Wie Chinas Automobilindustrie globale Märkte verändert

Wie Chinas Automobilindustrie globale Märkte verändert
Copyright:

Alen thien / Shutterstock.com

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Im Jahr 2009 sorgte ein chinesisches Auto auf der Detroit Motor Show für Aufsehen – allerdings nicht im positiven Sinne. Die Fachzeitschrift Car and Driver bewertete das Modell von BYD als qualitativ schwach und bemängelte das Design. Zu dieser Zeit schien es unwahrscheinlich, dass chinesische Hersteller auf den internationalen Markt bestehen können. Wie das Blatt sich gewandelt hat: Heute ist China auf dem Weg, die weltweite Auto-Fertigung zu dominieren und wächst mit großen Schritten. BYD hat Tesla als führenden Produzenten vollelektrischer Modelle überholt und zählt zu den wichtigsten Akteuren der Branche. Zusammen mit Geely, Chery und SAIC hat China zudem die einstigen Marktführer Deutschland und Japan als größte Autoexportländer abgelöst.

Die Exporte chinesischer Autos sind in den letzten Jahren rapide gestiegen. Laut Citigroup wurden 2023 rund 4,7 Millionen Autos aus China ins Ausland verkauft – dreimal so viele wie noch 2020. Etwa ein Drittel dieser Exporte entfällt auf internationale Hersteller mit Produktionsstätten in China. Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl bis 2030 auf 7,3 Millionen steigen könnte.

Westliche Hersteller beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Besonders in Europa wächst die Präsenz chinesischer Elektroautos. Dennoch macht dieser Sektor nur einen Teil der Exporte aus. Der Großteil sind weiterhin Verbrenner, die vor allem in Schwellenländern gefragt sind.

Auch der heimische Markt hat sich stark gewandelt. Chinesische Käufer setzen zunehmend auf einheimische Marken, die mittlerweile rund 60 Prozent der Verkäufe ausmachen. Doch Überkapazitäten führen zu intensivem Preisdruck. Die Produktionskapazität liegt bei rund 45 Millionen Autos jährlich, genutzt werden jedoch nur etwa 60 Prozent. Dies hat zu aggressiven Preiskämpfen geführt und den Exportdruck erhöht.

Allerdings stehen nicht alle Märkte komplett offen. Die EU hat im Jahr 2024 die Zölle auf chinesische Elektroautos stark erhöht, um subventionierte Importe einzudämmen. In den USA verhindert ein Einfuhrzoll von 100 Prozent faktisch den Marktzugang. In Japan, Südkorea und Indien verhindern wirtschaftliche Interessen sowie diplomatische Spannungen eine nennenswerte Präsenz chinesischer Hersteller.

Wo China auf Wachstum setzt

Stattdessen richten Unternehmen wie BYD ihre Aufmerksamkeit auf Südostasien, den Nahen Osten, Lateinamerika und Afrika. Diese Regionen haben zusammengenommen ein jährliches Absatzvolumen von über 20 Millionen Autos und bieten Wachstumspotenzial. Strenge Umweltvorschriften und starke lokale Wettbewerber gibt es dort oft nicht.

Die Pandemie bot chinesischen Herstellern zudem neue Chancen. Westliche Autobauer konzentrierten sich aufgrund der Chipkrise auf teurere Modelle für etablierte Märkte, wodurch in Schwellenländern Lücken entstanden. Russland entwickelte sich nach dem Rückzug westlicher Hersteller zum größten Abnehmer chinesischer Autos. Zwischen 2021 und 2023 stieg der Marktanteil chinesischer Marken dort von neun auf 61 Prozent. In anderen Märkten gewinnen chinesische Hersteller ebenfalls an Bedeutung. Ihr Anteil liegt im Nahen Osten und Afrika bei acht Prozent, in Südamerika bei sechs Prozent und in Südostasien bei vier Prozent. Bisher dominieren Verbrenner, langfristig könnte jedoch der Anteil an Elektroautos steigen.

In Brasilien machen Elektroautos mittlerweile sieben Prozent der Neuwagen aus, in Mexiko acht und in Thailand 15 Prozent. In diesen Märkten stammen die meisten elektrischen Modelle aus China. Prognosen zufolge könnten bis 2030 mehr als 75 Prozent der chinesischen Autoexporte Elektroantriebe haben.

Neben Exporten setzen chinesische Hersteller verstärkt auf lokale Produktion

Neben Exporten setzen chinesische Hersteller verstärkt auf lokale Produktion. BYD betreibt Werke in Thailand und Usbekistan und plant Standorte in Brasilien, Ungarn, Indonesien, der Türkei und möglicherweise Mexiko. Auch Marken wie Chery, Changan, Great Wall und SAIC errichten Werke im Ausland. Bis 2030 könnte die Produktion in diesen Fabriken auf 2,5 Millionen Autos jährlich steigen, etwa die Hälfte davon in Europa.

Die chinesische Regierung könnte jedoch gegensteuern, um heimische Kapazitäten auszulasten und Technologieabfluss zu vermeiden. Trotzdem wird erwartet, dass chinesische Hersteller bis 2027 einen Marktanteil von bis zu 15 Prozent in Südamerika erreichen, allein durch lokal produzierte Modelle. Westliche Hersteller könnten sich infolge dieser Entwicklung stärker auf ihre Kernmärkte konzentrieren müssen, was den Wettbewerb dort verschärfen dürfte. Chinesische Unternehmen verändern die globale Automobilbranche und setzen etablierte Marken unter wachsenden Druck.

Quelle: The Economist – Chinese cars are taking over the global south

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Sebastian Henßler  —  

Eine VDA-Umfrage unter 116 Unternehmen zeigt, dass sich die Geschäftslage im automobilen Mittelstand deutlich verschlechtert hat.

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

Sebastian Henßler  —  

Chinesische Autobauer sichern sich Produktionsstandorte in Europa, bevor ein neues EU-Gesetz Direktinvestitionen aus China erschwert.

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

Tobias Stahl  —  

Volkswagen, Stellantis und Renault wenden sich in einem gemeinsamen Schreiben an die EU – und fordern möglichst simple Regeln zum Schutz der hiesigen Automobilindustrie.

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

Sebastian Henßler  —  

Nicht Zeitpläne, sondern technische Durchbrüche entscheiden über die Zukunft der Festkörperbatterie. CATL-Chef Zeng erklärt, wo die Technologie heute steht.

Mercedes-Veteran: Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben

Mercedes-Veteran: Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben

Sebastian Henßler  —  

Harald Schlarb war 36 Jahre bei Mercedes, baute die Tesla-Gigafactory mit auf – und erklärt, warum deutsche Firmen das Risiko wieder lernen müssen.

Exklusiv: Wie Alpitronic seine Hypercharger vor Hackern schützt

Exklusiv: Wie Alpitronic seine Hypercharger vor Hackern schützt

Sebastian Henßler  —  

Alpitronic lässt seine Ladesäulen hacken – ohne Grenzen und mit KI-Unterstützung. Was dahintersteckt, zeigt ein exklusiver Besuch im Cybersecurity-Labor.

Was steckt hinter Alpitronics Testlabor? Wir waren vor Ort

Was steckt hinter Alpitronics Testlabor? Wir waren vor Ort

Sebastian Henßler  —  

Wie macht man einen Hypercharger fit für Norwegen, Arizona und die Türkei? Die Antwort liegt im Bozner R&D-Zentrum von Alpitronic.