Im aktuellen Podcast spreche ich mit Max Brandt, CEO von Strato7 und Autor des Buches „China Speed – Schnelle neue Welt.“ Max ist kein Unbekannter in der Branche: Als früherer Geschäftsführer von Electric Brands hat er die Gründerjahre der deutschen E-Mobilitätswelt hautnah miterlebt – inklusive der schmerzhaften Erfahrung einer Insolvenz, die er offen anspricht. Heute berät er mit seinem Team am Campus der RWTH Aachen Automobilhersteller, Zulieferer und KMU bei Transformationsprozessen und internationalen Strategiefragen. Und er weiß, wovon er redet: über 150 Mal war er bereits in China vor Ort.
Das Gespräch dreht sich um eine Frage, die mich schon länger beschäftigt: Was genau steckt hinter China Speed – und was können wir in Europa daraus lernen, ohne die eigenen Stärken aus dem Blick zu verlieren?
Max erklärt, dass der chinesische Elektroauto-Markt mehrere hundert Hersteller umfasst hatte, von denen am Ende womöglich nur 12 bis 15 wirklich große Konzerne übrig bleiben werden. Das sei keine Fehlfunktion, sondern bewusst so angelegt: ein staatlich gesteuertes Ausleseprinzip, das ganze Ökosysteme – inklusive Lieferketten – mitformt und auch mitreißt. „Alles ist immer im System entwickelt in China“, sagt Max, und das gelte nicht nur für die Automobilbranche, sondern genauso für KI, Hochgeschwindigkeitszüge oder erneuerbare Energien.
China und Tempo, das Europa unter Druck setzt
Besonders beeindruckend – und herausfordernd – ist das Entwicklungstempo. Während europäische Hersteller fünf Jahre und mehr für ein neues Modell benötigen, schaffen Spitzenunternehmen wie Xpeng oder Li Auto das in 18 Monaten. Max rechnet damit, dass sich die Taktung bei rund 24 Monaten einpendeln wird – eine Rückkehr zu 48 Monaten hält er für illusorisch. Dass dabei Fahrzeuge mit einem Entwicklungsstand von 80 Prozent in die Produktion gehen, sei dabei kein Fehler, sondern Konzept: „Per Definition sind diese Autos nicht fertig“, so Max. Gerade beim Software Defined Vehicle gehöre die Weiterentwicklung im Betrieb dazu. Entscheidend sei, dass die sicherheitsrelevanten Kernfunktionen von Anfang an stabil seien.
Auf der Nachfrageseite zeigt China ebenfalls, wie konsequente Steuerung aussehen kann: Städte wie Shanghai vergeben grüne Nummernschilder für E-Autos kostenlos, während Verbrenner-Kennzeichen teuer erkauft werden müssen. Das Ergebnis ist kein Verbot, sondern eine wirtschaftlich rationale Kaufentscheidung. Ein Mechanismus, den Max in Europa schmerzlich vermisst – auch wenn er versteht, warum die politische Debatte hierzulande eine andere ist.
Was Zulieferer in Deutschland jetzt verstehen müssen
Einen breiten Raum nehmen im Gespräch die deutschen Zulieferer ein. Max ist deutlich: Wer sich erst jetzt auf Elektromobilität einstellt und vorher ausschließlich im Verbrenner unterwegs war, für den sei „der Zug weitgehend abgefahren.“ Gleichzeitig betont er, dass viele Betriebe ihre eigenen Potenziale unterschätzen. Die Fähigkeiten eines Einspritzsystem-Herstellers gehen weit über das jeweilige Produkt hinaus – entscheidend sei die Bereitschaft, in Potenzialen zu denken statt in Produktkategorien. „Was für Potenziale sehe ich in einem Mitarbeiter, in einem Markt?“ – diese Denkweise sei in China tief verankert und in Europa erlernbar, aber noch lange nicht selbstverständlich.
Für chinesische Hersteller, die in Europa Fuß fassen wollen, hat Max ebenfalls klare Worte: Das Kopieren des chinesischen Produktansatzes funktioniere nicht. Der europäische Markt verlange Sicherheit, Langlebigkeit und Komfort als Grundvoraussetzung – und darüber hinaus echte Differenzierung, die nur entstehen könne, wenn man wirklich zuhört, was europäische Kunden brauchen. Nio sei ein Beispiel dafür, wie man trotz guter Fahrzeuge an diesem Verständnis vorbeizielt.
Das Gespräch endet mit einem Blick auf China selbst: Ja, die Wachstumsdynamik hat sich verändert, Immobilienkrise und zunehmende Autokratisierung hinterlassen Spuren. Aber Max warnt davor, das als Schwächesignal zu lesen. „Die Flut geht etwas zurück und legt den Strand frei“ – das bedeute Neuordnung, nicht Rückzug. Den größten Fehler, den Europa machen könnte, sei, China zu unterschätzen. Nun aber genug der Vorrede – hört selbst, was Max Brandt zu sagen hat.
Gerne kannst du mir Fragen zur E-Mobilität, die dich im Alltag beschäftigen, per Mail zukommen lassen. Die Antwort darauf könnte für andere Hörer des Podcasts ebenfalls von Interesse sein. Wie immer gilt: Über Kritik, Kommentare und Co. freue ich mich natürlich. Also gerne melden, auch für etwaige Themenvorschläge. Und über eine positive Bewertung beim Podcast-Anbieter deiner Wahl freue ich mich natürlich auch sehr! Danke.








Wird geladen...