Zwei Drittel der Zulieferer rechnen mit Pleiten in der Branche

Zwei Drittel der Zulieferer rechnen mit Pleiten in der Branche
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Michael Neißendorfer
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Deutsche Automobilzulieferer befürchten existenzielle Einschnitte in ihrer Branche – das zeigt eine Erhebung der internationalen Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Baker Tilly. Demnach erwarten 67 Prozent der befragten Führungskräfte, dass binnen zwei Jahren eine deutliche Anzahl an Wettbewerbern ihr Geschäft aufgeben werden. Die deutschen Automobilzulieferer gehen mehrheitlich davon aus, dass neue Wettbewerber aus China (65 Prozent) und Europa (55 Prozent) auf den Markt drängen. Etwa ein Drittel rechnet mit neuer Konkurrenz aus den USA (35 Prozent).

„Unsere Untersuchung unterstreicht den hohen Transformationsdruck in einer geopolitisch angespannten Lage“, sagt Jannik Bayat, Automotive-Experte und Partner bei Baker Tilly. „Die deutschen Unternehmen erkennen mehrheitlich den hohen Investitionsbedarf, aber sehen zugleich den Kostendruck als größtes Risiko.“

Die neue Regierung stehe jetzt vor der Aufgabe, vor allem die Energie- und Produktionskosten zu senken, zeigt die Studie – dies fordern 73 Prozent der befragten Zulieferer. Erwartet werden ferner Steuererleichterungen (68 Prozent), Bürokratieabbau und schnellere Genehmigungen (62 Prozent) sowie die Förderung von Zukunftstechnologien wie Elektromobilität oder Wasserstoff (59 Prozent). Diese Maßnahmen gelten auch als zentral, um für ausgeglichenere Wettbewerbsbedingungen gegenüber China und den USA zu sorgen.

Stellenabbau und sinkende Absatzzahlen bestimmen die Branchenrealität. Doch die Untersuchung offenbart auch eine erstaunlich optimistische Selbstwahrnehmung mitten in Krisenzeiten. Befragt nach der eigenen wirtschaftlichen Lage, antworten 78 Prozent der Entscheider mit „eher gut“ oder „sehr gut“. Während sich viele Unternehmen selbst als stabil einstufen, fällt das Urteil über die Branche düster aus: 79 Prozent halten die Lage der deutschen Automobilzulieferer insgesamt für schlecht. „Die Wahrnehmung klafft drastisch auseinander“, sagt Bayat. „Die Industrie scheint die Risiken zwar zu erkennen, aber diesen im eigenen Unternehmen nicht entschieden genug zu begegnen.“

Die Hälfte sagt: „Die Konkurrenz aus Asien ist uneinholbar“

Die Untersuchung zeigt, dass die Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem internationalen Wettbewerb auf dem Spiel steht. So sehen sich aktuell nur 6 Prozent als „Vorreiter“ in der globalen Zulieferindustrie. Dagegen wähnen sich 28 Prozent im internationalen Vergleich „im Rückstand“. 51 Prozent attestieren der Konkurrenz aus Asien gar einen „uneinholbaren Vorsprung bei Schlüsseltechnologien“.

Ein Mutmacher: 75 Prozent der Befragten halten ihr Geschäftsmodell für „weitgehend unabhängig von der Transformation der Antriebstechnologie“. Der Grund: Die von ihnen gefertigten Bauteile würden in E-Autos ebenso wie in Verbrennermodellen benötigt. Zudem sehen 55 Prozent der Befragten eine realistische Chance, durch Verlagerung auf andere Branchen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. 86 Prozent geben an, eine klare Vision zu haben, welche Zukunftstechnologien das eigene Kerngeschäft dominieren werden.

„Wir sehen, dass die Transformation an Geschwindigkeit zulegen muss“, sagt Bayat. Denn beim Ausblick auf die nächsten fünf Jahre stellen 55 Prozent der Befragten fest, dass sich das Zeitfenster für die Transformation schneller schließe als gedacht. Und doch halten lediglich 23 Prozent der Befragten das eigene Transformationstempo für zu langsam.

Neue Geschäftsmodelle, Kooperationen und Effizienzsteigerung zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit

Mehr Wettbewerbsfähigkeit versprechen sich die Zulieferer von neuen Geschäftsmodellen und Produkten (89 Prozent), Fachkräftesicherung und Recruiting (81 Prozent) sowie Investitionen in neue Technologien und Innovationen (81 Prozent). Auffällig: Für 76 Prozent bilden Kooperationen und Partnerschaften einen Weg, um die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Unternehmens zu sichern. 71 Prozent sagen, dass ein Schlüssel in der Effizienzsteigerung bei Produktion und Prozessen liegt. 23 Prozent der Befragten geben auch Standortschließungen als Mittel der Wahl an, um sich wettbewerbsfähiger aufzustellen. Ebenso häufig wird das Abspalten von Geschäftsbereichen in Betracht gezogen. „Wir erleben, dass sich der Carve-out als ein stabilisierendes Element etabliert hat. Die Branche nutzt Carve-outs als aktives strategisches Instrument, um auf die vielfältigen Herausforderungen zu reagieren und sich nachhaltig und zukunftssicher aufzustellen “, sagt Bayat.

17 Prozent der Automobilzulieferer halten auch die Verlagerung von Standorten ins Ausland für wichtig und geboten. Die Studie zeigt aber auch: Das Streben nach Internationalisierung beschränkt sich in Zeiten wachsender geopolitischer Risiken verstärkt auf Europa. Nur 36 Prozent der Zulieferer bezeichnen sich aktuell als weltweit gut aufgestellt. Der Großteil bleibt fixiert auf die bewährten Stammkunden. So sind 49 Prozent auf europäische Fahrzeughersteller ausgerichtet. Nur die Minderheit beliefert auch chinesische (18 Prozent) und US-amerikanische (17 Prozent) Autobauer. Dabei wächst der Einfluss chinesischer Marken. Für Bayat lässt dies nur einen Schluss zu: „Wir denken weiterhin zu lokal und bestenfalls regional, während andere Zulieferer global angreifen.“

Quelle: Baker Tilly – Pressemitteilung vom 10.06.2025

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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