CCS unter Druck: Tesla-Stecker auf dem Vormarsch

CCS unter Druck: Tesla-Stecker auf dem Vormarsch
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Tesla

Stefan Grundhoff
Stefan Grundhoff
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An sich schien der Steckerkampf an der Ladesäule beendet, denn weitgehend hat sich zum Schnellladen in Europa und Nordamerika der CCS-Stecker durchgesetzt. Doch in den USA kommt nunmehr starker Gegenwind, denn hier steigen immer mehr Marken auf den Tesla-Stecker um. Die Aufholjagd des NACS-Steckers könnte auch Auswirkungen auf deutsche Hersteller haben.

Der Siegeszug des Tesla-Steckers

Als das Elektroauto vor einigen Jahren noch in seinen technischen Kinderschuhen steckte, entbrannte ein kurzer, aber heftiger Kampf um den geeigneten Ladeadapter. Für die normale Ladung des Elektromobils setzte sich letztlich der sogenannte Mennekes-Typ-2-Stecker durch, mit dem sich mittlerweile an den meisten Ladesäulen nachladen lässt und mit dem auch die heimische Wallbox ausgestattet ist. Moderne Ladesäulen mit Aufrollfunktion haben diesen Typ-2-Stecker integriert und so muss der Fahrer des Elektromobils das eigene Kabel nicht mal aus Frunk oder Kofferraum herausholen.

Doch wer auf langen Strecken unterwegs ist, kann mit dem Typ-2-Stecker von Mennekes nicht viel anfangen, denn die Ladegeschwindigkeit ist hier vergleichsweise eher Schnecke denn Gepard. Wer schnell laden will, kommt um den CCS-Stecker (Combined Charging System) nicht herum, der nicht mitgeführt werden muss, sondern wegen seines Gewichts und der entsprechenden Isolierung direkt an Schnell- oder Hyperlader hängt und nur eingesteckt wird.

Baulich ist der CCS-Stecker eine Typ-2-Erweiterung um zwei weitere Pole, die für das flotte Ladetempo sorgen. Auf der Strecke geblieben scheint der von vielen lange Zeit befürwortete Chademo-Stecker, der seinen technischen Ursprung in Japan hat. Die seltsame Wortkreation Chademo steht dabei für „Charge de Move“ und kann in den meisten Fällen nur ein Ladetempo bis zu 50 Kilowatt realisieren. Keine nennenswerte Bedeutung beim Nachladen des eigenen Elektroautos haben CEE- und Schukostecker, die jedoch allenfalls mit 2,3 bis 3,7 Kilowatt nachladen können.

Tesla hatte früh mit dem Aufbau seiner Supercharger begonnen und diese insbesondere mit zahlreichen Ladepunkten an jeder Station versehen. Ins Rennen um die Ladestecker kommt nun etwas überraschend auf einmal wieder Bewegung, denn immer mehr Marken schlagen sich auf die Seite von Tesla und seinen NASC-Stecker. Ein Grund ist der große Markt USA, hier liegen Ladeanbieter wie Electrify America oder EV Go in vielen Regionen deutlich hinter der Ladeinfrastruktur der Musk-Firma zurück. Wer einmal am Wochenende, an Feiertagen oder in den Abendstunden an Einkaufszentren und Ladeparks in den großen US-Agglomerationen unterwegs war, kennt die endlos langen Warteschlangen vor den Ladepunkten ganz genau. Zudem hapert es oft mit der Ladegeschwindigkeit, weil nur 100 oder 150 Kilowatt bereitgestellt werden, wobei eine hohe Ausfallquote viele Fahrer eines Elektromobils nervt.

Die Vorteile des NACS-Tesla-Steckers

Die Chance hat Elon Musk erkannt und seine ehemals nur für Tesla-Modelle gedachten Hypercharger mit Ladegeschwindigkeiten von bis zu 250 Kilowatt nunmehr für immer mehr Marken geöffnet. Das gilt nicht allein für die USA, sondern beispielsweise auch für Europa. An zahlreichen Tesla Superchargern sind daher immer mehr Fremdfabrikate zu sehen, die hier Energie tanken, und das selbst als Fremdmarke zum Teil deutlich günstiger als an Ladesäulen von Fastned, EnBW oder Ionity. Während hier die Preise zuletzt oftmals schmerzhaft stiegen auf teilweise mehr als einen Euro, reduzierte Tesla seine Ladepreise abhängig von der jeweiligen Uhrzeit deutlich auf unter 0,50 Euro / kWh.

Zuletzt gab Volvo bekannt, dass die eigenen Kunden ab sofort Zugang zu 12.000 Tesla-Superchargern in den USA, Kanada und Mexiko bekommen. Im Rahmen dieser Vereinbarung werden künftige Volvo-Fahrzeuge ab 2025 in der Region mit dem nordamerikanischen Ladestandard (NACS) ausgestattet sein, auf den auch Tesla setzt. „Auf unserem Weg, bis 2030 vollständig elektrisch zu fahren, wollen wir das Leben mit einem Elektroauto so einfach wie möglich machen“, unterstreicht Volvo-CEO Jim Rowan, „ein Haupthindernis für mehr Menschen, auf das elektrische Fahren umzusteigen – ein wichtiger Schritt, um den Verkehr nachhaltiger zu gestalten – ist der Zugang zu einer einfachen und bequemen Ladeinfrastruktur.“

Die Volvo-Fahrer von Modellen wie XC40 / C40 Recharge oder den jüngst vorgestellten Modellen EX30 und EX90 müssen sich dafür noch nicht einmal wie bisher üblich in der Tesla-App als Fremdfabrikat anmelden. Die Tesla Supercharger werden in die Volvo-App sowie das Navigationssystem übernommen und können ab der ersten Hälfte 2024 mit einem Adapter genutzt werden. Wer mit seinem NACS-Ladeanschluss dennoch im CCS-System laden möchte, kann dies mit einem Adapter weiterhin tun.

Volvo ist dabei nicht der einzige Hersteller, der sich auf die Seite von Tesla schlägt, denn jüngst entschieden sich auch Ford und General Motors für die Tesla-Technik. Beide Marken, die ebenfalls mehr und mehr auf Elektromodelle setzen, wechseln auf den Ladestecker von Tesla. Wer etwa mit einem Ford F-150 Lightning oder einem Chevrolet Bolt unterwegs ist, kann daher ebenso wie die Volvo-Kunden ab 2024 an den Tesla Superchargern nachladen. „Wir haben die letzten zehn Jahre damit verbracht, ein branchenweit führendes Ladenetzwerk aufzubauen, das unseren Tesla-Besitzern die Freiheit des Reisens und das Vertrauen in das Laden ermöglicht“, sagt Rebecca Tinucci, Senior Director of Charging Infrastructure bei Tesla, „wir freuen uns darauf, unsere Mission zu erfüllen, den Übergang der Welt zu nachhaltiger Energie zu beschleunigen, indem wir Ford-Besitzer und andere Elektrofahrzeuge, die NACS übernehmen, an unseren Tausenden von Superchargern in ganz Nordamerika willkommen heißen.“

Wer mit einem älteren Modell unterwegs ist, kann den sogenannten Magic Dock nutzen, der den normalen CCS-Stecker auf das kleinere Tesla-Modul umsteckt. Das war es auch für General Motors und seinen verschiedenen Marken wie Chevrolet, Cadillac, Buick oder GMC für den bisherigen CCS-Stecker. Der Autobauer aus Detroit folgt Ford und seiner Elektroabteilung Ford Model E mit Sitz in Dearborn. Marin Gjaja, verantwortlich für die Elektrokunden bei Ford: „Das Tesla-Supercharger-Netzwerk ist sehr zuverlässig und der NACS-Stecker ist kleiner und leichter. Insgesamt bietet dies ein besseres Erlebnis für die Kunden.“

Die Auswirkungen auf die deutsche Autoindustrie

Tesla-CEO Elon Musk ist das nicht genug, denn er buhlt aktuell um die nächsten Großkonzerne Stellantis (unter anderem Jeep, Fiat, Alfa Romeo, Opel, Peugeot, DS, Citroen) sowie Toyota, die sich beide noch nicht für einen Stecker entschieden haben. Unter Druck setzt das insbesondere die deutschen Hersteller und Konzernmarken wie Volkswagen, Audi, Mercedes, BMW, Skoda, Mini oder Porsche, die in Nordamerika bisher wie in Europa allesamt auf den CCS-Stecker setzen, der aus den USA heraus aber nunmehr zunehmend unter Druck kommt.

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Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff ist seit frühester Kindheit ausgemachter Autofan. Die Begeisterung für den Journalismus kam etwas später, ist mittlerweile aber genau so tief verwurzelt. Nach Jahren des freien Journalismus gründete der Jurist 1994 das Pressebüro press-inform und 1998 die Beratungsfirma press-inform consult.

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