Analyse: Deutschland hinkt bei V2G weit hinterher

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien, gespeist durch Sonne, Wind- und Wasserkraft, tritt ein Problem immer klarer ans Licht: Der überschüssige Ökostrom lässt sich bislang nicht speichern. Das wäre jedoch nötig, um die Netze in sonnen- und windarmen Phasen weiterhin mit grüner Energie versorgen zu können, anstatt fossile Kraftwerke hochzufahren und so die Ökostromziele bis 2030 zu gefährden.

Eine Lösung für das Dilemma: Speicherakkus müssten in großem Umfang aufgebaut werden. Das kostet allerdings viel Zeit und Geld. Der zusätzliche Bedarf an Rohstoffen und deren Gewinnung kratzt zudem am nachhaltigen Image der Technik. Eine Alternative zu stationären Speichern: das E-Auto, genauer seine Batterie. Binden wir die vielen hunderttausend Auto-Akkus intelligent in das Stromnetz ein, entsteht ein enormer Speicher, der das Netz stabilisieren kann.

Die Technologie, Autoakkus nicht nur über das Netz aufzuladen, sondern auch Energie aus den Antriebsbatterien in Haushalte oder Fabriken zurückzuspeisen, wird als V2G (Vehicle to Grid) bezeichnet. Das auf die Automobilindustrie spezialisierte Beratungsunternehmen Berylls hat sich in einer Analyse angeschaut, wie gut verschiedene Nationen auf die V2G-Technologie vorbereitet sind und daraus ein Ranking erstellt. Deutschland liegt hier weit im hinteren Drittel, lediglich Brasilien und Indien sind noch schlechter aufgestellt.

Dabei müsste Deutschland wesentlich mehr Engagement zeigen, um die eigenen Grünstromziele erreichen zu können, wie Dr. Alexander Timmer, Partner bei Berylls Strategy Advisors, veranschaulicht: „Wie viele andere Nationen strebt auch Deutschland die Kohlenstoffneutralität an. Das Ziel ist es, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen. Dieser hohe Anteil an erneuerbaren Energien erfordert nach unserer Auffassung unbedingt die Speicherung von Grünstrom zur Netzstabilisierung.“ Eine herausragende, weil relativ kostengünstige Möglichkeit, ist die Integration von Elektroauto-Batterien in das Stromnetz, zumal Pkw im Schnitt mehr als 23 Stunden am Tag ohnehin im Parkzustand verweilen.

Alternative Möglichkeiten zur Stromspeicherung sind Pumpspeicherkraftwerke, für die es zumindest in Deutschland aber kaum noch geeignete Standorte gibt, oder die genannten großen stationären Batteriespeicher. Lars Behr, Berater bei Berylls: „Viel günstiger käme die V2G-Variante. Die mit speziellen Bezahlmodellen auch für die Elektroauto-Nutzer eine attraktive Idee ist. Denn diejenigen, die ihre Akkus als Pufferspeicher zur Verfügung stellen, könnten mit diesem Service Geld verdienen.“

Deutschland liegt im Ranking abgeschlagen im unteren Drittel

Das ist jedoch in den allermeisten Fällen Zukunftsmusik. Denn bislang ist weder die Mehrzahl der Elektroauto-Modelle bidirektional ladefähig und damit für V2G vorbereitet, noch sind es die Ladestationen und Wallboxen. Auch die Netze müssen ertüchtigt werden, beispielsweise mit intelligenten Stromzählern (Smart-Meter), die sowohl den Stromverbrauch aus dem Netz wie die Rückspeisung bidirektional verarbeiten können. Wie bei der Durchdringung mit E-Autos gibt es hier ebenfalls große Unterschiede in den von Berylls betrachteten Nationen.

Der Berylls V2G-Score gibt nun an, inwieweit ein Land in der Lage ist, das V2G-Potenzial zu nutzen. Die wichtigsten Faktoren dafür sind die Einführung der intelligenten Stromzähler und der Anteil mit bidirektionaler Lademöglichkeit ausgerüstete E-Autos in der Flotte. Die Analyse zeigt, dass das V2G-Potenzial in den meisten Nationen nicht allein durch die Einführung intelligenter Stromzähler, sondern vor allem durch die Anzahl der verfügbaren V2G-fähigen Fahrzeuge begrenzt wird.

V2G-Länder-Ranking-Weltweit
Berylls

Die Studie (verlinkt als PDF) zeigt auch, dass Deutschland in Bezug auf die V2G-Bereitschaft deutlich hinter den führenden Ländern zurückliegt. Vor allem die bisher sehr geringe Verbreitung von intelligenten Zählern in Deutschland ist der Grund dafür. Nur etwa ein Prozent der Haushalte sind derzeit mit einem geeigneten Smart-Meter ausgestattet. Anfang 2023 trat immerhin ein Gesetz in Kraft, das eine nahezu flächendeckende Einführung intelligenter Zähler bis 2032 vorschreibt. Damit ist eine wichtige Entscheidung für die künftige V2G-Fähigkeit Deutschlands getroffen worden – und für ein womöglich besseres Abschneiden beim nächsten Berylls V2G-Score.

Quelle: Berylls – Pressemitteilung vom 27.02.2024

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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