Ex-VW-Vorstand Stackmann: Deutsche Autohersteller müssen schrumpfen, um zu wachsen

Ex-VW-Vorstand Stackmann: Deutsche Autohersteller müssen schrumpfen, um zu wachsen
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Volkswagen

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Jürgen Stackmann zählt zu den bekanntesten Automanagern Deutschlands. Unter anderem war er im Vorstand der Hersteller VW, Seat, Skoda und Ford tätig. Seit 2021 leitet er das Future Mobility Lab des Instituts für Mobilität an der Universität St.Gallen, zudem sitzt er in mehreren Aufsichtsräten. In einem Interview mit dem Manager Magazin erklärte der Branchenkenner, was die Transformation der Automobilindustrie für Unternehmen wie auch Endkunden mit sich bringen dürfte.

Deutschlands Autoindustrie sei „am ‚fettesten‘ Punkt ihrer bisherigen Entwicklung angekommen“, erklärt Stackmann zu Beginn des Interviews. Die deutschen Hersteller hätten mehrere erfolgreiche Jahrzehnte hinter sich und „große Strukturen und Werkskapazitäten in Deutschland“ aufgebaut, die nun zum Bremsklotz der Transformation mutieren. Volkswagen sei „in den letzten 20 Jahren durch den großen globalen Erfolg wie ein Hefekuchen aufgegangen“, so der Experte, wovon „ganze Regionen und Städte stark profitiert“ hätten. Diese Wachstumsphase sei nun aber vorbei, das Geschäftsmodell müsse „adjustiert und neu aufgebaut werden“. Es müsse „einiges“ abgebaut werden, „bevor es wieder aufwärts gehen kann“, sagt Stackmann. „Es hilft nichts, diese Entwicklung zu ignorieren.“

Erschwerend hinzu kommen die seit Anfang 2025 deutlich schärferen CO2-Grenzwerte der EU, die Hersteller einhalten sollten, wenn sie Strafzahlungen vermeiden wollen. „2025 wird für alle Beteiligten ein alles andere als lustiges Autojahr“, sagt Stackmann. Vor allem mit E-Autos können Hersteller auf Kurs CO2-Ziel kommen, er geht daher von einem „Jahr der Elektrorabatte“ aus. Die Angebotspreise für Elektroautos seien „schon 2024 um 10 bis 15 Prozent gegenüber 2023 gesunken“, sagt der ehemaliger Topmanager und erwartet weitere Preissenkungen für E-Autos „noch einmal um 5 bis 10 Prozent“. Umgekehrt vermutet er, „dass die Preise für Verbrennermodelle im Laufe des Jahres sogar steigen werden, um in Summe die Profitabilität zu stützen.“

Am faktischen Aus für Verbrenner in der EU, wenn die Neuwagenflotte von Autoherstellern kein CO2 mehr emittieren darf, gebe es „keine Notwendigkeit“, es zu hinterfragen. Zumal die Hersteller „massiv in neue Technik und elektrifizierte Produkte“ investieren. Was die Politik allerdings nicht ignorieren sollte, sei „wenn VW Werksschließungen androht und Zulieferer Tausende Stellen streichen“. Hier sollte „Berlin und Brüssel reagieren“, findet Stackmann.

„Solche Autos kommen halt nicht am ersten Tag“

Beispielsweise schlägt er als kurzfristige Hilfe vor, Strafzahlungen im Jahr 2025 auszusetzen. Langfristig sollte die EU den Erfolg der Elektromobilität auf Kurs bringen, indem sie „für niedrigere Nutzungskosten“ sorge und den Aufbau von Ladeinfrastruktur beschleunige. Aber auch die Hersteller sind in der Pflicht, sagt Stackmann, und verweist auf die nun mehr und mehr werdenden günstigen Modelle europäischer Autohersteller für weniger als 25.000 Euro, mit weiterer Tendenz zu Preisen unterhalb von 20.000 Euro. Das sei „ein normaler Skalierungseffekt, der gerade bei neuer Technik Zeit“ benötige, ordnet er ein. „Solche Autos kommen halt nicht am ersten Tag, sondern am Ende der ersten Elektrogeneration.“

Die grundsätzliche strukturelle Schieflage aber bleibe bestehen, sagt Stackmann im Interview: „Wir werden jetzt einige Jahre mit historisch schlechter Profitabilität bei unseren europäischen Automobilherstellern erleben“, sagt er, was auch daran liege, dass vor allem die deutschen Autohersteller in China nicht mehr so viele Autos verkaufen, wie es einst der Fall war: „Das Spiel ist vorbei“, sagt Stackmann. Für Wachstum müssen die Hersteller auf neue Märkte blicken wie Indien, der Mittlere Osten, Asien/Pazifik und die USA.

Richtig sei aber, dass sich die deutschen Automobilhersteller „in China neu aufstellen, das haben alle begriffen.“ Kooperationen, wie sie etwa Volkswagen mit SAIC, XPeng oder Horizon Robotics vereinbart hat, seien „genau richtig“. Man könne „keine Volumenautos mehr aus Deutschland für China entwickeln, man muss in China für China arbeiten.“ Das Gleiche werde „wohl bald auch für die USA gelten“, wenn Donald Trump wie angekündigt die Zollschranken erhöht. Die höheren Zölle der EU auf Elektroauto-Importe aus China hält Stackmann indes für „keine gute Idee. China wird mit Sicherheit antworten, sollten sich die Zölle hier manifestieren“. Und zu leiden hätte dann „primär die deutsche Autoindustrie, gerade die Premiumhersteller.“

Quelle: Manager Magazin – „Deutschlands Autoindustrie ist am fettesten Punkt angekommen“

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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