„Das würde für 1,6 Millionen E-Auto-Akkus pro Tag reichen“

„Das würde für 1,6 Millionen E-Auto-Akkus pro Tag reichen“
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Fraunhofer IWKS

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Maximilian Fichtner ist einer der angesehensten Batterieforscher Deutschlands. Im Interview mit Gateway to Automotive der Messe Frankfurt sprach der Professor für Festkörperchemie an der Universität Ulm und Leiter der Abteilung Festkörperchemie im Helmholz-Institut Ulm über die enormen Fortschritte der Batterietechnologien der vergangenen Jahre und räumte mit einigen Falschannahmen und Mythen rund um Elektroautos auf.

Zum Beispiel will er den häufig genannten Kritikpunkt „zu geringe Reichweite“ nicht gelten lassen: „Wichtig ist, dass man schnell laden kann, das ist das Entscheidende“, sagt Fichtner und verweist auf neue Modelle in China, die u.a. dank intelligenterem Packing schon knapp 1000 Kilometer mit einer Akkuladung schaffen und innerhalb kurzer Zeit Strom für weitere 600 bis 700 Kilometer nachladen können. „Die Verbrenner haben ja auch keine unbegrenzten Reichweiten“, ordnet er das Thema im größeren Kontext ein.

Auch den Kritikpunkt der zu hohen Preise für Batterien relativiert Fichtner: „Der Preis der Batterien ist in den letzten Jahren um 90 Prozent gesunken. Gleichzeitig hat sich die Speicherkapazität verdoppelt“, so der Batterieforscher. Und der Trend, „dass die Batteriepreise immer weiter runter gehen“, halte dank mittlerweile etablierten Rohstoffströmen und Skalierungseffekten weiter an. Als magische Grenze, damit Elektroautos günstiger werden können als Verbrenner, gilt ein Preis von unterhalb 100 US-Dollar pro Kilowattstunde Speicherkapazität. „Diesem Punkt nähern wir uns gerade“, sagt Fichtner.

„In Lithium-Ionen-Batterien findet sich kein Gramm einer Seltenen Erde“

Ein Mythos, der oft im Zusammenhang mit Batterien negativ erwähnt wird, ist der angeblich hohe Verbrauch von sogenannten Seltenen Erden. „In Lithium-Ionen-Batterien findet sich kein Gramm einer Seltenen Erde“, stellt Fichtner klar. Und entgegen ihrer Bezeichnung seien sie „gar nicht selten, sondern ungefähr so häufig wie Kupfer“. Im Elektroauto sind Seltene Erden wie etwa Neodym zwar trotzdem zu finden, in den Magneten mancher Elektromotoren. Im Recycling allerdings können 95 Prozent davon wieder zurückgewonnen werden.

Von Kritikern oft als Argument gegen Elektroautos ins Spiel gebracht wird oft auch der angeblich hohe Wasserverbrauch bei der Gewinnung von Lithium im Salar de Atacama in Chile. Mit diesem Mythos konnte auch EAN-Herausgeber Sebastian Henßler nach einem Besuch vor Ort bereits aufräumen. Und auch Maximilian Fichtner hat einige weitere relativierende Fakten parat: Zum Beispiel benötigen dem Batterieforscher zufolge „die Hotels, die an dem See sind, genauso viel Süßwasser wie die zwei Firmen, die Lithium erzeugen“. Und achtmal mehr Wasser werde vor Ort im Kupferbergbau verbraucht.

„Für Rohöl werden jeden Tag 46 Milliarden Liter Wasser benötigt“

Noch eine Ebene höher stimmt der Wasserverbrauch von Rohöl umso nachdenklicher: Für Rohöl werden „jeden Tag 46 Milliarden Liter Wasser benötigt, um es herzustellen, von dem Verschmutzungsrisiko noch abgesehen“. Das allein würde reichen für das Lithium für 1,6 Millionen Elektroautos pro Tag. Bedenken müsse man auch, dass es keine ihm bekannte Technologie für Autos gebe, die keine Umweltauswirkungen hätte.

„Wir haben nur die Wahl, das weniger Schädliche zu wählen“, sagt Fichtner. Und das seien eben Elektroautos, „auch deshalb, weil man die Rohstoffe im Kreis führen kann, was beim Rohöl nicht geht“. Die Elektromobilität gelte „inzwischen als Paradebeispiel für die Einführung einer zukünftigen Kreislaufwirtschaft“, bei der im Fahrbetrieb keine Emissionen entstehen und auch das Produkt selbst – das Auto – am Ende seines Lebenszyklus annähernd komplett recycelt und aus den Rohstoffen wieder ein neues gebaut werden könne.

China wird kaum mehr einzuholen sein

Dass Deutschland und Europa den technologischen Vorsprung der marktbeherrschenden chinesischen Hersteller in der Batterieproduktion aufholen können, sieht Fichtner nicht – erachtet dies allerdings auch nicht als zwingend notwendig: Ein „technisch sinnvolles Produkt“ müsse nicht unbedingt „auf dem technisch allerletzten Stand sein“, womöglich reiche es schon, „wenn man mit einem sehr guten Stand eine gute Produktion aufgebaut hat und konkurrenzfähige und sichere Produkte anbietet“. Außerdem sei der Markt für Batterien so groß, „dass eigentlich für jeden Platz ist“.

Alternativen zum Batterieantrieb bei Autos sieht Fichtner nicht. Wasserstoff etwa sei zu teuer und auf absehbare Zeit nicht in ausreichender Menge verfügbar. Und aktuell sei es so, dass Wasserstoff „zu 99 Prozent aus Erdgas“ hergestellt werde, was bedeute, dass der CO2-Fußabdruck von einem Wasserstoffauto ähnlich hoch sei „wie der von einem Diesel“.

Auch E-Fuels seien keine gangbare Lösung, da deren Verfügbarkeit „bis auf Weiteres nicht gegeben ist“. Außerdem werde „immer unterschätzt, wie extrem aufwendig es ist, das CO2 aus der Atmosphäre einzusammeln“, der Wirkungsgrad ist nochmals schlechter als bei Wasserstoff. Außerdem haben E-Fuels oder HVO als Diesel-Ersatz die selben Nachteile wie fossiler Treibstoff und würden „die Städte auch weiterhin durch Ruß, Lärm, Stickstoffoxide und Vibrationen“ belasten. Letztlich, so Fichtner, sei „der Kampf gegen die EU-Regelung, der ja auch gerade Wahlkampfthema bei der Europawahl war, ein Kampf für die weitere Nutzung fossiler Kraftstoffe“.

Quelle: Messe Frankfurt – „E-Mobilität ist der beste Weg, den wir haben“

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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