Grüner Wasserstoff wird in Namibia häufig als Exportchance für Europa beschrieben. Der Vortrag zur Wasserstoffproduktion im Land, gehalten von Dr. Ludger Eltrop und dem Doktoranden Tobias Schließ vom Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, machte jedoch deutlich, dass es dabei um weit mehr geht als um Elektrolyseleistung oder Transportlogistik.
Während Eltrop die energieökonomischen und strukturpolitischen Rahmenbedingungen der Wasserstoffproduktion in Namibia beleuchtete, legte Schließ den Fokus auf Nachhaltigkeitsstandards und regulatorische Anforderungen an grünen Wasserstoff im internationalen Kontext. Am Beispiel des Pilotprojekts „Daures Green Hydrogen Village“ zeigten die beiden, dass Wasserstoff in Namibia vor allem eine strukturpolitische Frage ist, in der Energiebedarf, wirtschaftliche Entwicklung und internationale Abhängigkeiten zusammenlaufen.
Namibia verfügt über sehr günstige natürliche Voraussetzungen für erneuerbare Energien. Hohe Sonneneinstrahlung und stabile Windverhältnisse ermöglichen hohe Volllaststunden, die deutlich über europäischen Vergleichswerten liegen. Diese Standortvorteile bilden die Grundlage für Projekte wie Daures, das bewusst als Demonstrations- und Lernprojekt angelegt ist.
Zugleich verwiesen die Referenten darauf, dass viele Kostenschätzungen für grünen Wasserstoff aus Modellrechnungen stammen, die mit vereinfachten Annahmen zu Infrastruktur, Finanzierung und Betrieb arbeiten. Ob diese Werte unter realen Projektbedingungen erreichbar sind, lasse sich derzeit noch nicht belastbar belegen. Die Unsicherheit betrifft damit weniger das technische Potenzial als die wirtschaftliche Umsetzung im konkreten Projektumfeld.
Energiebedarf statt Energieverzicht
Unstrittig ist, dass sich die energiepolitische Ausgangslage Namibias grundlegend von der europäischer Staaten unterscheidet. Während Industrienationen ihren Energieverbrauch langfristig senken sollen, steht Namibia vor der gegenteiligen Herausforderung. Wirtschaftliches Wachstum, Armutsbekämpfung und Industrialisierung erfordern zunächst einen steigenden Energieeinsatz.
Gleichzeitig ist das Land stark von Importen abhängig, sowohl bei Strom als auch bei flüssigen Kraftstoffen. Vor diesem Hintergrund wurde Wasserstoff im Vortrag nicht nur als potenzielles Exportgut eingeordnet, sondern auch als möglicher Hebel für eine eigenständigere Energie- und Industrieentwicklung. Die Frage ist weniger, ob Wasserstoff exportiert wird, sondern welche Rolle er innerhalb der nationalen Entwicklungsstrategie einnehmen kann.
Technisch ist die Produktion von Wasserstoff für den Export machbar, auch über große Distanzen. Entlang der Kette von erneuerbarer Stromerzeugung, Elektrolyse, Umwandlung, Transport und Nutzung entstehen zwar erhebliche Verluste, diese können jedoch durch hohe Erträge aus Solar- und Windenergie teilweise ausgeglichen werden.
Die Referenten betonten jedoch, dass diese Effizienzbetrachtung nicht den Kern der Debatte trifft. Entscheidend sei weniger die physikalische Machbarkeit als die Frage, wo entlang der Wertschöpfungskette wirtschaftlicher Nutzen entsteht. Damit rückt die Organisation der Produktions- und Weiterverarbeitungsschritte stärker in den Fokus als die reine Energieeffizienz.
Green Industrialization statt Rohstoffrolle
Vor diesem Hintergrund gewann das Konzept der sogenannten „Green Industrialization“ an Bedeutung. Namibia verfolgt nach Darstellung des Vortrags das Ziel, nicht auf die Rolle eines reinen Rohstofflieferanten reduziert zu werden. Stattdessen sollen weitere Verarbeitungsstufen im Land aufgebaut werden, etwa die Herstellung von Ammoniak, Düngemitteln oder industriellen Vorprodukten.
Das Daures-Projekt wurde in diesem Zusammenhang als Pilot vorgestellt, mit dem diese Ansätze erprobt werden sollen. Die Kombination aus Wasserstofferzeugung und lokaler Nutzung, etwa in der Düngemittelproduktion, dient ausdrücklich als Lern- und Demonstrationsansatz und nicht als Blaupause für einen sofortigen großskaligen Ausbau.
Ein weiterer zentraler Punkt betraf die Rolle von Nachhaltigkeitsstandards. Der Vortrag machte deutlich, dass „grüner Wasserstoff“ international unterschiedlich definiert wird. Europäische Regelwerke, insbesondere im Rahmen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie, legen den Fokus auf Treibhausgasreduktionen und den Einsatz erneuerbarer Energien.
Andere Kriterien wie Wasserverfügbarkeit, Landnutzung oder soziale Effekte spielen bislang eine nachgeordnete Rolle. Die vorgestellten Analysen zeigten, dass Projekte wie Daures unter bestimmten Annahmen die geltenden CO₂-Schwellenwerte einhalten können, selbst bei einem späteren Export. Gleichzeitig wurde betont, dass diese Ergebnisse stark von den gewählten Systemgrenzen abhängen, etwa davon, ob Emissionen aus Infrastruktur, Transport oder Nebenprozessen einbezogen werden.
Wasser, Fläche und Akzeptanz als Schlüsselfaktoren
Damit verlagerte sich der Blick auf Faktoren jenseits technischer Kennzahlen. Wasser ist in Namibia ein äußerst knappes Gut, insbesondere bei Projekten im Landesinneren. Auch wenn der Wasserbedarf der Elektrolyse im Verhältnis gering ist, beeinflusst die lokale Wahrnehmung die Akzeptanz solcher Vorhaben maßgeblich.
Ähnliches gilt für die Flächennutzung. Gebiete, die aus europäischer Perspektive ungenutzt erscheinen, besitzen häufig ökologische oder kulturelle Bedeutung. Der Vortrag unterstrich, dass diese Aspekte nicht nachträglich adressiert werden können, sondern von Beginn an integraler Bestandteil der Planung sein müssen.
Wiederholt wurde zudem die Bedeutung von Ausbildung und institutionellem Aufbau hervorgehoben. Schulung, Training und lokale Qualifikation gelten als Voraussetzung dafür, dass Wasserstoffprojekte langfristig Wirkung entfalten. Ohne entsprechendes Know-how vor Ort besteht die Gefahr neuer Abhängigkeiten von externen Akteuren.
Als präzise Erkenntnis lässt sich festhalten: Grüner Wasserstoff bietet Namibia reale Chancen, ist jedoch kein Selbstläufer. Ob aus Pilotprojekten tragfähige Modelle entstehen, entscheidet sich weniger an Gigawattzahlen als an der Frage, ob Energieexporte, lokale Wertschöpfung, soziale Einbindung und ökologische Grenzen miteinander in Einklang gebracht werden.
Quelle: Ifeu – Treffpunkt Transformation: “Wasserstoffproduktion in Namibia”, Dr. Ludger Eltrop








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