US-Autobauer Mullen „schlimmstes aller E-Luftschlösser“?

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Mullen

Iris Martinz
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Der amerikanische Elektroautobauer Mullen schickte sich an, innerhalb von nur zwei Jahren die Entwicklung einer Feststoffbatterie abzuschließen, die alle anderen in den Schatten stellen sollte. Erst kürzlich wurden optimistische Testergebnisse veröffentlicht, die den Aktienwert schlagartig um 145 Prozent in die Höhe schnellen ließen. Jetzt mehren sich hingegen Zweifel, ob an der Entwicklung überhaupt etwas dran ist. Das auf börsennotierte Unternehmen spezialisiertes Rechercheunternehmen Hindenburg Research hat schier Unglaubliches aufgedeckt.

Mullens Aktienkurs hatte in den letzten Monaten um rund 316 Prozent zugelegt, obwohl bisher offenbar noch kein Auto ausgeliefert wurde. Hindenburg Research deckte auf, dass jetzt veröffentlichten Testergebnisse der Feststoffbatterie eigentlich bereits aus dem Jahr 2020 stammen. Damals wurde ein Joint Venture für die Produktion der Feststoffbatterie angekündigt, welches es laut einem Insider aber „nie gegeben“ hat. Jener mit dem Projekt vertraute Insider nannte Mullens CEO David Michery sogar einen „Dampfplauderer“ und „Gauner„. Die Technologie basierte auf einer Lizenz eines chinesischen Unternehmens. Nachdem Mullen die Wichtigkeit dieser Partnerschaft mehrfach betont hatte, wurde diese nach einer einzigen Zahlung aber wieder beendet. Das chinesische Unternehmen ist unterdessen im Web nicht mehr auffindbar.

Nicht nur die Batterieentwicklung scheint mehr Schein als Sein zu sein, bei der Autoproduktion wird ebenfalls gemogelt. Hatte Mullen kürzlich noch angekündigt, unmittelbar mit der Produktion von zwei E-Van-Modellen beginnen zu wollen, stellte sich schnell heraus, dass es sich bei den vorgestellten Modellen um chinesische E-Autos handelte, die mit einem Mullen Logo versehen wurden. Importdokumente sollen beweisen, dass Mullen gerade erst zwei Fahrzeuge aus China importiert hatte.

Bereits 2019 stellte Mullen den „DragonFly“ vor, ein Supercar, das vom chinesischen Hersteller Qiantu Motors gebaut und unter der Mullen-Marke ab 2020 in den USA verkauft werden sollte. Gezahlt hat Mullen jedoch nie, weshalb die Kooperation gleich wieder beendet wurde. Das hielt Mullen jedoch nicht davon ab, das Auto weiterhin zu vermarkten, was Qiantu als „unentschuldbaren Missbrauch von Qiantus Rechten“ bezeichnete. Der DragonFly ist immer noch auf Mullens Website, angeblich gäbe es bereits 1.000 Reservierungen. In den USA soll Mullen darüber hinaus nicht einmal über ein EPA Zertifikat verfügen, eine Voraussetzung dafür, in den USA Autos verkaufen zu dürfen. Für das Produktionswerk in Tunica, Mississippi, werden kaum Stellen ausgeschrieben. Das angeblich „hochmodern ausgestattete“ Werk soll in Wirklichkeit nur spärlich bestückt sein. Das Foto auf der Website stamme von Adobe Stock Images, so Hindenburg Research. Der Vorbesitzer wollte in der Fabrik ein Pizzazustellauto bauen, hat aber kein einziges jemals verkauft.

Es kommt noch dicker: die medial präsentierten, 60 Millionen Dollar werten Bestellungen von 1.200 Klasse 2 E-Vans für den gewerblichen Gebrauch sollen von einem kleinen Cannabis-Geschäft mit einem einzigen Standort sowie einem Online Shop stammen, der jedoch seine Waren laut Website mit der US-Post verschickt. Die 500 Millionen Dollar werte Bestellung von 10.000 Stück eines anderen Modells würden von einem Unternehmen in Florida stammen, das jedoch aktuell nur über elf Fahrzeuge verfügt, davon keines elektrisch angetrieben.

Mullens Gründer und CEO David Michery soll bereits fünf Unternehmen in den Sand gesetzt haben. Mehrere Geschäftspartner und Investoren bei Mullen sitzen wegen Betrugs im Gefängnis. Michery selbst hat keinen Engineering- oder Produktionshintergrund, sondern wurde in der Unterhaltungsindustrie groß. Die ganze Geschichte erinnert stark an Uniti One, dessen Blase Anfang diesen Jahres geplatzt ist. Nach Nikola, Lordstown, Kandi und Ideanomics bezeichnet Hindenburg Research Mullen jedoch als „schlimmstes aller E-Luftschlösser„.

Quelle: hindenburgresearch.com – Mullen Automotive: Yet Another Fast Talking EV Hustle

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Iris Martinz

Iris Martinz

Iris Martinz ist Unternehmens- und E-Mobilitätsberaterin in Österreich, mit langjähriger Erfahrung im Recycling und Second Life von E-Mobilitätsbatterien. Fährt sowohl rein elektrisch, als auch V8, und möchte die beiden Welten etwas näher zusammenbringen. Nachzulesen unter www.mustangsontour.com.

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