Das Arbeitgeberladen bleibt deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Die Zahl der Elektroautos auf deutschen Straßen steigt und mit ihr die Nachfrage nach öffentlicher Ladeinfrastruktur. 86 Prozent aller Elektroautofahrenden nutzen (halb-)öffentliche Ladesäulen. Die (halb-)öffentliche Ladeinfrastruktur ist also von hoher Bedeutung. Das gilt besonders für das Laden beim Arbeitgeber, ein aus Sicht der E-Auto-Fahrenden sehr attraktiver Ladeort. Die Angebote bleiben aber deutlich hinter den Erwartungen zurück, so ein aktueller Bericht von UScale.

Zum vierten Mal in Folge erhob das Marktforschungsunternehmen UScale in seiner Public Charging Studie 2023, wo Nutzerinnen und Nutzer ihr Elektroauto laden und welche Relevanz die verschiedenen Ladeorte haben. Wenig überraschend haben das Laden zuhause und am Arbeitsplatz eine hohe Bedeutung: 79 Prozent laden zuhause, 33 Prozent beim Arbeitgeber. Dazu kommen verschiedene (halb-)öffentliche Ladeorte mit gleichermaßen hoher Bedeutung. So laden 33 Prozent im Einzelhandel; 38 Prozent nutzen öffentliche Ladepunkte am Straßenrand.

Arbeitgeberladen als häufig kolportiert zweitwichtigste Säule im deutschen Lademix hat sich bisher also nicht realisiert. Dabei ist die Relevanz des Arbeitgeberladens hoch: 79 Prozent nutzen ihr Elektroauto zumindest gelegentlich zum Pendeln an den Arbeitsort. Arbeitgeber haben mit ihren Ladeangeboten also großen Einfluss auf das Ladeverhalten – und damit die Akzeptanz der Elektromobilität insgesamt. Zusätzlich können Unternehmen durch den Strompreis und steuerliche Maßnahmen die Mitarbeiterbindung stärken und gleichzeitig ihre Umweltziele absichern.

Die Gründe für die noch verhaltene Nutzung zeigen sich beim genaueren Hinsehen: Arbeitgeber konzentrieren sich beim Ausbau ihres Ladeangebots hauptsächlich auf Dienstwagenfahrende, die bislang 13 Prozent der E-Auto-Fahrenden stellen. Während 55 Prozent der Dienstwagenfahrenden am Arbeitsort laden können, sind es unter den Privatfahrzeugnutzenden nur 29 Prozent.

Arbeitgeber übernehmen bei 82 Prozent der Dienstwagenfahrenden die Kosten für den Ladestrom, bei Mitarbeitenden mit Privatwagen sind es nur 48 Prozent. Alle übrigen zahlen für den Ladestrom. 36 Prozent erhalten dabei Konditionen, die besser sind als die Tarife zuhause, 33 Prozent zahlen gleich viel wie zuhause, 21 Prozent sogar mehr als zuhause. Berücksichtigt man die für die Amortisation wichtige hohe Auslastung der Ladeinfrastruktur vor Ort und die bei großen Unternehmen günstigen Einkaufsbedingungen, darf UScale zufolge angenommen werden, dass Arbeitgeber am Verkauf von Ladestrom verdienen.

98 Prozent finden das Laden am Arbeitsort attraktiv

Der Attraktivität des Ladens beim Arbeitgeber tut das keinen Abbruch: 98 Prozent finden Laden am Arbeitsort (sehr) attraktiv. Gleichzeitig ist die Liste möglicher Verbesserungen lang: Fragt man nach Potenzialen zur Verbesserung, steht der Wunsch nach mehr Ladepunkten für 52 Prozent ganz oben, gefolgt vom Wunsch nach fest angeschlagenen Kabeln (28 Prozent).

Den hohen Handlungsbedarf teilen sich die Arbeitgeber mit den Betreibern aller anderen (halb-)öffentlichen Ladeorte. Der Grund ist einfach: Viele Ladeorte sind in der Wahrnehmung der Nutzenden häufiger belegt als verfügbar, was für die Wahrnehmung zuverlässig verfügbarer Ladesäulen nicht hilfreich ist.

Gefühlt nehmen aber auch die Probleme beim öffentlichen Laden insgesamt zu. Die Verantwortlichen der Studie vermuten, dass dies vor allem auf die steigende Erwartungshaltung der Umsteiger zurückzuführen ist. Noch immer treten die meisten Probleme beim Starten des Ladevorgangs auf. Aber auch andere Ladeprobleme wie unerwartete Ladeabbrüche oder Entriegelungsprobleme werden häufiger genannt als noch vor einem Jahr. Nur rund jeder Achte gibt an, noch nie ein Problem beim öffentlichen Laden gehabt zu haben. Neben dem Wunsch nach mehr Ladesäulen gibt es bei E-Auto-Fahrenden also den Wunsch nach höherer Zuverlässigkeit.

Wenn ich nicht darauf vertrauen kann, bei Bedarf eine verfügbare Ladesäule zu finden, dann spielt es keine Rolle, ob das nach einer Fahrstrecke von 300 oder 400 km geschieht. Die Reichweiten sind also immer weniger das Problem“, kommentiert Dr. Axel Sprenger, Gründer und Geschäftsführer von UScale. „Wir brauchen den forcierten Ausbau aller Ladeorte: Normallader und Schnelllader, beim Arbeitgeber, im Retail, an städtischen Knotenpunkten, auf Parkplätzen, in Wohngebieten. Erst wenn sich für Verbrennerfahrer gefühlt eine deutliche Verbesserung zeigt, überwinden wir die gegenwärtige Absatzdelle und der Massenmarkt springt an.“

UScale hat im Zeitraum von Mai bis Juli 2023 insgesamt 3075 Leute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz online nach ihren Nutzungsgewohnheiten befragt. Die Studie zeigt präzise das Nutzungsverhalten vieler unterschiedlicher Teilzielgruppen für die meisten Lade-Use-Cases.

Quelle: UScale – Pressemitteilung vom 21.11.2023

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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brainDotExe:

Fair ist das noch, keine Frage. Der Betreiber soll ja auch noch was davon haben.

Nur als Arbeitnehmer hat man sich ja eigentlich eine Vergünstigung bzw. Vorteil erhofft.

Den hat man aber nicht, wenn man zu Hause laden kann.

Bei einer benachbarten Firma laden die Arbeitnehmer (noch) kostenlos. Die laden dann auch extra nicht zu Hause.

Philipp:

Bei meinem Arbeitgeber wird der Nicht-Industristrompreis direkt weitergegen (26c). Die Kosten für die Lademöglichkeiten übernimmt aber komplett der Arbeitgeber.

Aber selbst 35c halte ich für fair. Bei 20kWh/100km sind das immer noch nur 7€ oder 3,9l Diesel, was auf Kurzstrecke mit Verbrennern nicht zu schaffen ist. Es haben halt die meisten eine Lademöglichkeit zu Hause und fahren nur die 40km am Tag.

Was bei uns aber die Hälfte der Lader ausmacht sind die ganzen Hybride. Die müssen ja hier Laden um überhaupt wieder elektrisch zurückzukommen.

brainDotExe:

Kurz vor Baubeginn wurden die ungefähren Preise genannt.

Vermutlich weil man sich mit dem Betreiber noch nicht einig war.
Man muss anmerken, dass der Betreiber, im Gegensatz zum Arbeitgeber, wahrscheinlich keinen Industriestrompreis im Einkauf hat.

Wolfbrecht Gösebert:

„Bei uns wurde regelmäßig gefragt, auch öfter auf Betriebsversammlungen.

Nach 2-3 Jahren sind die Ladestationen dann gebaut worden, ca. 50 Ladepunkte.

Aber klar wurde, dass es 35 Cent/kWh kostet, ist das Interesse stark zurückgegangen.“

Warum wurde denn nicht vor dem Baubeginn über Kostenträger/Preis gesprochen?

Andreas:

Wenn Benzin oder Diesel im Auto verbrannt wird fehlt es (bzw. der Ausgangsstoff Rohöl) für die Herstellung von Medikamenten, Kunststoffen und anderen Produkten der chemischen Industrie. Und es fehlt auch kein Strom im Netz. Es gibt in Deutschland genügend Kraftwerkskapazität.

Von Januar bis Oktober 2023 wurden 424623 Elektroautos neu zugelassen. Wenn jedes 15000 km pro Jahr fährt bei einem Verbrauch von 20 kWh auf 100 km sind das zusammen 1274 GWh.
Im gleichen Zeitraum wurden PV Anlagen mit zusammen 11,7 GW neu installiert. In Deutschland erreichen diese ca. 1000 Vollaststunden pro Jahr und damit eine gesamte Stromproduktion von 11715 GWh.
Die neu installierten PV Anlagen liefern demnach 9 mal so viel Strom wie für die neu zugelassenen Elektroautos benötigt wird.

brainDotExe:

Ich bin immer wieder überrascht, dass die meisten in der Firma nicht einmal nachgefragt haben WANN die Lademöglichkeit kommt, sofern Firmenstellplätze vorhanden sind.

Wer nicht fragt bekommt nie etwas

Bei uns wurde regelmäßig gefragt, auch öfters auf Betriebsversammlungen.
Nach 2-3 Jahren sind die Ladestationen dann gebaut worden, ca. 50 Ladepunkte.

Aber klar würde, dass es 35 Cent/kWh kostet, ist das Interesse stark zurück gegangen.
Regelmäßig sieht man dort nur eine Hand voll Leute, welche zu Hause nicht oder nur schlecht laden können.

Die meisten können halt zu Hause deutlich günstiger als 35 Cent/kWh laden.

Gehofft hatten hier eigentlich alle auf ein mehr oder weniger Durchreichen des Industriestrompreis.

Philipp:

Bei meinen letzten beiden Jobwechsel war das Vorhandensein einer Lademöglichkeit ein Selektionskriterium. Das habe ich auch freundlich mitgeteilt.

Entsprechend kann ich nun auch in der Arbeit laden (26c), sowie zu Hause (27c) und beim Discounter meines Vertrauens (39c).
Da zu Hause nur mit 2,3kW ist es in der Firma auch noch effizienter.

Ich bin immer wieder überrascht, dass die meisten in der Firma nicht einmal nachgefragt haben WANN die Lademöglichkeit kommt, sofern Firmenstellplätze vorhanden sind.
Wer nicht fragt bekommt nie etwas.

Frank:

Für dich ist es kostenlos, aber den Strom zahlt einer und muss auch erzeugt werden auch wenn er vom Dach kommt fehlt er den Netz.

brainDotExe:

Bei mir auf der Arbeit würde es 35 Cent/kWh kosten, also deutlich mehr als zu Hause, selbst wenn ich dort ausschließlich Netzstrom laden würde.

Für mich also uninteressant. Bei anderen Firmen in der Nachbarschaft laden die Mitarbeiter (noch) kostenlos.

Mimi:

Bei mir perfekt, immer eine Ladesäule frei (sonst wird zur Mittagszeit einmal rotiert), mit festem Kabel dran und kostenlos für Privatfahrzeuge.
Zuhause lade ich nur, wenn ich zu lange im Homeoffice bin. Öffentlich nie. Ich zahle also eigentlich nur die Versicherung für mein Auto seitdem ich das habe.

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