Trotz schwächelnden Absatzes: Polestar-CEO sieht Marke in „sehr guter Position“

Trotz schwächelnden Absatzes: Polestar-CEO sieht Marke in „sehr guter Position“
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Polestar

Felix Katz
Felix Katz
  —  Lesedauer 7 min

Polestar will deutschen Premiumherstellern wie BMW oder Mercedes Konkurrenz machen und Marktanteile abluchsen. Allerdings habe die schwedische Automarke in diesem Jahr ihr Verkaufsziel verfehlt und der Aktienkurs sich seit Januar mehr als halbiert, heißt es in einem Bericht der Wirtschafts Woche. Im Interview spricht der deutsche CEO Thomas Ingenlath ausführlicher über die aktuelle Lage.

Polestar war einst die Tuningabteilung von Volvo, bis sie im Jahr 2010 vom chinesischen Hersteller Geely übernommen wurde. Im Jahr 2017 wurde sie dann zur eigenständigen Marke umfirmiert – mit dem Ziel, Elektroautos mit europäischem Design herzustellen.

Während die Fahrzeuge in Fernost produziert werden, sei die Optik auch das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu anderen chinesischen Herstellern, betont Polestar-CEO Thomas Ingenlath im Gespräch mit der Wirtschafts Woche. „Sie macht uns als europäische, als skandinavische Marke aus, und sie unterscheidet uns von chinesischen Elektroautomarken. Wie man aus einem Rohmaterial eine Maschine formt, in der alles so sorgfältig ineinandergreift wie in einer feinen Uhr, wie ein Produkt entsteht, das ein Premiumgefühl vermittelt, das ist europäische Ingenieurskunst“. Dabei würde er auch nie behaupten, dass Polestar ein Mobiltelefon auf Rädern ist, wie er weiter zu verstehen gibt. Trotzdem räumt er ein, dass es noch Raum für Verbesserungen gebe und dass Polestar Nachholbedarf habe.

„Davon können wir in Europa nur träumen“

Ingenlath verweist dabei auf ein kürzlich geschlossenes Joint Venture mit Meizu, einem Smartphone- und Elektronikhersteller. Diese Kooperation soll nicht nur zur Einführung eines eigenen Telefons für den chinesischen Markt führen, sondern auch zur Entwicklung eines eigenen Betriebssystems für Polestar-Fahrzeuge. Der Polestar-Chef zeigt sich im Interview beeindruckt von der Entwicklungs-Geschwindigkeit, mit der sie in China vorankommen: „Davon können wir in Europa nur träumen“, gibt er zu.

Der Polestar 2 markiert das erste vollelektrische Modell der Schweden. Das neue Modelljahr 2024 (hier zu sehen) soll laut Hersteller aufgrund von Verbesserungen wie größeren Batterien und neuen Motoren jetzt bis zu 22 Prozent weiter fahren, bis zu neun Prozent weniger Energie verbrauchen und bis zu 34 Prozent schneller laden | Bild: Polestar

Laut einer Pressemitteilung zu Beginn dieses Jahres rechnete Polestar mit einem Anstieg des weltweiten Absatzes um fast 60 Prozent auf etwa 80.000 Fahrzeuge, angetrieben durch den starken Verkauf des Polestar 2 und später im Jahr durch die ersten Auslieferungen des Polestar 3. Und das, nachdem der Autobauer 2022 in Deutschland 7008 Fahrzeuge zugelassen hatte – eine Steigerung von 166,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bestätigte Polestar damals in seiner Jahresbilanz als schnellst wachsende Marke auf dem deutschen Markt. Kein anderer Hersteller konnte seinen Absatz im Vergleich zum Vorjahr so stark ausweiten wie die schwedische Elektromarke. Seit Marktstart im Sommer 2020 hat sich das Unternehmen hierzulande erfolgreich etabliert. Dieser Anstieg wurde durch die starke Nachfrage sowohl im Endkonsumenten- als auch im Flottenbereich begünstigt, da immer mehr Unternehmen und Privatkunden auf reine Elektroautos umstiegen.

„Die Branche erlebt einen Abschwung“

In Bezug auf die Prognose für Fahrzeugauslieferungen erklärt Ingenlath, dass das ursprüngliche Ziel von 80.000 Fahrzeugen bereits im Frühjahr auf 60.000 gesenkt wurde. Die Verzögerung beim neuen Modell Polestar 3 und die schwierige Marktsituation nennt er als Gründe hierfür. Polestar bevorzuge es, gesunde Geschäfte zu machen und den Wert ihrer Fahrzeuge hochzuhalten, auch wenn dies bedeutet, auf Marge zu verzichten. Ingenlath betont, dass Polestar kein Massenhersteller sei.

Angesprochen auf die schleppende Nachfrage nach Elektroautos und den aktuellen Abschwung in der Elektroautoindustrie, betont er, dass dies das erste Mal sei, dass die Branche einen Abschwung erlebe. Dennoch glaube er nicht, dass die E-Mobilität dem Niedergang geweiht ist. Dennoch: Dass die Bundesregierung quasi über Nacht beschlossen hat, die E-Auto-Förderung umgehend zu kappen, dürfte die Situation für Hersteller nicht einfacher machen. Auf diese wächst der Druck, ihre Absatzziele zu erfüllen.

Ingenlath erklärt, dass sich nun die Spreu vom Weizen trennen werde. Über Erfolg und Niederlage werde die finanzielle Lage der Unternehmen entscheiden, um diese schwierigen Zeiten zu überstehen, glaubt der CEO.

Trotz schwächelnden Absatzes: Polestar-CEO sieht Marke in "sehr guter Position"
Der nächste Wurf der Schweden hört auf den Namen Polestar 4: Vor kurzem hat die Produktion des SUV-Coupés begonnen, erste Auslieferungen an Kunden in China werden noch vor Ende 2023 erwartet. Die offizielle Markteinführung in allen anderen Märkten sei für Anfang 2024 geplant | Bild: Polestar

„Wir sind in einer sehr guten Position“

Polestar gehöre zu den Marken, die sich in einer „sehr guten Position“ befinden, heißt es weiter. Ingenlath gibt dabei Einblicke in die Anpassungen des Geschäftsplans und das Ziel, bis 2025 den Break-even beim Cashflow zu erreichen. Trotz verfehlter Verkaufsziele in diesem Jahr zeigt er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche Vertrauen in das gute Produktportfolio von Polestar, das bereits erhebliche Investitionen erhalten habe. Er betont die finanzielle Unterstützung durch starke Gesellschafter und zeigt Zuversicht: „Wir haben starke Gesellschafter und wissen, wie wir die 1,3 Milliarden Dollar, die wir bis zum Break-even benötigen, aufbringen können“.

Auf die Frage nach der verstärkten Ausrichtung einiger Konkurrenten auf Hybridfahrzeuge reagiert Ingenlath amüsiert. Er erinnert daran, dass Polestars erstes Modell, der Polestar 1, ein Hybridfahrzeug war, um Kunden für Elektrofahrzeuge zu gewinnen. Der 59-Jährige betont jedoch, dass die Marke mittlerweile über den Hybridansatz hinausgegangen sei und dass die Besitzer des rein elektrischen Polestar 2 mit Reichweite und Effizienz „sehr zufrieden“ seien. Derzeit sehe er keinen Bedarf für neu entwickelte Plug-in-Hybride, zumal er diese als Rückschritt sehe. Er persönlich empfinde Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor als „uralt„, betont jedoch, dass Polestar nicht dogmatisch sei und er grundsätzlich auch nichts für alle Zeiten ausschließen würde.

Der nächste große Meilenstein für Polestar war der Einstieg in das SUV-Segment, eines der wachstums- und margenstärksten Segmente in der Automobilindustrie. Dieser geschah mit der weltweiten Einführung des Polestar 3, der bereits seit Oktober 2022 bestellbar ist. Darüber hinaus hat erst vor kurzem die Produktion des Polestar 4 begonnen, erste Auslieferungen an Kunden in China werden noch vor Ende 2023 erwartet. Die offizielle Markteinführung in allen anderen Märkten sei für Anfang 2024 geplant.

SUVs hätten trotz des schlechten Rufes hinsichtlich der Umweltverträglichkeit ihre Daseinsberechtigung, da es viele Kunden gebe, die gern höher über der Straßen sitzen möchten, sagt Ingenlath. Außerdem arbeite man laut des Managers aktiv daran, den CO2-Fußabdruck der Fahrzeuge zu reduzieren, beispielsweise durch neue Materialien oder Produktionsverfahren. „Aber man wird der Welt niemals beibringen, dass SUVs schlecht sind und man sie nicht fahren sollte“, glaubt der Manager.

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Polestars Produktportfolio bis 2026: Polestar 2, 3 und 4 gibt es bereits, noch folgen sollen ein viertüriger GT namens Polestar 5 (zweiter v. l.) und ein zweistziger Roadster namens Polestar 6 (erster v. l.) | Bild: Polestar

Polestar braucht kein eigenes Ladenetz

Polestar möchte mit deutschen Premiummarken wie Mercedes und BMW konkurrieren, zeitweise lagen die Absatzzahlen des Polestar 2 sogar über denen des BMW i4 und Mercedes EQA. Um weiterhin wettbewerbsfähig zu sein, stelle sich die Frage nach einem eigenen Ladenetz, so die WirtschaftsWoche. Doch Ingenlath erklärt, dass dies vom Markt abhängen würde. In Europa sehe er dafür kein Bedürfnis, da es bereits viele Anbieter und gute Ladenetz gebe, mit denen Polestar kooperiert.

In China sei das allerdings anders: „Dort erwarten die Kunden, wenn sie beispielsweise in eine Shoppingmall fahren, dass ihnen exklusives Parken und Laden offeriert wird, als Premiumservice.“ Apropos China: Das angespannte Verhältnis zwischen Fernost und dem Westen scheint er so locker nicht zu sehen. Er betont die starke internationale Verflechtung und die potenziellen Schwierigkeiten, die für alle Unternehmen entstehen würden, wenn es zu einer Erschütterung – etwas durch einen Handelskonflikt – kommen sollte.

So oder so blickt Polestar zuversichtlich in die Zukunft und plant, bis 2026 ein Produktportfolio aus fünf Performance-Elektroautos aufzubauen. Der Polestar 2 wurde 2019 als elektrischer Fastback eingeführt, Mitte dieses Jahres wurde er im Zuge des Modelljahres 2024 hinsichtlich Reichweite, Effizienz, Leistung und der CO2-Bilanz nachgebessert. Zudem plane das Unternehmen für 2025 einen viertürigen GT, den Polestar 5, sowie einen elektrischen Roadster, der die „6“ im Namen tragen wird. Und im Rahmen des Polestar-0-Projekts verfolge das Unternehmen nach eigenen Angaben auch das Ziel, bis 2030 ein „wirklich klimaneutrales Serienauto“ zu entwickeln.

Quellen: Wirtschafts Woche – „Es ist das erste Mal, dass die Elektroautoindustrie einen Abschwung mitmacht“ / Polestar – Pressemitteilungen vom 15.11.2023, 16.01.2023 und 22.11.2022

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Felix Katz

Felix Katz

Felix Katz liebt alles, was vier Räder und einen oder gleich mehrere Motoren hat. Nicht nur Verbrenner, sondern vor allem Elektroautos haben es ihm angetan. Als freiberuflicher Autojournalist stromert er nicht nur fast jeden Tag umher, sondern arbeitet seit über zehn Jahren für viele renommierte (Fach-)Medien und begleitet den Mobilitätswandel seit Tag eins mit.

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