Batterieelektrische Lkw sind bei vielen Transportaufgaben längst wirtschaftlich im Einsatz – und dennoch haben viele Unternehmen, die einen Umstieg planen, noch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Der eigentliche Engpass beim Hochlauf sind jedoch nicht die Fahrzeuge oder die öffentliche Ladeinfrastruktur, sondern die Netzanschlüsse auf den Betriebshöfen, meint Friedrich Baumann, Vorstand für Vertrieb und Customer Solutions bei MAN Truck & Bus.
Im Gespräch mit der Fachpublikation Transport erklärt Baumann, dass die Wirtschaftlichkeit batterieelektrischer Lkw sich bereits spürbar verbessert habe. Zwar würden die Fahrzeuge selbst nicht billiger, doch wer mindestens 100.000 Kilometer im Jahr zurücklege und viele mautpflichtige Autobahnen nutze, könne heute schon nach drei bis dreieinhalb Jahren den Break-even erreichen, bei höheren Laufleistungen auch früher. Einzelne Fahrzeuge im Zweischichtbetrieb legen mit Zwischenladung laut Baumanns Darstellung bereits mehr als 800 Kilometer täglich zurück.
Mit eigenem Solarstrom sind E-Lkw bereits günstiger als Diesel
Solche Reichweiten seien für die meisten Transporte aber gar nicht nötig. MAN-Fahrzeuge verbrauchten im Schnitt rund eine Kilowattstunde pro Kilometer, womit sie etwa 500 Kilometer ohne Zwischenladen zurücklegen können. Mehr als die Hälfte aller Transportleistungen liege aber ohnehin bei maximal 400 bis 500 Kilometern pro Tag, rechnet Baumann vor
Dass sich in dem Segment etwas bewege, sehe man schon an MANs eigener Logistik, so der Vertriebsvorstand weiter: Motoren würden inzwischen batterieelektrisch vom Werk Nürnberg nach München transportiert, so Baumann. Besonders wirtschaftlich würden E-Lkws, wenn die Unternehmen eigenen Strom nutzen können: „Wir haben Kunden, die frühzeitig in Photovoltaik investiert haben und Strom für rund zehn Cent pro Kilowattstunde nutzen“, erzählt Baumann im Interview. „Wenn sie dann klassische Relationen wie die Belieferung von Supermärkten fahren, sind sie heute bereits wettbewerbsfähiger als mit einem Diesel.“
MAN-Vertriebsvorstand kritisiert langsamen Netzausbau: „Jetzt steigt der Strombedarf, und damit sehen wir die Folgen.“
Mit Blick auf den Wasserstoffantrieb äußert der MAN-Vertriebsvorstand sich deutlich zurückhaltender. MAN habe zwar bereits Fahrzeuge mit Wasserstoff-Verbrennungsmotor bei Kunden in den Niederlanden, im Mittleren Osten und in Deutschland im Einsatz. Derzeit baut MAN zudem eine Kleinserie von rund 100 bis 150 H2-Fahrzeugen. Für eine Großserie sehe der Hersteller derzeit jedoch keine ausreichende Nachfrage. „Auch hier spielt der Preis die entscheidende Rolle. Wenn ich nahe an der Quelle bin, kann das funktionieren. Wenn ich aber an öffentlichen Wasserstofftankstellen zwischen zwölf und 18 Euro pro Kilogramm bezahle, wird sich das wirtschaftlich nicht rechnen“, so Baumann. Das wäre erst in einem Preiskorridor zwischen drei und fünf Euro pro Kilogramm der Fall.
Dass jedoch auch der Markt für batterieelektrische Lkw und Nutzfahrzeuge aktuell langsamer wächst als Beobachter noch vor drei oder vier Jahren erwartet haben, führt Baumann nicht auf die Fahrzeuge oder mangelnde Ladesäulen, sondern auf fehlende Netzanschlüsse zurück. Viele Unternehmen würden schon heute stärker in E-Lkw investieren, wenn sie die Ladefrage zuverlässig klären könnten, ist sich Baumann sicher. „Unsere Stromnetze wurden über viele Jahre nicht ausreichend ausgebaut – ähnlich wie Straßen oder Schienen. Jetzt steigt der Strombedarf, und damit sehen wir die Folgen.“ MAN arbeite unter anderem mit dem Energieversorger E.On zusammen, um größere Standorte mit ausreichend Strom zu versorgen.
Bidirektionales Laden, bei dem elektrische Fahrzeuge als rollende Stromspeicher und Instrumente zur Flexibilitätsvermarktung dienen können, ist ein weiteres Zukunftsthema für den Nutzfahrzeughersteller. „Im Pkw-Bereich gibt es dafür bereits erste Geschäftsmodelle“, erklärt Baumann. „Im Nutzfahrzeugbereich ist der Hebel aber deutlich größer. Gerade größere Flotten bieten enormes Potenzial. Deshalb beschäftigen sich viele Pioniere heute schon intensiv mit dem Thema.“ Der Vertriebsvorstand sieht bidirektionales Laden deshalb als einen „nächsten großen Schritt“ – zunächst werde jedoch das Megawatt-Laden kommen, mit dem sich Ladezeiten deutlich verkürzen ließen.
„Wir investieren heute in zwei Welten“: MAN entwickelt auch den Dieselantrieb weiter
Baumann zeigt sich in dem Interview zuversichtlich, was die Zukunft batterieelektrischer Antriebe betrifft, rechnet aber trotzdem damit, dass der Dieselantrieb noch lange gebraucht wird. Anfang der 2030er-Jahre werde der Anteil batterieelektrischer Lkw auf Europas Straßen bei etwa 40 Prozent liegen, prognostiziert das Vorstandsmitglied – MAN entwickle den Diesel daher weiter, auch mit Blick auf die Euro-7-Norm.
Baumann geht jedoch nicht davon aus, dass der Verbrenner dadurch günstiger wird: „Zum einen werden sich die Kraftstoffpreise vermutlich weiter nach oben entwickeln. Zum anderen steigen durch die zusätzliche Technik auch die Produktkosten“, so der Vertriebsvorstand. „Hinzu kommt, dass jede weitere Verbrauchseinsparung heute deutlich aufwendiger und teurer ist als noch vor zehn oder 15 Jahren. Die Technologie ist inzwischen sehr ausgereift. Dadurch wird die Elektromobilität Schritt für Schritt attraktiver.“
Hier sieht Baumann eine weitere große Herausforderung für Nutzfahrzeughersteller: „Wir investieren heute in zwei Welten. Wir entwickeln den Diesel weiter und investieren gleichzeitig massiv in die Elektromobilität.“ Den Diesel entwickle man seit rund 100 Jahren, während die Batterietechnologie noch am Anfang stehe und großes Potenzial berge. Das mache auch die Investitionsentscheidungen der Kunden komplexer, weshalb Beratung an Bedeutung gewinne.
Steigende Ölpreise bewegen Unternehmen vermehrt zum Umdenken
„Was die Diskussion aber zusätzlich antreibt, ist die Frage, wie unabhängig man künftig sein möchte“, gibt Baumann zu bedenken. „Die Ölpreise reagieren auf geopolitische Entwicklungen, und damit steigen auch die Dieselpreise. Viele Unternehmer erkennen inzwischen, dass sie sich mit eigenem Strom ein Stück weit unabhängiger machen können.“
Dass Unternehmen ihre Fahrzeugflotten auf einen Schlag elektrisieren, erwartet der Vertriebsvorstand allerdings nicht: Die meisten Unternehmen gehen Baumann zufolge Schritt für Schritt vor, ersetzen erst wenige Fahrzeuge, sammeln Erfahrungen und stellen dann die nächsten Fahrzeuge um. „So wie wir als Hersteller über längere Zeit mit mehreren Technologien arbeiten werden, werden das auch viele unserer Kunden tun.“
Dennoch zweifelt Baumann nicht am langfristigen Erfolg des Elektroantriebs: „Wir sind überzeugt, dass sich der batterieelektrische Antrieb im Nutzfahrzeug durchsetzen wird. Es gibt keinen effizienteren Antriebsstrang. Fragen Sie mich aber bitte nicht nach der genauen Zeitschiene.“
Quelle: Transport/Nfz-Messe – MAN-Vertriebsvorstand Friedrich Baumann: „Wir investieren heute in zwei Welten“








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