Deutsche sind unzufrieden mit der Verkehrswende

Deutsche sind unzufrieden mit der Verkehrswende
Copyright:

Shutterstock / 2273713271

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 5 min

Im Projekt MobilKULT untersucht das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI die Zusammenhänge zwischen Infrastrukturen, Mobilitätsgewohnheiten, Mobilitätskultur und der Einstellung zu politischen Maßnahmen im Mobilitätsbereich wie dem Deutschlandticket. Bei der Befragung im vergangenen Frühjahr wurde erhoben, inwiefern die Meinungen der Menschen zu verschiedenen Maßnahmen in der Verkehrswende auseinanderdriften.

Die Erkenntnis daraus: Über verschiedene gesellschaftliche Gruppen hinweg gibt es eine große Ähnlichkeit bei den Antworten sowie eine kontinuierliche Unterstützung von Maßnahmen wie dem Deutschlandticket – allerdings auch eine Einigkeit darin, dass die Verkehrswende aktuell wenig Anklang findet.

Wenn es um die Gestaltung einer nachhaltigeren und ökologischeren Mobilität geht, denken viele häufig an den Ausbau und die Umgestaltung von Mobilitätssystemen: mehr ÖPNV auf dem Land, flächendeckende Ladeinfrastruktur für E-Mobilität, mehr Angebote zur geteilten Nutzung von Fahrrädern oder Elektrofahrzeugen. Solche Veränderungen brauchen die Unterstützung und Anpassungsfähigkeit der Bevölkerung, da sie konkrete Auswirkungen auf die Gewohnheiten und Lebensrealitäten der Menschen haben.

Angesichts zunehmender Auswirkungen der Klimakrise, der aktuellen politischen Situation in Deutschland und Europa sowie der damit verbundenen Debatte über den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt, wie es um die gesellschaftliche Stimmung rund um die Verkehrswende bestellt ist: Wie (un)einig sind sich Menschen über aktuelle Wege in der Verkehrswende? Welche möglichen Treiber gibt es für kollektive Veränderungen in der Mobilität?

Zur Verkehrswende insgesamt äußern sich die Befragten der Studie im Durchschnitt verhalten bis ablehnend. Es finden sich allerdings leichte Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Befragten in den beiden Bundesländern Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern.

Am größten und bedeutsamsten jedoch sind die Unterschiede zwischen den Personen, die aktuell entweder viel oder wenig mit dem Auto unterwegs sind: Menschen, die wenig Auto fahren, sind in der Regel auch eher überzeugt von der Verkehrswende. Gleichzeitig sind sich alle Gruppen darüber einig, dass die individuelle Automobilität auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird.

akzeptanz-verkehrswende
Fraunhofer ISI

Wir interpretieren die Befunde so: Besserer Zugang zu Infrastrukturen für alternative Mobilität geht mit einer positiveren Einstellung zur Mobilitätswende einher. Außerhalb der Städte, wo der Zugang zu alternativen Mobilitätsformen häufig schlechter ist, sind die Menschen auch skeptischer, wie diese funktionieren könnten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Nutzungsgewohnheiten und Vorlieben für Verkehrsmittel wahrscheinlich schon bei der Wohnortwahl eine Rolle spielen – wer mit dem Auto fährt, eines besitzt oder sich den Besitz vorstellen kann, zieht vermutlich eher in ländlichere Bereiche.

Die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist spürbar

Die Wahrnehmung des sozialen Zusammenhalts in Deutschland ist unter den Teilnehmenden eher negativ. Kleinere Unterschiede finden sich zwischen den Bundesländern: In Baden-Württemberg bewerten die Menschen den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Durchschnitt etwas positiver als in Mecklenburg-Vorpommern. Zudem ist die Wahrnehmung in städtischen Gebieten positiver als in ländlichen Regionen. Dabei ist es wichtig zu berücksichtigen, dass in Mecklenburg-Vorpommern mehr Menschen in ländlichen Regionen wohnen als in Baden-Württemberg: In dem nordöstlichen Bundesland ist es fast jeder zweite Befragte, im Südwesten nur jeder fünfte – diese beiden Faktoren überlagern sich also.

Im Großen und Ganzen sind sich die Menschen einig in ihren Wahrnehmungen und sehen das Risiko einer gesellschaftlichen Spaltung. Gleichzeitig sehen sich die Befragten in der Stichprobe überwiegend akzeptiert in Deutschland – bei einem gleichzeitigen Gefühl, durch die Regierung benachteiligt zu sein. Das deutet auf eine Entfremdung von der Politik hin.

Politische Maßnahmen profitieren von einer Stärkung des sozialen Zusammenhalts

Die Wahrnehmung des sozialen Zusammenhalts und die Befürwortung politischer Maßnahmen hängen zusammen: Wer den Zusammenhalt positiver sieht, unterstützt auch stärker sämtliche politische Maßnahmen, die im Fragebogen gefragt waren. Nur bei zwei Mobilitätsmaßnahmen hat die Wahrnehmung des sozialen Zusammenhalts keinen nennenswerten Einfluss: das Deutschlandticket, das über alle vier bisherigen Wellen der MobilKULT-Studie hinweg die beliebteste Maßnahme ist, und die Abschaffung des Dienstwagenprivilegs.

Offen ist, wie sich eine Umsetzung der Maßnahmen auf diejenigen auswirken würden, die Zweifel am Zusammenhalt haben: Würde es diese Zweifel vergrößern? Oder könnte es das Vertrauen erhöhen, gerade wenn es sich um beliebte Maßnahmen handelt wie beispielsweise autofreie Innenstädte?

Kontinuität in der Akzeptanz von Politikmaßnahmen und der Automobilitätskultur

Mit der nun abgeschlossenen vierten Welle stellen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beachtliche Kontinuitäten fest: Das Deutschlandticket ist die beliebteste Maßnahme, und es hat zu Mobilitätsverlagerungen vom Auto auf den ÖPNV beigetragen. Bei den untersuchten verkehrspolitischen Maßnahmen zeigt sich wenig Veränderung in der Bewertung: Autofreie Innenstädte, Tempolimit auf Autobahnen und eine Home-Office Pflicht sind die Maßnahmen, die zusammen mit dem Deutschlandticket über alle Wellen hinweg am besten bewertet wurden.

Verkehrswende-Massnahmen-Politik
Fraunhofer ISI

Auch die Wahrnehmung der Automobilitätskultur hat sich über die Wellen hinweg nicht verändert – was darauf hinweist, dass sich die Rolle des Autos in der Wahrnehmung der Menschen bisher nicht ändert. Dabei ist die Identifikation mit dem Auto konstant niedrig über die Wellen. Aber für viele bedeutet Autofahren, Freiheit und Unabhängigkeit im Alltag zu haben und die Möglichkeit, persönliche Vorlieben bei der Wohnsituation zu realisieren.

Maßnahmen umsetzen, um die Verkehrswende spürbar zu machen

Die Verkehrswende ist bisher für die Bevölkerung wenig spürbar und hat kaum Auswirkungen auf den Alltag. Die Ausnahme ist das Deutschlandticket: Es ist beliebt und verstärkt bei denen, die es nutzen, eine nachhaltige Verkehrsmittelwahl – und das, obwohl seine Einführung bisher nicht mit Verbesserungen im Angebot einherging.

Zu den weiteren Maßnahmen, die die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, gehören autofreie Innenstädte, ein Tempolimit auf Autobahnen sowie die Förderung von Home-Office, um Wege zu vermeiden.

Quelle: Fraunhofer – Pressemitteilung vom 02.10.2024

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Politik

Teslas Autopilot fährt in Tempo-30-Zonen systematisch zu schnell

Teslas Autopilot fährt in Tempo-30-Zonen systematisch zu schnell

Tobias Stahl  —  

Teslas FSD hat bei Tests systematisch Tempo 30 missachtet und Radfahrer trotz Verbot überholt. Für Tesla kommen die Ergebnisse zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

„Überall brennt gerade die Hütte“: Autoindustrie steuert auf harte Tarifrunde zu

„Überall brennt gerade die Hütte“: Autoindustrie steuert auf harte Tarifrunde zu

Tobias Stahl  —  

Kurz vor Beginn der Tarifrunde hat IG Metall 175.000 Beschäftigte mobilisiert. IG-Metall-Chefin Benner wirft den Auto-Vorständen strategisches Versagen vor.

Studie warnt: EU-Schutzmaßnahmen machen E-Autos teurer

Studie warnt: EU-Schutzmaßnahmen machen E-Autos teurer

Daniel Krenzer  —  

Bruegel: EU-Zölle und Vorgaben für europäische Batterien könnten Elektroautos deutlich verteuern und den Hochlauf der E-Mobilität bremsen.

E-Autos aus EU drohen in Großbritannien 10 Prozent Zoll

E-Autos aus EU drohen in Großbritannien 10 Prozent Zoll

Daniel Krenzer  —  

Ab 2027 könnten viele EU-E-Autos beim Export nach Großbritannien mit 10 Prozent Zoll belegt werden. Der ACEA fordert deshalb neue Übergangsregeln.

Ungarns neue Regierung erhöht Druck auf chinesische Unternehmen

Ungarns neue Regierung erhöht Druck auf chinesische Unternehmen

Maria Glaser  —  

Unter Ministerpräsident Magyar werden derzeit Vereinbarungen und Umweltvorschriften geprüft, die den Druck auf Unternehmen wie BYD und CATL erhöhen.

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Sebastian Henßler  —  

Die Zahlen zum 31. Dezember 2025 waren wegen Mehrfachzählungen fehlerhaft und wurden korrigiert. Die Quoten der laufenden Aufsichtsverfahren bleiben unberührt.

Tankrabatt: Deutschlands Verkehrspolitik fährt rückwärts

Tankrabatt: Deutschlands Verkehrspolitik fährt rückwärts

Daniel Krenzer  —  

Die Bundesregierung senkt erneut die Spritpreise per Tankrabatt. Das führt zu hohen Kosten, sozialer Schieflage und falschen Anreizen.