Plug-in-Hybrid aus Italien: Was kann der Alfa Romeo Tonale?

Plug-in-Hybrid aus Italien: Was kann der Alfa Romeo Tonale?
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BeHonest | Nach der Alfa-Romeo-Ausfahrt über gut 1400 Kilometer: Elektroauto-News-Autor Henning Krogh am Test-Tonale des Typs 1,3 PHEV Q4

Henning Krogh
Henning Krogh
  —  Lesedauer 6 min

Es war ein Paukenschlag von Alfa Romeo, als die italienische Tochter des multinationalen Stellantis-Konzerns im vergangenen Oktober ihre „angepasste Modellstrategie“ öffentlich verkündete. „Die Automobilbranche befindet sich derzeit in einer beispiellosen Transformationsphase“, hieß es zur Begründung des Updates. „Ziel der Marke“ sei es, „sicherzustellen, dass alle künftigen Modelle einer Multi-Energy-Strategie folgen, die die wichtigsten Marktsegmente abdeckt und den Anforderungen der jeweiligen Märkte gerecht wird“. Ein wichtiges Element dieser Offensive – das Entwickeln neuer Hybridfahrzeuge.

Diese Annonce aus Turin erinnerte stark an jene Kurskorrektur, die Alfa Romeos Rüsselsheimer Schwesterlabel Opel vorgenommen hatte – und von Elektroauto-News im August exklusiv vermeldet worden war: Die Marke mit dem Blitz im Logo rückt von ihrem rigiden Vollstromer-Plan für 2028 ab. Im Hinblick auf die umfassende Dekarbonisierung bestätigte damals eine Opel-Sprecherin: „Aktuell prüfen wir unsere entsprechenden Planungen und passen Sie an die neuen Bedingungen an“.

Kein Zweifel, im Hause Stellantis lässt der erst seit Juni amtierende CEO Antonio Filosa schleunigst Platz schaffen für mehr elektrifizierte Antriebsarten rund um „die Kraft der zwei Herzen“: Verschiedenste Verbindungen von Verbrennungsmotor und Elektromaschine sollen das beste aus beiden Welten zusammenführen. Grund genug, sich intensiv mit einem der jüngsten Vertreter der Plug-in-Hybridtechnologie zu beschäftigen – dem SUV Alfa Romeo Tonale.

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„Brembo“-Bremssattel

In gerade erst modellgepflegter Version („Facelift“): Mit der stärksten Motorisierung „1,3 PHEV Q4“, die immerhin 199 kW/ 270 PS bietet. Und als Topversion „Sport Speciale“ – mit einem Grundpreis von stolzen 62.100 Euro. „Der Alfa Romeo Tonale Ibrida Plug-In Q4 (…) bietet serienmäßig Alfa Q4 Allradantrieb (e4WD): Der Verbrenner überträgt seine Kraft mittels eines Sechsgang-Automatikgetriebes auf die Vorderachse, der Elektromotor treibt die Hinterachse an“, lässt der Hersteller dazu wissen.

Als erster persönlicher Eindruck dies, da es die Leserschaft am meisten interessieren dürfte: Das Miteinander von Benziner und E-Aggregat funktioniert summa summarum prima im Tonale. In diesem Fall stimmt, was der Anbieter verspricht: „Die Übergänge zwischen reinem Verbrennerbetrieb und Unterstützung beziehungsweise Übernahme durch den Elektromotor (sind; Anm. d. Red.) kaum noch wahrnehmbar, was sich positiv auf den Komfort auswirkt“.

Batterie bringt Gewicht – und doch wäre ein größerer Akku fein

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Nickel-Mangan-Kobalt-Traktionsbatterie gern mehr Kapazität bieten dürfte als jene aktuellen 15,5 kWh, die für lediglich rund 60 bis 80 Kilometer im urbanen E-Betrieb ausreichen. Nach jeder „Leerfahrt“ lasse sich der Lithium-Ionen-Akku in 306-Volt-Technologie „mit dem 7,4-kW-Schnellladegerät (…) in nur 2,5 Stunden voll aufladen“, so Alfa Romeo.

Versuchsweise Strom gezapft hat der Testwagen an einer Wallbox, die in der Tiefgarage direkt neben dem Hotel Holiday Inn Munich City Centre montiert sind. Das war komfortabel – zugleich allerdings vergleichsweise kostspielig.

BeHonest | Allerlei EV-Funktionen: Die Effizienz des PHEV-Tonale sollen die Modi „E-Save“ und „Regeneratives Bremsen“ sowie „E-Coasting“ steigern

Bequem insofern, als ein separater Fahrstuhl in besagter Münchner Herberge an der Hochstraße neben der Etage „-1/ S-Bahn“ auch das Stockwerk „-2/ Garage“ anfährt. Kurze Wege sind eine feine Sache etwa für nicht nur des Tragens müde Dienstreisende mit allerlei Koffern, Taschen und Warenmustern im geräumigen Alfa-Romeo-Gepäckraum. Oder für Tonale-Touristen auf Innenstadt-Erkundungstour.

Teuer wiederum war das Energiezapfen insofern, als für die binnen zwei Stunden und sieben Minuten zugeladenen 13,63 kWh aus der Wallbox satte 12,13 Euro fällig wurden. Ein Schnäppchen sind 89 Cent pro Kilowattstunde – in unserem Fall abgerufen über eine „M“-Hypernetzkarte von EnBW – keineswegs. Alternativ würde sich hier der Ladetarif der Stadtwerke München (SWM) anbieten. Mit diesem werden nur 0,49 Euro/ kWh fällig.

BeHonest | Hochbetrieb in der Tiefgarage: Autor Krogh beim Aufladen des Testwagens

Lob für das Navi, Tadel für den Tempowarner

Auf Anfrage der Redaktion teilte Holiday Inn mit, „dass Ladestationen kein Markenstandard (…) sind“. Vielmehr würden „Ladestationen vom jeweiligen Hotel bereitgestellt“. Das heißt, dass die nächstgelegene Zapfsäule im Einzelfall also durchaus auch weiter entfernt liegen kann als bei unserer Stromspeicher- und Übernachtungsaktion.

Apropos: Um eine drohende Blockiergebühr zu vermeiden, haben wir den Tonale nach dem Ladevorgang auf einen der normalen Tiefgaragenstellplätze umgeparkt. Und das Hotel ist insgesamt empfehlenswert, denn hinter seiner trist grauen Fassade warten auf die Gäste eine umso buntere Lobby mit Bar-, Chill- und Restaurantbereich sowie modern eingerichtete Zimmer.

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Ein zeitgemäßes Interieur findet sich ebenfalls im Tonale Ibrida Plug-In Q4. Wie schon in Alfa Romeos Vollstromer Junior Elettrica, den Elektroauto-News vor gut einem Jahr ausprobiert hatte, gilt auch für dessen größeren SUV-Bruder mit Facelift: „Der Platz an der Wonne ist (…) eindeutig jener hinter dem Lenkrad“.

Ein angenehm zuverlässiges Navigationssystem zeigt den Weg mit rechtzeitigen und präzisen Zielführungssignalen in Wort und Bild an; der Zentralmonitor mit Touch-Funktion hat ein vernünftiges 10,25-Zoll-Format. Wermutstropfen: Die automatische Geschwindigkeitserkennung ist leider nicht sonderlich verlässlich; mal werden Verkehrsschilder zu Tempolimits detektiert, allzu häufig jedoch erheblich zu spät oder auch gar nicht. Das unten abgeflachte Sportlenkrad liegt griffig in den Händen und ist beheizbar. Gut so.

Ein sportives Auto, aber kein rasantes

Nicht gelungen finden wir die Hartplastikanmutung des oberen Teils der Cockpitverkleidung. Dort haben sich bei Stellantis augenscheinlich die Kostenhygieniker gegen das Designteam durchgesetzt. Dass es auch anders geht, beweisen ein mit Alcantara bezogenes Dekor-Element an der Armaturentafel sowie eine Zierleiste in Aluminium-Optik mit sogenanntem Speciale-Muster und Ambiente-Beleuchtung.

Die Vordersitze sind langstreckentauglich, wie unsere insgesamt 1462 Testkilometer aus dem Raum Frankfurt am Main nach Linz in Österreich und retour über Salzburg aufzeigten. Zum Hingucken schön – die gestickten Alfa-Romeo-Logos auf den Kopfstützen. Zum Hinsetzen einladend – die überraschend kommoden Plätze auf der Rückbank, zumutbar selbst stattlichen Menschen wie dem 1,96 Meter langen Autoren dieser Zeilen.

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Das Active-Suspension-Fahrwerk des Tonale haben die Ingenieure ausgewogen abgestimmt, die Sportbremsanlage von Zulieferer Brembo packt bissig zu. Ein Sportwagen ist dieser Alfa Romeo nicht. Ein flottes Reisemobil aber schon – bei voller Beschleunigung vergehen 6,2 Sekunden aus dem Stand bis zum Erreichen von Tempo hundert, und die Höchstgeschwindigkeit beträgt 206 km/ h.

In der Länge misst der Tonale 4,53 Meter, 2,08 in der Breite, handlich fühlt er sich an. In der Stadt, auf Landstraßen, im Autobahnbetrieb. Und auch wenn man für diesen Plug-in-Hybriden unter dem Strich eine Kaufempfehlung geben kann: Schade, dass er nicht als reiner Stromer erhältlich ist.


Disclaimer: Stellantis hat den Alfa Romeo Tonale zur Verfügung gestellt, Holiday Inn zur Übernachtung in München eingeladen. Beides hat jedoch keinerlei Einfluss auf unsere hier geschriebenen ehrlichen Meinungen.

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Henning Krogh

Henning Krogh

Henning Krogh ist Wirtschaftsjournalist und beschäftigt sich vor allem mit der Mobilitätsindustrie. Der gebürtige Hamburger war jeweils viele Jahre Redakteur bei „manager magazin“ und „Automobilwoche“. Jetzt, als Freier Autor, schreibt er unter anderem für „Business Insider“.

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