Auf dem Weg zur Elektromobilität bremst vor allem die Verunsicherung

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 5 min

Elektromobilität ist längst auf unseren Straßen sichtbar und nach Einschätzung von großen Teilen der Wissenschaft der Antrieb der Zukunft – doch in der öffentlichen Wahrnehmung stößt sie auf gemischte Reaktionen. Fragt man Menschen, welche Zukunft unterschiedliche Antriebsarten für Pkw haben, zeigt sich vor allem Unsicherheit – und das, obwohl politische Fördermaßnahmen für Elektromobilität mehrheitlich positiv bewertet werden und zuletzt auch das Interesse an Elektroautos wieder zugenommen hat.

Am Fraunhofer ISI befragen einige Wissenschaftler:innen im Rahmen der Panelstudie MobilKult regelmäßig Bürger:innen zu ausgewählten mobilitätspolitischen Maßnahmen. Die Teilnehmenden werden repräsentativ aus zwei Bundesländern ausgewählt: Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg.

Im Herbst 2025 wurde die sechste Erhebungswelle durchgeführt. Im Fokus stand diesmal die Frage, welche Rolle unterschiedliche Antriebe im Autoverkehr aus Sicht der Befragten in Zukunft spielen können. Hintergrund der Fragestellung waren die derzeit wieder intensiv geführten Debatten über die Zukunft der Mobilität und die Rolle des Verbrenners. Neben batterieelektrischen Antrieben werden auch alternative Energieträger wie Wasserstoff oder E-Fuels öffentlich diskutiert. Die Auseinandersetzungen sind teils hart und emotional – Stichwort „Verbrenneraus“, so die Fraunhofer-Autor:innen in einer aktuellen Mitteilung.

Doch welche Rolle können Alternativen zum klassischen Verbrennungsmotor künftig spielen? Worauf sollte die Politik setzen und was gilt aus Sicht der Bürger:innen als „richtiger“ Weg? Ausgewählte Ergebnisse zu diesen Fragen liegen nun aus der MobilKult-Studie vor.

Politikmaßnahmen für Elektroautos werden meist unterstützt – Maßnahmen gegen Verbrenner eher nicht

In den Befragungen wird demnach ein klarer Trend deutlich: Viele Menschen befürworten Maßnahmen, die die Mobilitätswende hin zu elektrischer Mobilität fördern können. Dazu zählen zum Beispiel eine Kaufprämie für Elektroautos und auch deren einkommensabhängige Staffelung. Genauso bewerten die Befragten auch Steuererleichterungen für Unternehmen durch Sonderabschreibungen für E-Autos im Durchschnitt positiv.

Bei den Maßnahmen, die darauf abzielen, die Nutzung von Verbrennerfahrzeugen unmittelbar zu begrenzen, gibt es jedoch überwiegend Ablehnung in der Bevölkerung – zum Beispiel gegenüber einer CO2-gebundenen Zulassungssteuer. Auch ist eine Mehrheit gegen das sogenannte „Verbrenneraus“, das ab 2035 die Zulassung von neuen Verbrenner-Pkw stark beschränken will.

Bei der Analyse fiel den Wissenschaftler:innen auf, dass diejenigen, die grundsätzlich Interesse an E-Mobilität haben (36 Prozent der Teilnehmenden der MobilKult-Welle 6), allen untersuchten Maßnahmen stärker zustimmen – auch dem „Verbrenneraus“. Doch eine knappe Mehrheit (51 Prozent der MobilKult-Welle 6) interessiert sich aktuell nicht für Elektromobilität – und ist auch bei allen Maßnahmen skeptischer. Für die Automobilbranche und die Politik sei es damit zentral herauszufinden, was die Gründe für das unterschiedliche Interesse an Elektromobilität sind.

Unsicherheiten über die Antriebstechnologien von morgen

Eine mögliche Erklärung dafür, warum die Elektromobilität in Teilen der Gesellschaft noch immer auf wenig Interesse stößt: Die wechselnde politische und öffentliche Debatte verunsichere die Menschen.

Im März 2023 wurde auf EU-Ebene beschlossen, dass ab dem Jahr 2035 keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden dürfen. Politisch wird aktuell jedoch eine Abschwächung diskutiert – statt einer 100-prozentigen Emissionssenkung bei den Neuzulassungen ab 2035 soll es genügen, lediglich 90 Prozent zu erreichen, was in etwa einem Ausstoß von durchschnittlich 11 Gramm CO2 pro Kilometer entsprechen würde.

Zum Thema alternative Kraftstoffe und insbesondere zu sogenannten E-Fuels werden immer wieder unterschiedliche Aussagen in den Medien geteilt, inwieweit diese den Bedarf des Autoverkehrs in diesem Jahrhundert wirtschaftlich sinnvoll und technisch machbar überhaupt decken können. Der Tenor: Sie werden auf absehbare Zeit sehr knapp und somit auch sehr teuer sein.

In den MobilKult-Wellen im Sommer 2023 und Herbst 2025 haben die Autor:innen daher auch nach den Zukunftserwartungen für den Automobilsektor und für alternative Antriebe bis 2035 gefragt. Die Ergebnisse wurden mit einer früheren Studie des Fraunhofer ISI aus dem Sommer 2020 verglichen.

Im Verlauf über die Zeit zeigt sich eine steigende Verunsicherung darüber, welche alternativen Antriebe langfristig eine zentrale Rolle spielen könnten – und das, obwohl inzwischen sehr viel mehr Elektroautos auf dem Markt und auf den Straßen unterwegs sind. Aktuell gehen 29 Prozent der Befragten davon aus, dass sich alternative Antriebe nicht gegen Benzin- oder Diesel-Pkw durchsetzen können – ein Anstieg von sieben Prozentpunkten im Vergleich zu 2020. Insgesamt 46 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sich entweder ein oder mehrere alternative Antriebe bis 2035 durchsetzen. Ein Viertel möchte oder kann sich heute nicht (mehr) festlegen, wie die Entwicklung sein wird.

Bei der Frage danach, welche Antriebe vorn liegen, gibt es verschiedene Einschätzungen: Lediglich 11 Prozent denken, dass sich ein einziger alternativer Antrieb durchsetzt – dabei gehen die meisten von Elektroautos aus (etwa 60 Prozent). Etwas mehr als ein Drittel (35 Prozent) erwartet jedoch, dass mehrere Alternativen parallel verfügbar sind und Verbrennerfahrzeuge ablösen. Eine Option ist dabei in der Regel Elektromobilität – aber auch Wasserstoff und E-Fuels sehen viele Befragten als wahrscheinlich an und erwarten diese Kombination für 2035.

Das ist insofern überraschend, als dass im vergangenen Jahr rund eine halbe Million Elektroautos neu zugelassen wurden und heute bereits mehr als zwei Millionen Elektroautos auf den Straßen Deutschlands unterwegs sind, aber weniger als 2000 Wasserstofffahrzeuge. Zudem weisen Expert:innen immer wieder darauf hin, dass die Herstellung von E-Fuels deutlich teurer und weniger effizient ist als die direkte Nutzung von Strom für Elektromobilität.

E-Mobilität ist keine technische, sondern eine kommunikative Herausforderung

Es zeigt sich einmal mehr: Die Elektromobilität steht in Deutschland weniger vor einer technischen als vor einer kommunikativen Herausforderung. Sie hat großes Potenzial, den Verkehr klimafreundlicher zu machen und die Industrie in Deutschland und Europa zu stärken. Verlässliche Rahmenbedingungen, klare Zielbilder und nachvollziehbare Maßnahmen können das Vertrauen in die Mobilitätswende und auch in die Elektromobilität erhöhen.

Die Ergebnisse aus der aktuellen MobilKult-Welle zeigen im Vergleich zu den Vorjahren die Verunsicherung hinsichtlich der zukünftigen Verfügbarkeit alternativer Antriebe auf. Dem entgegenzustellen ist, dass kürzlich zumindest ein Anstieg im allgemeinen Interesse der Teilnehmenden der MobilKult-Studie an Elektromobilität zu verzeichnen sei.

Die Kaufintention ist jedoch weiterhin gering. Möglicherweise kann hier die kürzlich wieder eingesetzte Prämie für den Neukauf von Elektroautos eine positive Entwicklung auslösen. Aus anderer Forschung wissen wir, dass ein kluger Mix aus verschiedenen Politiken sowohl die Glaubwürdigkeit der Bevölkerung in Zukunftskonzepte als auch den Hochlauf der Elektromobilität stärken kann.

Quelle: Fraunhofer ISI – Pressemitteilung vom 02.03.2026

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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