran, doch von den 170 geplanten Standorten gibt es bislang nur 60.