Wie Deutschland das E-Auto schlechtredet

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

In einer äußerst lesenswerten Analyse mit dem treffenden Titel „Warum der Elektroauto-Hype erst anfängt“ zerpflückt Golem.de mehrere aktuelle Phänomene, die auf ein vermeintliches Ende des E-Auto-Booms hindeuten sollen. Und stellt klar, dass die Diskussionen ums Elektroauto a) eine typisch deutsche Debatte sind und b) sehr viele fehlerhafte und nicht zu Ende gedachte Annahmen beinhalten, die zum Teil auf längst überholten Ansichten beruhen und Teils auf (bewusster) Irreführung, wahlweise um Wählerstimmen oder gute Zahlen für Unternehmensbilanzen für sich zu gewinnen. Und oft ist es einfach auch die Angst vor etwas Neuem und der Unwille, sich darauf einzulassen.

Die Bandbreite, die die Autor in mehr als 2500 Worten abdeckt (zum Vergleich: diese News hat nur knapp 600), reicht von den stetigen und enormen Fortschritten bei wichtigen Kennzahlen von E-Autos wie Reichweite, Effizienz und Kosten, während die Verbrennertechnik mehr oder weniger ausentwickelt ist, über die (auch wenn viele hartnäckig trotz unzähliger entsprechender Studien das Gegenteil verbreiten) deutlich bessere Klimabilanz von Elektroautos (die mit steigendem Anteil erneuerbarer Energien stetig noch besser wird) bis hin zu dem (durchaus treffenden) Vorwurf, dass „die Verbrenner- und Raserlobby in Gestalt der FDP über einen verlängerten Arm in der Regierung verfügt“, wie Friedhelm Greis schreibt.

Greis verfällt allerdings nicht in eine unreflektierte E-Auto-Lobhudelei und räumt ein, dass noch viele Stellschrauben korrekt auszurichten seien, bis Stromer in der ganzen Breite massentauglich sind, etwa die noch nicht ausreichende Verfügbarkeit günstiger Elektroautos und die noch lückenhafte Ladeinfrastruktur. Und um das angesichts der vielen aktuellen Verschiebungen kaum vorhersehbare Restwertrisiko zu mindern, empfiehlt der Golem-Autor, ein E-Auto zu leasen oder ein Auto-Abo abzuschließen.

Und auch, dass in der Autoindustrie allein in Deutschland 260.000 Arbeitsplätze gefährdet sind, verschweigt Golem nicht – stellt aber klar, dass viele dieser Jobs, vor allem in der Zulieferbranche, wegen einem zu späten Einstieg in die E-Mobilität wegfallen könnten. „Es stellt sich daher die Frage, wessen Geschäft die Verfechter der Verbrennerautos eigentlich zu betreiben vorgeben. Sicherlich nicht das der deutschen Autoindustrie und der hiesigen Zulieferer“, konstatiert Greis, der auf kommende „Verschiebungen bei den Herstellern und Produkten“ hinweist, und auf die zehntausenden neuen Jobs, die woanders entstehen: etwa bei Tesla in Grünheide, der neuen Akkufabrik von Northvolt in Schleswig-Holstein, in der Halbleiter-Fertigung bei Bosch. Und auch die Elektroindustrie, die z.B. Windräder, PV-Anlagen und Ladeinfrastruktur für E-Autos herstellt und aufbaut, sucht vom Großkonzern bis zum kleinen Meisterbetrieb händeringend nach Arbeitskräften.

„Eine merkwürdige Querfront von Rechts- und Linksextremen“

An mehreren Stellen zeigt Golem zudem auf, warum die Debatte ums E-Auto eine deutsche Debatte ist, die im Vergleich der Industriestaaten auffällig und ungewöhnlich negativ gestimmt ist. Während etwa in Deutschland die Verkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahr – hauptsächlich als Folge des unerwarteten und plötzlichen Endes des Umweltbonus – leicht gesunken sind, stiegen sie in Großbritannien um 21 Prozent, in Frankreich um 33 Prozent, in den Niederlanden um 42 Prozent, in Belgien gar um 71 Prozent. „Selbst in Norwegen, wo der Anteil der neuen Elektroautos ohnehin sehr hoch ist, stiegen die Zahlen in den ersten beiden Monaten um mehr als die Hälfte“, so Greis. Ein Trend, der sich auch global eindeutig Richtung E-Mobilität bewegt, wie die auch von uns bereits veröffentlichte Studie von Allianz Trade verdeutlicht – die weltweit für 2024 von einem Wachstum des E-Auto-Absatzes von knapp 33 Prozent ausgeht, europaweit sogar gut 42 Prozent.

Eine mögliche Erklärung, warum die Deutschen bei Elektroautos so skeptisch sind, liefert Greis gleich mit: „Möglicherweise spielt bei der Akzeptanz der E-Mobilität auch eine Rolle, dass es in anderen EU-Ländern ein Tempolimit gibt. Dadurch spielen Themen wie Reichweitenangst oder die Befürchtung, nicht mehr mit Dauertempo 200 über die Autobahn rasen zu können, eine geringere Rolle.“

Außerdem mache „eine merkwürdige Querfront von Rechts- und Linksextremen“ Stimmung gegen Elektroautos, wie etwa der Anschlag auf die Stromversorgung von Teslas Gigafactory in Grünheide zeigen oder Aussagen aus Richtung der AfD, die „den menschengemachten Klimawandel leugnet und damit Klimaschutzmaßnahmen für überflüssig hält“. Absoluter Lesetipp, verlinkt in der Quellenangabe.

Quelle: Golem – Warum der Elektroauto-Hype erst anfängt

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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