Wie das Auslaufen des Umweltbonus immer noch aktuelle Statistiken verzerrt

Wie das Auslaufen des Umweltbonus immer noch aktuelle Statistiken verzerrt
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Ein Kommentar von Michael Neißendorfer

Die Autobranche kriselt, weil sich E-Autos so schlecht verkaufen, heißt es vielerorts. Doch was ist an dieser plakativen Aussage wirklich dran? Ein detaillierter Blick in Statistiken verrät es: Laut aktuellen Daten wurden im August in 28 europäischen Märkten über alle Antriebsarten hinweg insgesamt gut 753.000 neue Autos zugelassen. Dies stellt einen Rückgang von 16 Prozent gegenüber den ziemlich genau 900.000 Einheiten dar, die im gleichen Monat des Vorjahres registriert wurden, und den größten Rückgang gegenüber dem Vorjahr seit Juni 2022, so unter anderem Jato Dynamics in einer aktuellen Mitteilung.

Vor allem der Rückgang der Nachfrage nach batteriebetriebenen Elektroautos hatte demnach starke Auswirkungen auf die Zahlen des Gesamtmarktes. Im August wurden in Europa insgesamt 125.070 Elektroautos registriert, was einen Absatzrückgang von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr darstelle. Allerdings war, wie etwa auch der deutsche Automobilclub ADAC in seiner Auswertung erwähnt, der August des Vorjahres in Deutschland ungewöhnlich stark, da im darauf folgenden September die Förderung für gewerbliche E-Autos auslief und entsprechend viele E-Autos noch kurz davor angeschafft wurden. Allein in Deutschland wurden daher im August 2023 gut 86.000 E-Autos zugelassen. Im August 2024 waren es hierzulande nur noch 27.000.

Die knapp 60.000 Autos Unterschied entsprechen annähernd jenen 36 Prozent an fehlenden Elektroautos im Vergleich zum Vorjahr der aktuellen Europabilanz von Jato für den August 2024. Das zeigt recht eindrucksvoll, wie sehr sich die Zulassungszahlen und politischen Verhältnisse Deutschlands, Europas größtem Automarkt, in gesamteuropäischer Perspektive auswirken. Und mit wie viel Vorsicht Statistiken behandelt werden sollten, die allein auf Monatsbasis Zahlen in Relation stellen.

Wir wollen daher lieber auf einen längeren Zeitraum blicken: Schon in den ersten beiden Quartalen 2024 zeichnete sich ab, dass die Stagnation der Verkaufszahlen in Deutschland, ausgelöst unter anderem durch das abrupte Ende des Umweltbonus im Dezember 2023, die Europa-Bilanz massiv nach unten zieht.

Denn einer Analyse von Transport & Environment (T&E) aus dem Juli zufolge stieg der Absatz von batteriebetriebenen Elektroautos in der EU ohne Deutschland im ersten Halbjahr von 2024 um 9,4 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr. Nimmt man den größten und stark schwächelnden deutschen Markt hinzu, stieg die Zahl der verkauften E-Autos in der EU nur um 1,3 Prozent. Und liegt aber somit immer noch auf einem ähnlichen Niveau wie die Neuzulassungen in Europa über alle Antriebsarten hinweg: Im ganzen Jahr 2024 wurden in Europa bisher insgesamt 8,64 Millionen Neuwagen zugelassen – ein Anstieg von 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die Storyline von den „dramatischen Einbrüchen“ auf dem Elektroauto-Markt, von der vielerorts berichtet wird, ist also kaum mehr als eine Momentaufnahme. Sie ist zudem ein hauptsächlich deutsches Phänomen. Und die Krise der Autobranche darf nicht allein E-Autos in die Schuhe geschoben werden.

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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