Deutsches Lithium-Projekt in Bolivien vor dem Neustart?

Deutsches Lithium-Projekt in Bolivien vor dem Neustart?
Copyright:

shutterstock / Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 1967119333

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Ein Prestigeprojekt für die deutsche Auto- und Batterieindustrie, der exklusive Zugang zu einem großen Lithiumvorkommen in Bolivien, bekommt noch mal eine Chance: Die staatliche bolivianische Lithium-Agentur YLB und der deutsche Mittelständler ACI Systems Alemania (ACISA) wollen das im Oktober 2019 annullierte Kooperationsabkommen offenbar doch noch umsetzen. „Es gibt wieder Kontakte“, bestätigte ACISA-Geschäftsführer Wolfgang Schmutz in einem Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin Capital (Ausgabe 09/2021). Bereits im Januar teilte ACISA selbst mit, mit dem Energieministerium der neuen bolivianischen Regierung unter Präsident Luiz Arce in Kontakt zu sein. Ende August sollen nun wieder direkte Gespräche über die Lithiumgewinnung und Industrialisierung aus Restsole am Salar de Uyuni stattfinden.

An dem Erfolg der neuen Verhandlungen sei die gesamte deutsche Autoindustrie höchst interessiert, so das Wirtschaftsmagazin. Sie braucht das bolivianische Lithium für die Batterieproduktion und neue Elektroautos. Bolivien verfügt über etwa ein Drittel der weltweiten Lithiumreserven. Vor zwei Jahren führten wütende Proteste der Lokalbevölkerung zur Kündigung des bereits ausgehandelten Vertrags durch den damaligen Präsidenten Evo Morales. „Diese Proteste wurden von politischen Gegnern des Präsidenten geschürt, um dessen Wiederwahl zu verhindern“, sagt Alberto Echazú, der als Vizeminister für Energie an den Verhandlungen mit den Deutschen beteiligt war.

Die deutsche Seite gehe nun mit einem neuen Ansatz in die Gespräche. „Wir möchten die lokalen Verbände und Institutionen von Anfang an einbeziehen“, sagt Schmutz. ACISA rechnete ursprünglich mit Investitionen von 1,2 Milliarden Euro. 51 Prozent der Anteile an dem Lithium-Joint-Venture sollten die Bolivianer halten, 49 Prozent die Deutschen. „Wir haben den Bolivianern eine Partnerschaft auf Augenhöhe angeboten“, sagt Schmutz. Dazu gehöre zum Beispiel auch die Ausbildung der Fachkräfte vor Ort, Hilfe bei der Industrialisierung entlang der Lithium-Wertschöpfungskette, sowie der Aufbau einer Batteriezellenfabrik. ACISA zufolge entstehen durch das Projekt gut 1000 direkte sowie etwa 10.000 indirekte Arbeitsplätze in einer wirtschaftlich schwachen Region.

Das größte Lithiumvorkommen der Erde

Im Salar de Uyuni befindet sich ACISA zufolge das größte Lithiumvorkommen der Erde. Da es viele Magnesiumsalze enthält, galt es bisher als nicht wirtschaftlich verwertbar. Im Jahr 2016 hatte das bolivianische Staatsunternehmen YLB (Yacimientos de Litio Bolivianos) damit begonnen, für eine Kaliumchlorid- und Lithiumcarbonat-Produktion am Salar de Uyuni große Verdunstungsbecken zu bauen. Die ersten davon wurden zwei Jahre später in Betrieb genommen.

Durch die Verdunstung wird ein lithiumsulfathaltiges Rohsalz für die Lithiumcarbonat-Produktion gewonnen. Die verbleibende Restsole enthält einen hohen Anteil an Magnesium, allerdings auch den größten Teil des in der Ursprungssole enthaltenen Lithiums. Im klassischen Herstellungsprozess kann die Restsole nicht weiter verwertet werden und wird deshalb bislang entsorgt.

ACISA ist es in Zusammenarbeit mit der thüringischen Firma K-Utec gelungen, Lithiumhydroxid in hochreiner Form direkt aus dieser Restsole zu gewinnen. Ein großer Vorteil der entwickelten Technologie sei, dass sie kein eigens zugeführtes Wasser benötige. Gleichzeitig sei das neue Verfahren vergleichsweise kostengünstig. Die vertraglich garantierte Restsole ermögliche die Gewinnung von rund 40.000 Tonnen Lithiumhydroxid pro Jahr. Nur zwei Prozent der Fläche des Salars de Uyuni werde durch das gesamte Projekt genutzt, so ACISA.

Umweltbedenken der Lokalbevölkerung könne er entkräften, sagt Schmutz, da das Lithiumhydroxid aus der Restsole gewonnen wird, die als Abfallprodukt in der bestehenden Anlage anfällt. „Dafür brauchen wir keine Frischwasserquellen, sondern können das vorhandene Wasser immer wieder säubern und verwenden“, sagt er. Und für eine bessere Klimabilanz wollen die Deutschen 30 Prozent des Energiebedarfs der Anlage mit Solarpanels decken. Die Kritiker störten sich auch an der Laufzeit des Projekts von 70 Jahren, heißt es. Hier zeigen sich die Deutschen kompromissbereit: „Wir können eine Laufzeit zwischen 30 und 40 Jahren akzeptieren“, so Schmutz. Bei erfolgreichen Gesprächen soll bereits Ende 2022 mit der Gewinnung von Lithium gewonnen werden können.

Quelle: Capital – Pressemitteilung vom 17.08.2021 / ACISA – Homepage

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

Deutschlands Zulieferer verlieren weiter gegen Konkurrenz aus China

Deutschlands Zulieferer verlieren weiter gegen Konkurrenz aus China

Michael Neißendorfer  —  

Die deutschen Automobilzulieferer stecken tiefer in der Krise als bislang vielen bewusst war. Wie es wieder Aufwärts gehen kann.

China-Druck bringt VDA zum Umdenken

China-Druck bringt VDA zum Umdenken

Arun Niemann  —  

Chinesische Hersteller setzen Europas Autobauer zunehmend unter Druck. Jetzt prüft auch der VDA, ob sein bisheriger Freihandelskurs noch trägt.

T&E-Chef Bock: Krise der deutschen Autoindustrie ist hausgemacht

T&E-Chef Bock: Krise der deutschen Autoindustrie ist hausgemacht

Tobias Stahl  —  

Nicht die Belegschaft und auch nicht die EU-Vorgaben sind Schuld an der Misere der europäischen Autoindustrie, meint T&E-Chef Bock – sondern die Chefetagen.

Schaeffler kappt E-Auto-Ziele nach US-Förderstopp

Schaeffler kappt E-Auto-Ziele nach US-Förderstopp

Sebastian Henßler  —  

Schaeffler senkt seine Umsatzziele bis 2028 deutlich, weil der Wegfall der E-Auto-Förderung in den USA das Geschäft rund um Vitesco stärker bremst als erwartet.

Batterieabhängigkeit kostet Europa bis 150 Milliarden Euro

Batterieabhängigkeit kostet Europa bis 150 Milliarden Euro

Sebastian Henßler  —  

Eine neue Deloitte-Studie zeigt, dass Europas Automobilindustrie bis 2030 bis zu 150 Milliarden Euro an Wertschöpfung verlieren könnte.

Hankooks Reifen der Zukunft: luftlos, farbig, abbaubar

Hankooks Reifen der Zukunft: luftlos, farbig, abbaubar

Sebastian Henßler  —  

Luftlos, transparent, biologisch abbaubar: Hankooks Konzeptreifen bricht mit allen Konventionen. Was heute schon geht und was fehlt, bis er serienreif ist.

Automobilindustrie vor Tabubruch: Müssen deutsche Werke bald China-Autos bauen?

Automobilindustrie vor Tabubruch: Müssen deutsche Werke bald China-Autos bauen?

Daniel Krenzer  —  

VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnt vor gefährdeten Werken in Deutschland. Kooperationen mit chinesischen Herstellern könnten helfen, Jobs zu sichern.