Sofortprogramm „Saubere Luft“: Erfolg oder Luftnummer?

Sofortprogramm „Saubere Luft“: Erfolg oder Luftnummer?
Copyright:

shutterstock / Lizenzfreie Stockfotonummer: 110939168

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Satte 1,5 Milliarden Euro liegen in einem Fördertopf, mit dem die Bundesregierung für bessere Luft in stickstoffgeplagten Innenstädten sorgen will. 250 Millionen Euro davon kommen von den Autoherstellern. Mit dem Geld sollten eigentlich Maßnahmen finanziert werden, die dort Fahrverbote vermeiden sollten, wo die Luft zu stark mit gesundheitsschädlichem Stickstoffdioxid (NO2) belastet ist. Städte könnten die Fördermittel zum Beispiel für digitale Systeme zur Verkehrsleitung gegen Staus, die Nachrüstung von Diesel-Bussen oder die Anschaffung elektrischer Busse verwenden.

Vom „Sofortprogramm Saubere Luft“, das vor mittlerweile zwei Jahren ins Leben gerufen wurde, sind nach Angaben der Bundesregierung bisher nur magere 15,6 Millionen Euro abgerufen worden, berichtet das Handelsblatt. Weitere 748,2 Millionen Euro an Fördermitteln seien zwar bereits gebunden und für konkrete Projekte reserviert, die die Partei „Die Grünen“ auf Anfrage vom Verkehrsministerium erfuhr. Dieses Geld erhalten die Kommunen allerdings erst dann, wenn ein Projekt abgeschlossen ist und die Rechnung vorgelegt wurde.

Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer nennt diese Zwischenbilanz deshalb ein „politisches Armutszeugnis“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur (DPA): „Die vor zwei Jahren unter großem Tamtam beschlossenen Maßnahmen der Bundesregierung sind kurzfristig nutzlos. Es wird auch noch einige Jahre brauchen, bis wirklich nennenswerte Beträge abfließen.“ Er vermisse erkennbar nachdrückliches Bemühen, Fahrverbote zu verhindern und die Luft in den belasteten Straßenzügen zu verbessern. Im Verkehrsministerium hingegen ist man der Meinung, dass sich aus der geringen Summe der ausbezahlten Fördergelder nicht auf den Erfolg des „Sofortprogramms Saubere Luft“ schließen lasse. Immerhin ist die Hälfte des Betrages bereits reserviert.

Nach „Anlaufschwierigkeiten“ läuft es nun besser

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, bestätigte der DPA, dass es zu Beginn „einige Anlaufschwierigkeiten“ gegeben habe. Zwar laufe die Maßnahme nun besser, da das Verkehrsministerium die Programme übersichtlicher angelegt habe. Es gebe aber noch immer einige Probleme, zum Beispiel beim Management der Anträge. Aufgrund der Struktur der Förderung seien die zuständigen Stellen der Kommunen „über Gebühr belastet“ gewesen. Kurzfristig dürfte dies auch noch zu blieben, meint Dedy.

Kritikern wie dem Grünen-Politiker Krischer entgegnet Dedy, dass für die Umsetzung so eines Förderprogramms ein wenig Geduld nötig sei: Schließlich brauchen die Städte „Vorlauf, Planungen, politische Beschlüsse und finanzielle Absicherung im Haushalt“.

Auch der Städte- und Gemeindebund in Person des Hauptgeschäftsführers Gerd Landsberg zeigt sich zufrieden mit dem Sofortprogramm. Die Fördermaßnahmen würden „mit hoher Priorität umgesetzt“, sagte er der DPA.

Weitaus mehr Maßnahmen notwendig

Einig sind sich Dedy und Landsberg auch darin, dass Städte beim Verkehr für noch größere Aufgaben noch mehr Unterstützung brauchen: Wolle die „Mobilitätswende“ beschleunigt werden, müssen etwa mehr alternative Antriebe bei Bussen und Pkw eingesetzt werden sowie der Ausbau von Rad- und Fußwegen beschleunigt werden.

Der Städtetag-Chef Dedy sieht für nachhaltige Mobilität einen enormen finanziellen Bedarf: Er spricht von zwei Milliarden Euro pro Jahr über „mindestens zehn Jahre“. Zudem müssten sowohl der Bund als auch die Länder und Kommunen ihre Anstrengungen „deutlich intensivieren“.

Und auch die Autohersteller nimmt Dedy in die Pflicht: Denn um die Stickoxid-Belastung zu verringern, sei die Hardware-Nachrüstung älterer Diesel durch die Autohersteller dringend geboten. Dieser Meinung ist auch Grünen-Politiker Krischer: Nur mit zusätzlichen Nachrüstungen der Abgasreinigung am Motor anstatt lediglich Anpassungen der Software vorzunehmen, könne es eine kurzfristige Besserung der Schadstoffwerte geben.

Quelle: Handelsblatt – Fördermittel: Erst 15,6 Millionen Euro von Milliarden-Programm für „saubere Luft“ abgerufen

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

KI-Boom treibt Speicherchip-Preise für Autobauer hoch

KI-Boom treibt Speicherchip-Preise für Autobauer hoch

Sebastian Henßler  —  

Tech-Konzerne kaufen den Chipmarkt leer, die Autobranche zahlt drauf. Einzelne Speicherbausteine sind bis zu 400 Prozent teurer geworden.

Europa liegt beim E-Auto-Absatz nur drei Jahre hinter China zurück

Europa liegt beim E-Auto-Absatz nur drei Jahre hinter China zurück

Michael Neißendorfer  —  

Hält Europa an seinen CO2-Grenzwerten fest, könne es den Rückstand auf China noch vor 2030 aufholen und den Ölverbrauch im Verkehrssektor drastisch senken.

Tozero gewinnt in Bayern Lithium aus alten Batterien zurück

Tozero gewinnt in Bayern Lithium aus alten Batterien zurück

Sebastian Henßler  —  

Tozero verarbeitet jährlich 1500 Tonnen Batterieabfälle und gewinnt daraus Lithium, Graphit und Nickel-Kobalt zurück. Die Kosten liegen unter Bergbauniveau.

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Michael Neißendorfer  —  

Eine aktuelle Befragung zeigt: Die Deutschen wechseln verstärkt vom Verbrenner zum Elektroauto – und fordern von der Politik mehr Initiative für E-Mobilität.

SolidCore: Was hinter MGs Batterieversprechen steckt

SolidCore: Was hinter MGs Batterieversprechen steckt

Sebastian Henßler  —  

MG will als erster Automobilhersteller eine Semi-Solid-State-Batterie in Großserie nach Europa bringen. Der Hochlauf läuft, doch manche Fragen bleiben offen.

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Michael Neißendorfer  —  

Verbände und Experten lassen kein gutes Haar am neuen „Klimaschutzprogramm“ der Bundesregierung. Wirklich neues habe es gar nicht zu bieten.

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

Sebastian Henßler  —  

VDIK-Präsidentin Labbé schlägt eine staatliche Ladekarte mit Guthaben vor. Damit ließen sich Tarifchaos und umständliches Laden auf einen Schlag beseitigen.