Projekt: Immer mit dem Wunschtarif und netzdienlich laden

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Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
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Zukünftig sollen Fahrer:innen von Elektroautos auch an öffentlichen Ladesäulen ihren Wunschtarif auswählen können. In einem gemeinsamen Pilotprojekt erproben derzeit erstmals in Deutschland der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, der Ökostromanbieter LichtBlick, das IT-Startup decarbon1ze und der Verteilnetzbetreiber Stromnetz Berlin die dahinterstehenden IT-Prozesse, heißt es in einer Pressemitteilung.

Kern der Zusammenarbeit sei es, dass der Strombezug an einer öffentlichen oder halb-öffentlichen Ladesäule nicht mehr ausschließlich an deren Betreiber gekoppelt ist, sondern die Nutzerinnen und Nutzer ihren eigenen Anbieter über ihr jeweiliges Abrechnungssystem mitnehmen können. Die Zuordnung der Strommengen erfolge über ein sogenanntes virtuelles Bilanzierungsgebiet und werde über den Bilanzkreis des eigenen Stromanbieters abgerechnet.

Die Zusammenarbeit erfolge auf der Grundlage der „Netzzugangsregeln zur Ermöglichung einer ladevorgangscharfen bilanziellen Energiemengenzuordnung für Elektromobilität (NZR-EMob)“ der Bundesnetzagentur (BNetzA) aus dem Jahr 2021. Laut dieser Vorgabe sollen die Bilanzierungsmöglichkeiten für Ladestrom erweitert werden, um mehr Wahlfreiheit beim Lieferanten zu bieten. Eine Bedingung der BNetzA sei, dass der Ladepunktbetreiber jeden Ladevorgang exakt bilanzieren und abrechnen kann. Ein regelzonenweites Bilanzierungsgebiet ist dafür die wirtschaftliche Basis.

Technische Herausforderungen

Aus technischer Perspektive sei es erforderlich, dass beim Aufladen eines E-Autos die Abrechnungsdaten an der Ladesäule zu den Netzbetreibern und dem Stromanbieter durchgeleitet werden. Erst dann könne der Strombezug ordnungsgemäß im Bilanzkreis verbucht werden.

Bilanzkreise hätten die Marktfunktion, die Erzeugung und den Verbrauch von Strom der jeweilig verantwortlichen Akteure zusammenzufassen. „Diese tragen die Verantwortung, immer ein Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Einkauf auf der einen und Verbrauch und Verkauf auf der anderen Seite sicherzustellen“, heißt es in der Mitteilung. Wenn dieser Ausgleich nicht eingehalten werden könne, zum Beispiel aufgrund kurzfristiger Abweichungen von Erzeugung oder Verbrauch, müsse der Übertragungsnetzbetreiber Regelenergie zum physikalischen Ausgleich einsetzen. Je genauer die Datengrundlage für die Einbindung von Verbrauchern und Erzeugern von Energie, desto besser könnten die Bilanzkreise geführt werden. So verringere sich auch der erforderliche Einsatz von Regelenergie durch den Übertragungsnetzbetreiber.

Flexiblere Steuerung

Dr. Dirk Biermann, Geschäftsführer Märkte und Systembetrieb von 50Hertz, sagte: „Wir rechnen damit, dass in den kommenden Jahren Millionen von Elektrofahrzeugen in unserem Netzgebiet unterwegs sein werden und dabei auch die öffentliche Ladeinfrastruktur nutzen. Je besser die Datenbasis über Ladevorgänge aussieht, umso besser werden die Prognosen zum Lastverhalten. Das wiederum bedeutet, dass die Übertragungsnetzbetreiber das elektrische Gesamtsystem mit einem steigenden Anteil von Erneuerbaren Energien sicherer und flexibler steuern und das enorme Speicherpotenzial der E-Fahrzeuge nutzen können.“

Erik Landeck, Geschäftsführer Stromnetz Berlin, fügte hinzu: „Das Stromtanken von Elektrofahrzeugen wird in wenigen Jahren für viele Kund:innen alltäglich sein. Als Verteilungsnetzbetreiber ermöglichen wir dies technisch durch den Anschluss der Ladesäule an unser Netz. Mit der Mitnahme des eigenen Stromanbieters wird darüber hinaus das Stromtanken auch außerhalb der eigenen Ladesäule einfacher und attraktiver. Wir freuen uns, Teil der bundesweit ersten Umsetzung in der Praxis zu sein und dabei auf Basis von intelligenten Messystemen einen neuen Bilanzierungsweg zu gehen.”

Wahlmöglichkeit für den Kunden

Enno Wolf, Chief Operating Officer von LichtBlick, äußerte sich wie folgt: „Seit Jahren setzen wir uns für mehr Wettbewerb an öffentlichen Ladesäulen ein. Erst wenn E-Fahrer:innen die Möglichkeit an der Ladesäule haben, zwischen verschiedenen Anbietern auszuwählen, können sie auch flächendeckend innovative Tarife nutzen. Für Ökostromanbieter wie LichtBlick ermöglicht es zudem, den Anteil an Erneuerbaren Energien im Ladenetz zu erhöhen. Daher freuen wir uns, als erster Energielieferant im virtuellen Bilanzierungsgebiet von decarbon1ze erste Kund:innen mit Grünstrom für unterwegs beliefern zu können.“

Knut Hechtfischer, CEO von decarbon1ze, sagte: „Wir sind dankbar, dass wir als Betreiber des virtuellen Bilanzierungsgebiets mit unseren Marktpartnern so schnell und agil die Grundlagen der Marktkommunikation implementieren konnten. So tragen wir unseren Teil dazu bei, dass Stromkund:innen künftig öfter laden wie der Wind weht oder die Sonne scheint, und davon tariflich profitieren. Neue Prosumer-Geschäftsmodelle werden unterstützt.“

Quelle:  Lichtblick – Pressemitteilung vom 13.06.2023

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Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

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