Mobilität der Zukunft: Ver­netz­ter Verkehr für le­bens­wer­te Or­te

Mobilität der Zukunft: Ver­netz­ter Verkehr für le­bens­wer­te Or­te
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DLR

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Im Projekt Vernetzte Mobilität für lebenswerte Orte, abgekürzt VMo4Orte, entwickelt und erprobt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Lösungsbausteine für einen zukunftsweisenden Wandel des Verkehrssystems. Dazu entwickeln die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neue Mobilitätskonzepte. Diese sollen klimaverträglich, wettbewerbsfähig, bedarfsorientiert und nah an den Menschen vor Ort sein.

Die Forschenden werden dabei von sogenannten Praxispatinnen und Praxispaten unterstützt. Dazu zählen Verkehrsunternehmen, Kommunen und öffentliche Einrichtungen sowie Firmen der Mobilitäts- und Logistikbranche. Sie arbeiten von Beginn gemeinsam mit der Wissenschaft und bringen Anforderungen und Erfahrungen aus ihrem Alltag ein. Die erarbeiteten Ideen und Konzepte sollen beispielhaft umgesetzt werden in Form von Demonstrationsprojekten. Das DLR finanziert das Projekt VMo4Orte über eine Laufzeit von drei Jahren mit insgesamt gut 21 Millionen Euro. 19 Institute und Einrichtungen des DLR sind beteiligt. Die Projektleitung liegt beim DLR-Institut für Verkehrsforschung in Berlin.

In Zukunft müssen wir Mobilität noch viel stärker als bisher als vernetztes System denken und dann auch umsetzen. Denn Mobilität hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie wir den öffentlichen Raum und die Infrastruktur gestalten. Gesellschaftliche Teilhabe und die Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Beteiligten sind die Grundlagen für eine auch von allen akzeptierte Mobilitätswende. Sie ist ein entscheidender Hebel, um im Klimaschutz weiterzukommen sowie die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft und den Erfolg des Wirtschaftsstandorts zu sichern“, betont Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla, Vorstandsvorsitzende des DLR.

In vier Teilprojekten untersuchen die DLR-Forschenden im Dialog mit Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Gesellschaft die folgenden Schwerpunkte:

Stadt und Umland

Das erste Teilprojekt erarbeitet Mobilitätsangebote, um den Personen- und Güterverkehr in Stadt und Umland nachhaltiger zu machen. Wichtig sei dem Projektteam vor allem, einen für die jeweilige Situation vor Ort passenden und nachhaltigen Mix zu entwerfen. Das bedeutet, das Angebot muss so gestaltet sein, dass es die Mobilitätsbedürfnisse erfüllt und ökonomisch wie ökologisch attraktiv ist.

Neue Ideen für den nachhaltigeren Transport von Gütern auf der letzten Meile sind ein weiterer Aspekt des ersten Teilprojekts. Darunter fallen zum Beispiel Paketlieferungen. Ein Ansatz sind kleinere, lokale Zwischenlager, sogenannte „Mikro-Depots“. Von hier aus könnten kleinere, leisere und alternativ angetriebene Fahrzeuge zum Einsatz kommen.

Außerdem untersuchen die Forschenden, wie das Umwidmen von Flächen in Stadtquartieren eine klimaverträgliche Mobilität und Orte mit hoher Aufenthaltsqualität unterstützen kann. Als Demonstrationsprojekte sind die Umgestaltung des Berliner Stadtquartiers „Lausitzer Platz“ sowie ein Konzept zum Aufbau eines stadtweiten Netzwerks von Mikro-Depots ebenfalls in Berlin geplant.

Intermodale Netze und Knoten

Verkehrsnetze und Verkehrsknoten stehen im Zentrum des zweiten Teilprojekts. In Zukunft sollen sie so gestaltet und miteinander verbunden sein, dass sie für die Nutzenden attraktiver werden. Vor allem das geschickte und zuverlässige Kombinieren mehrere Verkehrsmittel – also „intermodale“ Angebote – seien ein wichtiger Lösungsansatz. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DLR untersuchen unter anderem, welche Infrastruktur für intermodale Konzepte benötigt wird.

Anhand eines „digitalen Zwillings“ des Kölner Hauptbahnhofs wollen sie alle relevanten Verkehrsflüsse dieses Knotenpunktes erfassen und ins gesamtdeutsche Verkehrsnetz integrieren. Digitale Zwillinge bilden sehr komplexe Systeme am Computer ab. Ohne Auswirkungen auf die Realität lässt sich so simulieren, wie sich zum Beispiel Änderungen bei Prozessen und Infrastruktur auf das Gesamtsystem auswirken.

Ökonomisch nachhaltige Mobilität

Ein Schwerpunkt des dritten Teilprojekts sind neuartige Geschäftsmodelle, die klimaverträgliche Mobilität fördern. Speziell untersuchen die DLR-Forschenden, wie diese Ideen am besten etabliert werden können und welche politischen Rahmenbedingungen notwendig sind. Ein Beispiel ist die Einführung alternativer Kraftstoffe an Verkehrsknotenpunkten wie Flughäfen. Zu den alternativen Kraftstoffen gehört Wasserstoff, der mit Energie aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird. Er kann entweder direkt als Energieträger zum Einsatz kommen oder dient als Ausgangsprodukt, um dann meist flüssige Kraftstoffe herzustellen. Diese können im Industrie- und Mobilitätsbereich vielfältig eingesetzt werden.

Das dritte Teilprojekt untersucht zudem bedarfsorientierte Konzepte für den öffentlichen Personennahverkehr, beispielsweise in Form von Kleinbussen, die nach Bedarf – also „on demand“ – eingesetzt werden können. Praktische Anwendung sollen die Erkenntnisse finden in Projekten zur Einführung alternativer Kraftstoffe am Flughafen Hamburg sowie zum Start neuer Mobilitätsangebote im öffentlichen Personennahverkehr der Regionen Braunschweig und Rheinland.

Fahrzeugkonzepte für lebenswerte Orte

Das vierte Teilprojekt von VMo4Orte beschäftigt sich mit der Entwicklung von zukunftsweisenden Fahrzeugkonzepten für Straße und Schiene – also wie die Vehikel selbst aufgebaut und gestaltet sind. Innovative Fahrzeuge, die möglichst automatisiert, flexibel und elektrisch unterwegs sind, spielen dabei eine wichtige Rolle. Beispiele sind „Mover“-Konzepte für den Transport von Personen und Gütern genauso wie elektrische Klein- und Leichtfahrzeuge.

Wichtig seien den DLR-Forschenden dabei besonders die Aspekte Emissionsfreiheit, Automatisierung sowie die Orientierung an den Bedürfnissen der Nutzenden und der Quartiere, in denen sie eingesetzt werden. Dies beinhaltet auch Betrachtungen zur ökologischen Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft bei Produktion, Einsatz und Entsorgung. Das DLR bringt hier seine bereits existierenden und prototypisch umgesetzten Fahrzeugkonzepte wie das U-Shift mit ein. Es kombiniert eine U-förmige, elektrisch betriebene, automatisiert fahrende Antriebseinheit mit Kapseln für den Transport von Personen und Gütern. Aber auch innovative Konzepte für die Schiene werden mit dem zukünftig autonom fahrenden Schienenbus „Next Generation Train – Taxi“ (NGT – Taxi) betrachtet.

Quelle: DLR – Pressemitteilung vom 24.02.2023

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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