Opel Astra Sports Tourer Electric im Fahrbericht

Opel Astra Sports Tourer Electric im Fahrbericht
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 10 min

90 Jahre Kompaktklasse, 25 Millionen verkaufte Autos vom Kadett bis zum Astra – und jetzt steht in der Marina Kaštela bei Split ein Kombi in Klover-Grün mit karbonschwarzem Dach, der zeigen soll, dass Opel die nächsten Kapitel dieser Geschichte elektrisch schreiben kann. Ich bin nach Dalmatien gereist, um den neuen Opel Astra Sports Tourer Electric zu fahren. Ein Auto, das auf dem Papier bescheidene 115 kW bei 270 Nm Drehmoment leistet, mit einer 58-kWh-Batterie bis zu 445 Kilometer weit kommen soll und ab 39.490 Euro zu haben ist. Die Frage, die mich an diesen beiden Tagen begleitet hat: Reicht das, um im Alltag zu überzeugen?

Der erste Kontakt mit dem überarbeiteten neuen Astra findet nicht auf der Straße statt, sondern auf dem Parkplatz vor dem Pressebriefing. Dort reihen sich die Testwagen auf, und das neue Frontdesign fällt sofort ins Auge. Opel hat den Vizor schmaler und präziser gestaltet, den Blitz in der Mitte erstmals beleuchtet und das Ganze mit Lichtleisten flankiert, die horizontal in die Scheinwerfer und vertikal in die Bügelfalte der Motorhaube laufen.

Das Ergebnis ist ein Gesicht, das technischer wirkt als beim Vorgänger und sich spürbar von ihm absetzt. Mit 4,64 Metern Länge, 1,86 Metern Breite, 1,50 Meter Höhe und einem Radstand von 2,73 Metern bringt der Sports Tourer eine stattliche Präsenz auf den Asphalt – ohne dabei wuchtig zu wirken. Die sportlich abfallende Dachlinie trägt ihren Teil dazu bei.

Historische Opel-Modelle sauber aufgereiht in Split, Kroatien

Philipp Röckl, bei Opel global verantwortlich für Scheinwerfer und Heckleuchten, bringt es im Gespräch auf den Punkt: „Wir haben bewusst auf sämtliche Chrom-Elemente verzichtet. Licht ist das neue Chrom.“ Auf Chromapplikationen an der Außenhaut wurde komplett verzichtet, die Stoßfänger sind neu gestaltet, schwarz lackierte Elemente im Frontbereich sorgen für einen sportlicheren Auftritt. Die 18-Zoll-Felgen der Elektrovariante tragen ein eigenes Design – exklusiv für eben diese Antriebsvariante.

Hinzu kommt eine erweiterte Farbpalette mit zwei neuen Tönen, darunter das auffällige Klover-Grün, das optional mit schwarzem Dach kombiniert werden kann. Auch am Heck hat Opel nachgeschärft: Designelemente aus der Vergangenheit, etwa Anleihen beim Kadett D an der C-Säule, finden sich dezent wieder. In Summe wirkt der Sports Tourer stimmig und eigenständig, ohne übertrieben aufzutreten. Der Astra ist durch und durch in Rüsselsheim entworfen, entwickelt und gebaut – mehr „made in Germany“ geht kaum.

Veränderung zeigt sich nicht nur beim Exterieur, sondern auch beim Interieur

Wer die Fahrertür öffnet und sich hinter das Lenkrad setzt, bemerkt auch die Veränderungen im Innenraum schnell. Opel hat den Klavierlack komplett verbannt. Im Gespräch erklärt Philipp Schmitt, Produktmanager für den deutschen Markt, man habe auf die eigenen Kund:innen gehört: Der Klavierlack im bisherigen Astra war anfällig für Kratzer und Fingerabdrücke, auch und gerade im Bereich der häufig genutzten Knöpfe. Also hat Opel ihn komplett entfernt und durch kratzresistente Oberflächen in einem satinierten Grauton ersetzt.

In der Praxis wirkt der Innenraum dadurch etwas weniger hochwertig als zuvor – Klavierlack hat trotz seiner Alltagsschwächen durchaus dazu beigetragen, Flächen wertiger erscheinen zu lassen. Gleichzeitig ist die neue Lösung robuster und langlebiger. Wer seinen Astra täglich nutzt und nicht alle zwei Wochen Oberflächen polieren möchte, dürfte die Veränderung begrüßen.

Innenraum des Opel Astra Sports Tourer Electric

Was positiv auffällt: Opel setzt weiterhin auf physische Tasten unterhalb des Touchscreens für zentrale Funktionen wie die Klimasteuerung. „Digital Detox“ nennt Schmitt das – und tatsächlich erleichtert es die Bedienung während der Fahrt erheblich, wenn man nicht durch Menüs wischen muss. Das Pure-Panel-Cockpit mit seinen zwei 10-Zoll-Displays wurde grafisch überarbeitet, die Visualisierungen sind jetzt moderner und aufgeräumter. Das Infotainment bringt Over-the-Air-Updates und eine ChatGPT-Integration mit, dazu kabellose Smartphone-Anbindung und auf Wunsch einen vernetzten BEV-Reiseplaner. Neu ist zudem eine Driver-Monitoring-Kamera an der A-Säule, die die Fahreraufmerksamkeit überwacht.

Opel

Auch das verdient besondere Erwähnung: die Intelli-Sitze, die bereits aus dem Grandland bekannt sind und nun erstmals auch im Astra zum Einsatz kommen – serienmäßig ab der Einstiegsvariante. Ihr Erkennungsmerkmal ist eine patentierte Vertiefung in der Mitte der Sitzfläche, die den Druck auf das Steißbein verringern soll – inspiriert von der Sattelgestaltung bei Rennrädern. Nach rund drei Stunden auf der kroatischen Teststrecke kann ich sagen: Das Sitzgefühl ist angenehm, die Unterstützung spürbar. Besonders angenehm fiel mir die Oberschenkelauflage auf, die sich ausziehen lässt – gerade auf längeren Etappen ein spürbarer Komfortgewinn. Ab der GS-Ausstattung ist der Fahrersitz AGR-zertifiziert.

Opel reiht Sitze des Opel Astra Sports Tourer Electric sauber auf

Ein Blick in den Kofferraum gehört beim Sports Tourer zum Pflichtprogramm, denn der Kombi macht rund 80 Prozent der Astra-Absätze aus – gerade im Flottengeschäft ist das Ladevolumen ein zentrales Kaufargument. Die Elektrovariante fasst zwischen 516 und 1553 Liter, batteriebedingt etwas weniger als die Verbrenner mit bis zu 1634 Litern. Für meinen Bedarf während der zweitägigen Fahrvorstellung war der Platz mehr als ausreichend. Die bewährte Easy-Fold-Funktion zum Umklappen der Rücksitze und die im Verhältnis 40:20:40 teilbare Lehne sind weiterhin an Bord.

Dalmatiens Straßen als Testlabor für den Opel Astra Sports Tourer Electric

Dann geht es auf die Strecke. Am ersten Tag führt der Weg von Marina Kaštela bei Split über die Inlandroute nach Šibenik. Rund eine Stunde Fahrzeit durch das dalmatinische Hinterland – eine Landschaft, die sich hinter den Küstenbergen auftut und überraschend rau wirkt. Karge Steinmauern säumen die Straßen, dazwischen Olivenhaine und vereinzelte Gehöfte, die sich in die trockene Erde ducken. Die Strecke wechselt ständig den Rhythmus: kaum hat man auf einer freien Überlandpassage mit 90 km/h Fahrt aufgenommen, bremst die nächste Ortsdurchfahrt auf 40 oder 50 km/h herunter. Es ist ein stetiges Beschleunigen und Verzögern, das sich wie ein Pulsmesser für den Antrieb anfühlt – und gleichzeitig die ideale Umgebung, um Rekuperation und Verbrauch unter realen Bedingungen zu beobachten.

Der E-Kombi in Klover-Grün gibt durchaus eine gute Figur ab

Am zweiten Tag wechselt die Kulisse. Die Küstenstraße zurück Richtung Split schlängelt sich an der Adria entlang, mit Abstecher zum Nationalpark bei Skradin und einem Fotostopp in Primošten – jenem Fischerdorf, das sich auf seiner kleinen Halbinsel ins Meer schiebt und aussieht, als hätte es jemand für eine Postkarte inszeniert. Anderthalb bis zwei Stunden Fahrzeit, kurviger als die Inlandroute, mit Blicken auf vorgelagerte Inseln und tiefblaues Wasser, die immer wieder vom nächsten Tempolimit in einer Küstenortschaft unterbrochen werden.

Wer hier Autobahnkilometer erwartet, wird enttäuscht. Wer aber herausfinden will, wie sich ein E-Auto im europäischen Alltag abseits der Schnellstraße anfühlt, bekommt genau die richtige Testumgebung. Das Wetter spielt mit: frühlingshaft milde 14 bis 16 Grad, teils sonnig, teils bewölkt – Dalmatien Mitte März, noch vor der Saison, ruhig und unaufgeregt.

Der Astra Sports Tourer Electric fällt auf der Strecke dadurch auf, dass er nicht auffällt – und genau das ist sein Verdienst. Der 115 kW starke Elektromotor mit 270 Newtonmeter Drehmoment treibt den Kombi souverän voran. Im niedrigen Geschwindigkeitsbereich, der die Teststrecken dominiert, gleitet er ruhig und gelassen durch den Verkehr. An manchen Stellen verleitet das sofort anliegende Drehmoment zu einem kurzen Sprint, doch in Summe ist das hier ein ausgewogen ruhiges Reisemobil.

Die an manchen Stellen holprigen Straßen Kroatiens hat das Fahrwerk gut im Griff. Weder schaukelt der Sports Tourer bei Unebenheiten unangenehm nach, noch überträgt er jeden Riss im Asphalt ungefiltert in die Kabine. Für einen Kompaktwagen mit 1765 Kilogramm Leergewicht ist das eine ordentliche Abstimmung.

Die dreistufige Rekuperation über die Schaltwippen am Lenkrad gehört zu den willkommenen Neuerungen. Matthias Gunkel, globaler Produktmanager des Astra, hatte sie im Briefing als eines der neuen Komfort-Features hervorgehoben. In der Praxis lässt sich die Energierückgewinnung spürbar abgestuft steuern. Die stärkste Stufe verzögert deutlich, ohne abrupt zu wirken – ein guter Kompromiss für Fahrer:innen, die gerne mit einem Pedal arbeiten möchten, ohne auf den gewohnten Komfort zu verzichten. One-Pedal-Drive-Feeling bis auf Null herunter sucht man allerdings vergeben, bei 8 km/h ist die Untergrenze erreicht und der Astra schiebt nur noch langsam nach vorn.

Verbrauch und Reichweite im Realitätscheck

Beim Verbrauch zeigt sich ein realistisches Bild. Gestartet bin ich mit vollem Akku, wobei das Display nicht die WLTP-Reichweite von 445 Kilometern anzeigte, sondern eine auf Basis der letzten Fahrten berechnete reale Prognose von 356 Kilometern. Eine ehrliche Darstellung, die Vertrauen schafft. Der Bordcomputer wies einen Verbrauch zwischen 16,5 und 17,2 kWh pro 100 Kilometer (je nach Strecke) aus – nah am WLTP-Wert von 15,6 kWh, was bei den moderaten Geschwindigkeiten auf den Teststrecken allerdings auch nicht überrascht. Wie sich der Verbrauch auf der Autobahn bei 130 km/h entwickelt, konnte ich nicht testen. Die Höchstgeschwindigkeit gibt Opel mit 170 km/h an.

Beim Laden setzt Opel auf einen pragmatischen Ansatz: 100 kW DC-Ladeleistung, in rund 32 Minuten von zehn auf 80 Prozent. Das ist kein Spitzenwert, aber zusammen mit der serienmäßigen Batterie-Vorkonditionierung und dem bidirektionalen 11-kW-Onboard-Charger ein stimmiges Gesamtpaket. Neu ist die V2L-Funktion mit 3,6 kW, über die sich externe Geräte wie E-Bikes laden lassen. Serienmäßig an Bord ist auch eine Wärmepumpe – ein Punkt, der in der Kompaktklasse keineswegs selbstverständlich ist.

Technik im Praxiseinsatz: Assistenz und Licht

Ein Blick auf das Head-up-Display und die Assistenzsysteme verdient eine differenzierte Einordnung. Das Intelli-HUD ist übersichtlich, klar und aufgeräumt – wie auch die anderen digitalen Elemente im Auto. Die Schildererkennung von Opel wird dort eingeblendet und funktioniert in den meisten Fällen zuverlässig. In einem konkreten Fall zeigte Google Maps über Android Auto 50 km/h an, während Opels System korrekt 90 km/h erkannte. Umgekehrt wurden vereinzelt Geschwindigkeitsschilder nicht richtig erfasst. Das zeigt gut auf, dass die Kombination aus herstellereigener Erkennung und Drittanbieter-Navigation noch Luft nach oben hat.

Am Abend des ersten Tages bot Opel eine Nachtfahrt auf einer Schleife rund um Šibenik an, um das neue Intelli-Lux HD Licht zu demonstrieren. Mit mehr als 50.000 Pixeln ist das adaptive blendfreie System in der Kompaktklasse einzigartig. Röckl verweist auf Studien mit der TU Darmstadt: Bei 80 km/h lassen sich Objekte 30 bis 40 Meter früher erkennen als mit herkömmlichen Systemen. Auf den kurvigen Straßen Dalmatiens hält das System, was in der Theorie versprochen wird. Die Ausleuchtung ist homogen, der Übergang zwischen beleuchteten und ausgeblendeten Bereichen wirkt nahtlos. Besonders in Kurven, wo ein zusätzliches seitliches Lichtmodul die Fahrbahn ausleuchtet, macht sich der Unterschied bemerkbar. In der neuen Top-Ausstattungslinie „Ultimate“ gehört Intelli-Lux HD zum Serienumfang.

Nüchterne Zahlen und eine erste Einordnung des neuen Astra von Opel

Zur Einordnung noch ein Blick auf den Markt: Der Astra Sports Tourer Electric startet bei 39.490 Euro. Die Einstiegsvariante ins Astra-Portfolio ist der Hybrid mit 107 kW ab 32.990 Euro. Aktuell verteilt sich der Absatz auf 45 Prozent Diesel, 35 Prozent Hybrid, zwölf Prozent Elektro und acht Prozent Plug-in-Hybrid. Die Zahlen machen deutlich, dass der vollelektrische Antrieb im Astra noch eine Nebenrolle spielt – aber eine, deren Relevanz mit der gewachsenen Batterie und den neuen Features steigen dürfte. Beim Plug-in-Hybrid deutet der einstellige Anteil eher auf eine abnehmende Bedeutung hin. Dem Diesel hingegen traut die Kundschaft offensichtlich weiterhin viel zu – nicht verwunderlich bei eher hohem Flottenanteil mit langen Strecken, die zurückgelegt werden.

EAN-Herausgeber am Opel Astra Sports Tourer Electric. Mit einigen Fahreindrücken im Gepäck, aber ohne Sonnenbrille…

Was bleibt nach zwei Tagen an der dalmatinischen Küste als Fazit? Der Astra Sports Tourer Electric ist kein Auto, das mit Schlagzeilen um sich wirft. 115 kW, 445 Kilometer WLTP-Reichweite, 100 kW Ladeleistung – das sind keine Werte, die in irgendeiner Kategorie den Klassenprimus markieren.

Was Opel stattdessen abliefert, ist ein durchdacht zusammengesetztes Gesamtpaket: ein Kombi, der leise, komfortabel und effizient fährt, dessen Innenraum aufgeräumt und funktional gestaltet ist, und der mit Intelli-Lux HD Licht und Intelli-Sitzen zwei echte Differenzierungsmerkmale in der Kompaktklasse setzt. In Rüsselsheim baut man seit 90 Jahren Autos für den Alltag. Wem ein gelassener Begleiter wichtiger ist als Reichweiten- und Laderekorde, findet hier die elektrische Fortsetzung dieser Tradition.


Disclaimer: Opel hat zum Kennenlernen des Opel Astra Sports Tourer Electric nach Kroatien eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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