Wie die Autoindustrie die Mobilitätswende verschlafen hat

Wie die Autoindustrie die Mobilitätswende verschlafen hat
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Bei unserer Recherche nach dem aktuellen offenen Brief der IG Metall, der den Titel „Appell zur Stärkung der Automobilindustrie – Deutschlands Zukunft als Industriestandort sichern“ trägt, sind wir auf ein interessantes Fundstück aus dem Jahr 2009 gestoßen. Dieses trägt den Titel „Zukunft der Automobilindustrie sichern“. Die Parallelen dieser mittlerweile mehr als 15 Jahre alten Meldung zur aktuellen Situation der deutschen Autoindustrie sind ernüchternd geradezu. Verdeutlichen sie doch, wie sehr Autohersteller die Transformation, die aktuell dringender ist denn je, schlicht und einfach verschlafen haben.

„Urbanisierung, Knappheit fossiler Brennstoffe und der Klimawandel stellen die Branche vor große Herausforderungen. Die IG Metall fordert daher einen Branchenrat zur Zukunft der Mobilität“, heißt es in dem Schreiben aus 2009, dem Jahr, in dem die EU bereits sich mit den Jahren immer weiter verschärfende CO2-Grenzwerte beschlossen hat, die derzeit für viel Gesprächsstoff sorgen.

Die IG Metall verwies damals auf die „European Automotive Survey 2009“ von Ernst & Young, wonach ausländische Automobilmanager in Deutschland den damals weltweit attraktivsten Automobilstandort sahen. Besonders die Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität deutscher Autobauer schätzten die 300 befragten Manager aus der europäischen Automobilindustrie hoch oder sehr hoch ein.

2009 – wir erinnern uns: Weltwirtschaftskrise, Abwrackprämie – gingen die Neuwagenzulassungen massiv zurück, und schon damals galt das Geschäftsmodell der deutschen Automobilindustrie mit ihrem Fokus auf große Autos unter Vernachlässigung kleiner, auch für die breite Masse erschwingliche Autos, als fragwürdig und gefährlich.

Die IG Metall hatte daher neun Thesen zur Zukunft der Automobilindustrie aufgestellt, in denen sie der Branche gravierende Umwälzungen prophezeite. 2009 wohlgemerkt. Demnach musste von einer steigenden Nachfrage nach verbrauchsarmen, energiesparenden Antrieben in kleinen, umweltfreundlichen Fahrzeugen zu rechnen gewesen sein, warnte die IG Metall eindringlich.

Und jetzt, 2025, rufen die Geschäftsführer und Betriebsratsvorsitzenden fünf großer Automobilzulieferer gemeinsam mit der IG Metall Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Unterstützung der Autoindustrie auf. „Uns eint gemeinsam mit der IG Metall die tiefe Sorge um den Automobilstandort Deutschland“, schreiben die Chefs und Arbeitnehmervertreter von Bosch, Continental, Mahle, Schäffler und der ZF Group dem Handelsblatt zufolge in einem offenen Brief an den Kanzler.

Ein zentraler Punkt des Schreibens ist die Notwendigkeit, den Hochlauf der E-Mobilität zu beschleunigen, etwa durch steuerliche Erleichterungen und den Ausbau der Ladeinfrastruktur. „Die aktuelle EU-Regulierung zu den CO2-Flottengrenzwerten setzt sehr ehrgeizige Ziele“, heißt es in dem Schreiben. Um diese zu erreichen, müsse die Politik die Rahmenbedingungen schaffen.

Nur: Seit 2009 weiß die Branche Bescheid, wohin der Weg führt. Jetzt die Politik dafür verantwortlich zu machen, dass die Appelle von damals in den Werken der Autohersteller verhallten, weist die Schuld dem falschen Adressaten zu. Anstatt sich das eigene Versagen einzugestehen – und einige der Vorschläge, die bereits 2009 auf dem Tisch lagen, vielleicht doch mal umzusetzen.

Quelle: IG Metall – Pressemitteilung vom 26.10.2009 / Handelsblatt – Bosch, ZF, Continental und IG Metall appellieren an Scholz

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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