Mit der Weltpremiere ihrer ersten beiden Modelle tritt die saudi-arabische Automarke Ceer kommende Woche in der King Abdullah Economic City in die Öffentlichkeit. Der Auftritt ist als mehr als ein gewöhnlicher Markenstart angelegt: Ceer soll zum industriellen Anker einer komplett neu aufgebauten saudischen Autoindustrie werden. Eine zentrale Rolle bei der technischen Umsetzung spielt ausgerechnet ein deutscher Automobilhersteller, BMW.
Ceer wurde 2022 als Gemeinschaftsunternehmen des Public Investment Fund (PIF) und des Elektronikfertigers Hon Hai Precision Industry, besser bekannt als Foxconn, gegründet. Für Foxconn, sonst vor allem als Auftragsfertiger von Apples iPhone bekannt, markiert das Engagement einen strategischen Schritt ins Automobilgeschäft. Geplant sind elektrische Limousinen und SUV für den saudischen Heimatmarkt sowie die Region Naher und Mittlerer Osten und Nordafrika.
BMW ist an dem Joint Venture nicht beteiligt, taucht in den Vorabmitteilungen zur Premiere aber prominent unter den globalen Technologiepartnern auf. In München wird diese Rolle bestätigt, gleichzeitig aber betont, dass weder eine Kapitalbeteiligung an Ceer bestehe noch Autos für die Saudis entwickelt oder gebaut würden. Vielmehr fungiere der Konzern als Lizenzgeber und stelle gegen Gebühr ausgewählte, serienerprobte Technologien aus dem eigenen Portfolio bereit.
Lizenziert werden nach vorliegenden Informationen Antriebskomponenten, nicht jedoch die komplette Fahrzeugarchitektur eines BMW-Modells. Ausdrücklich ausgenommen sind laut Konzernangaben „markenprägende Bauteile oder Funktionen von BMW, Mini oder Rolls-Royce“. Welche Komponenten im Einzelnen Bestandteil der Vereinbarung sind, legt BMW nicht offen.
Bewährte Antriebe aus zwei BMW-Modellen
Ganz so zurückhaltend ist der Beitrag der Münchner am Gelingen des saudischen Projekts dann doch nicht. Recherchen der Automobilwoche zufolge soll das erste Ceer-SUV mit dem Elektroantriebsstrang des aktuellen BMW iX1 ausgerüstet werden, die geplante Limousine greift demnach auf die Antriebstechnik des BMW i4 zurück. Beide Systeme gelten bei BMW als ausentwickelt, an einem Nachfolger des iX1 auf Neue Klasse-Architektur wird bereits gearbeitet, der i4 gilt intern als Auslaufmodell.
Für Ceer liegt die Logik hinter der Technologieanleihe auf der Hand. Statt Motor, Leistungselektronik und weitere Bestandteile des elektrischen Antriebsstrangs selbst zu entwickeln und zur Serienreife zu bringen, kann die junge Marke auf großserienerprobte Technik zurückgreifen. Entwicklungszeit und technische Risiken lassen sich auf diese Weise deutlich reduzieren.
Für BMW eröffnet der Deal zugleich den Blick auf ein Geschäftsfeld, das öffentlich weniger Beachtung findet als das eigentliche Autogeschäft: die Vermarktung von Technik an externe Kunden. Neu ist das nicht. Seit 1980 zählte der Konzern nach eigenen Angaben mehr als 25 internationale Partnerprojekte, von Verbrennungs- und Hybridantrieben über Elektroantriebe bis zu Software, Fahrzeugplattformen und Produktionskonzepten.
Ein Geschäftsmodell mit langer Tradition
Das Prinzip dahinter: Technik, die innerhalb der eigenen Modelle nicht mehr als wettbewerbsdifferenzierend gilt, aber serienerprobt ist, lässt sich außerhalb des Konzerns zusätzlich monetarisieren, während sich für den Kunden der Weg zur eigenen Serienproduktion verkürzt. Ceer ist dabei ein aktuelles und öffentlichkeitswirksames Beispiel für dieses Geschäftsmodell. Es gibt sogar eine persönliche Verbindung: Ceer-Chef Jim DeLuca hatte bereits während seiner Zeit beim vietnamesischen Hersteller VinFast auf BMW als Lizenzpartner gesetzt. VinFast erwarb damals unter anderem Rechte zur Nutzung und Modifikation der technischen Basis des BMW 5er der Baureihe F10.
Für Saudi-Arabien ist die BMW-Technik letztlich nur ein Baustein eines deutlich größeren Industrieprojekts, das die wirtschaftliche Diversifizierung des Königreichs vorantreiben und langfristig eine eigene Zuliefer- und Produktionslandschaft etablieren soll. Das industrielle Herzstück entsteht in der King Abdullah Economic City, wo auf einem mehr als eine Million Quadratmeter großen Areal Presswerk, Karosseriebau, Lackiererei, Montage, Logistik und eine Teststrecke aufgebaut werden. Der Produktionsstart ist für das vierte Quartal 2026 vorgesehen.
Auch die Zusammensetzung des Managements folgt dieser Logik aus Erfahrung statt Start-up-Spirit: Jim DeLuca, zuvor langjähriger Produktionsmanager bei General Motors und VinFast, führt Ceer als Chef. Markus Leitner, ebenfalls von VinFast und zuvor fast 15 Jahre bei Magna Steyr, verantwortet als Chief Technical Officer die Technik. Das Finanzressort leitet Jörg Schüssler, der zuvor bei Mercedes-Benz tätig war.
Quelle: Ceer – Pressemitteilung









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