Tibber: Viele E-Auto-Haushalte zahlen zu hohe Netzgebühren

Tibber: Viele E-Auto-Haushalte zahlen zu hohe Netzgebühren
Copyright:

Shutterstock / 1393632980

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Zwischen 110 und 190 Euro im Jahr können Haushalte mit einer steuerbaren Verbrauchseinrichtung über reduzierte Netzentgelte nach Modul 1 sparen. Bei der Mehrheit kommt dieses Geld allerdings nicht an. Laut einer Auswertung des Energieanbieters Tibber erhalten rund zwei Drittel dieser Haushalte, darunter auch solche mit E-Auto, die Entlastung bislang nicht. Für die Betroffenen bleibt die mögliche Ersparnis damit jedes Jahr aufs Neue ungenutzt.

Grundlage ist Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes. Er erlaubt Netzbetreibern, steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie private Wallboxen, Wärmepumpen, Klimaanlagen oder Batteriespeicher mit mehr als 4,2 kW Anschlussleistung bei Engpässen im Netz vorübergehend zu drosseln, ohne sie ganz abzuschalten. Im Gegenzug sinken die Netzentgelte nach einem von mehreren Modellen. Modul 1 ist eine feste jährliche Pauschale, die unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch gewährt wird, keinen separaten Zähler erfordert und einmal je Zählpunkt gilt. Alternativ gibt es mit Modul 2 eine prozentuale Reduzierung, für die ein eigener Zähler nötig ist, sowie mit Modul 3 ein zeitvariables Netzentgelt, das sich nur zusätzlich zu Modul 1 wählen lässt. Wie hoch die Pauschale ausfällt, hängt vom jeweiligen Netzbetreiber ab.

Das Unternehmen geht sogar davon aus, dass die eigene Schätzung eher niedrig ausfällt. Tibber klärt seine Kund:innen nach eigener Darstellung aktiv über die Möglichkeit reduzierter Netzentgelte auf. Zudem gilt die Kundschaft im Schnitt als besonders affin für Themen rund um den Strommarkt. Außerhalb dieser Gruppe könnte der Anteil der Haushalte ohne Entlastung somit noch größer sein.

Ein Blick auf die Gesamtzahlen verdeutlicht die Dimension. Mindestens 4,7 Millionen Haushalte in Deutschland hätten laut Tibber Anspruch auf die reduzierten Entgelte. Bei einer klaren Mehrheit von rund 3,6 Millionen ist bislang jedoch noch kein Smart Meter ausgerollt, obwohl die Geräte für ihre Funktion als steuerbare Verbrauchseinrichtung ein solches intelligentes Messsystem benötigen. In Summe entgehen deutschen Haushalten dadurch nach Angaben des Unternehmens zwischen etwa 400 und 680 Millionen Euro pro Jahr.

Nach Darstellung von Tibber behalten die Netzbetreiber dieses Geld ein, obwohl sie selbst für den langsamen Rollout der Zähler verantwortlich sind. Die Verzögerung beim Einbau wirkt sich damit unmittelbar auf die Stromkosten zahlreicher Haushalte aus.

Ohne Fachbetrieb bleibt die Ersparnis oft liegen

Als wesentlichen Grund für die geringe Quote sieht Tibber die Komplexität der Anmeldeprozesse. Haushalte können ihre Anlagen derzeit nicht selbst anmelden, sondern sind dafür auf einen Installationsbetrieb angewiesen. Vor der Entlastung steht zudem eine Steuerbarkeitsprüfung durch einen Fachbetrieb, auf die Betroffene warten müssen. Unter diesen Voraussetzungen lassen die meisten das Geld nach Einschätzung des Unternehmens schlicht liegen.

Besonders schwer haben es Haushalte, deren Anlagen schon vor 2024 eingebaut wurden. Die Neuregelung gilt seit dem 1. Januar 2024 für alle neu in Betrieb genommenen Geräte. Ältere Anlagen ohne bestehende Steuerungsvereinbarung sind dauerhaft ausgenommen, können aber freiwillig wechseln und so ebenfalls von der Entlastung profitieren. Auch dieser Schritt führt allerdings über die Steuerbarkeitsprüfung.

Ralf Walther, Energy Market Lead bei Tibber, findet für die derzeitige Lage deutliche Worte: „Aktuell ist die Steuerbarkeitsprüfung maßlos überreguliert.“ Gerade für Altanlagen stelle das eine große Hürde dar. Laut Walther führt dies zu einer „Zweiklassengesellschaft bei den reduzierten Netzentgelten“.

Ein einheitliches Portal soll Abhilfe schaffen

Tibber fordert von den Verteilnetzbetreibern deshalb ein einfaches und standardisiertes Verfahren. Über dieses sollen sich Haushalte selbstständig und auch nachträglich für Modul 1 anmelden können. Vorgeschlagen wird ein normiertes Online-Portal, auf dem Nutzer:innen die Anmeldung eigenständig vornehmen und ihre vorhandene Hardware angeben. Die bisherige Wartezeit auf eine Prüfung durch einen Fachbetrieb würde damit entfallen.

Für Fälle, in denen die Angaben nicht ausreichen, enthält der Vorschlag eine klare Regelung. Lässt sich die Steuerbarkeit über das Portal allein nicht nachweisen, muss der Netzbetreiber aktiv werden. Die Verantwortung für den Nachweis läge dann nicht mehr ausschließlich bei den Haushalten, sondern zu einem Teil auch beim Netzbetreiber selbst.

Quellen: Tibber – Pressemitteilung zur Auswertung reduzierter Netzentgelte nach Modul 1 / Bundesnetzagentur – Betroffene Anlagen und Dimm-Regelungen / homeandsmart.de – Neuregelung § 14a EnWG einfach erklärt / Schwäbische Zeitung – Netzbetreiber dürfen Strom von Wärmepumpen einschränken

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Elektroauto laden

Urteil setzt Roaming-Aufschlägen Grenzen: Wird Laden nun günstiger?

Urteil setzt Roaming-Aufschlägen Grenzen: Wird Laden nun günstiger?

Daniel Krenzer  —  

Ein Urteil gegen EWE Go setzt hohen Roaming-Aufschlägen Grenzen. Für Ladekarten und eMSPs könnte das weitreichende Folgen haben.

Lademarkt-Report: DC-Ladepunkte werden fünfmal häufiger genutzt als AC

Lademarkt-Report: DC-Ladepunkte werden fünfmal häufiger genutzt als AC

Tobias Stahl  —  

DC-Ladepunkte machen nur ein Drittel der öffentlichen Ladeinfrastruktur aus, sind aber für über 70 Prozent der Ladevorgänge verantwortlich.

Ladenetztest: Aral Pulse und EnBW in Deutschland vorne

Ladenetztest: Aral Pulse und EnBW in Deutschland vorne

Daniel Krenzer  —  

Der Ladenetztest 2026 von Connect zeigt deutliche Unterschiede bei CPOs und eMSP. In Deutschland liegen Aral Pulse und EnBW Mobility+ an der Spitze.

Geely sucht Partner für 1000-kW-Ladestationen in Deutschland

Geely sucht Partner für 1000-kW-Ladestationen in Deutschland

Sebastian Henßler  —  

Neben dem Ladenetz plant Geely laut internen Quellen für Anfang 2027 ein vollelektrisches D-Segment-Auto in Deutschland, dazu sechs neue Modelle im Jahr.

MiSpeL: Bundesnetzagentur baut Hürden für V2G wieder ab

MiSpeL: Bundesnetzagentur baut Hürden für V2G wieder ab

Daniel Krenzer  —  

Nach einiger Kritik überarbeitet die Bundesnetzagentur MiSpeL. Für bidirektionales Laden und Vehicle-to-Grid sollen wichtige Hürden fallen.

Vattenfall meldet Rekordauslastung beim Schnellladen

Vattenfall meldet Rekordauslastung beim Schnellladen

Daniel Krenzer  —  

Vattenfall InCharge meldet eine stark steigende Nutzung seiner Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Besonders Schnelllader legen deutlich zu.