Wie Oliver Blume Volkswagen wieder auf Kurs bringen will

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Michael Neißendorfer
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Volkswagen steckt tief in der Krise. Manche sagen, sie sei schwerwiegender als der Dieselskandal, da zum ersten Mal in der 87-jährigen Unternehmenshistorie Standorte in Deutschland geschlossen werden sollen. In einem Interview mit dem Handelsblatt spricht VW-Chef Olivier Blume über die turbulenteste Woche seiner Amtszeit – und wie er Deutschlands größten Autohersteller wieder auf Kurs bringen will.

Für die zukünftige Ausrichtung des VW-Konzerns habe Blume „klare Vorstellungen: Volkswagen soll zum weltweit führenden automobilen Technologiekonzern aufgebaut werden“, der die „besten Technologien und Services nachhaltig in die Gesellschaft“ bringen soll. Doch zuvor muss VW sich neu erfinden, und vor allem Kosten einsparen. An sich schon herausfordernd, hinzu kommt die Transformation hin zu E-Autos und ein generell schwieriges wirtschaftliches Umfeld, was einen Volumenhersteller wie VW besonders hart treffe. „Hinzu kommt, dass vor allem der Standort Deutschland bei der Wettbewerbsfähigkeit weiter zurückfällt“, konstatiert der VW-Konzernchef.

Bei den Kosteneinsparungen müsse VW „die gesamte Kette“ angehen: „Angefangen bei den Entwicklungskosten, Materialkosten, Herstellkosten, Fixkosten bis zu den Vertriebskosten“. Bis 2030 will VW wieder eine zweistellige Rendite einfahren, zuletzt lag sie bei der Kernmarke VW bei mageren 2,3 Prozent. Zehn Prozent oder mehr seien „ehrgeizig realistisch“, sagt Blume, und „kein Selbstzweck. Wir brauchen diese höheren Ergebnisse, damit wir genügend Kraft und finanzielle Mittel haben, um auch zukünftig investieren zu können. Um damit Wettbewerbsfähigkeit und auch Arbeitsplätze zu sichern.

Laut Gerüchten sollen zwei Standorte von VW in Deutschland schließen, besonders gefährdet sind demnach kleinere Standorte wie Dresden und Osnabrück. Blume sagt, darüber „nicht öffentlich spekulieren“ zu wollen. Die Volkswagen-Führungsriege rund um Blume und VW-Markenchef Thomas werde „sich die Zukunftsfähigkeit genau anschauen und zusammen mit den Arbeitnehmervertretern mögliche Maßnahmen besprechen.“

„Wir müssen und werden Volkswagen zukunftssicher aufstellen“

Entscheidend“ sei, dass Management und Belegschaft „den Weg gemeinsam gehen. Wir alle tragen Verantwortung für die Menschen in unserem Unternehmen“, sagt Blume im Handelsblatt-Interview. „Deshalb müssen und werden wir Volkswagen zukunftssicher aufstellen“. Der Vorstand sei sich bereits einig über „den gemeinsamen Kurs“. Die Basis dafür sei trotz aller Herausforderung gelegt, findet der Konzernchef: „Wir haben in allen Marken des Volkswagen-Konzerns erstklassige Produkte auf den Weg gebracht, wir haben China neu aufgestellt und wegweisende Software-Partnerschaften initiiert“, so Blume. Jetzt sei es an der Zeit, „in die nächste Phase überzugehen. Dazu gehört, die strategischen Weichenstellungen operativ umzusetzen, aber auch weiter hart an der Performance und den Kosten zu arbeiten.“

VW habe „den Anspruch, ganz vorn mitzuspielen“, müsse aber auch „Rückstände ausgleichen“, wie Blume einräumt, etwa beim leidigen Thema Software, bei dem der gesamte Konzern schon seit Jahren hadert und weswegen sogar Modelleinführungen verschoben werden mussten. Den „Anspruch, alles allein zu machen“, habe VW daher aufgegeben, „das zeigen die Kooperationen mit Xpeng in China und global mit Rivian. Mit beiden Partnerschaften haben wir das Potenzial, schneller voranzukommen und zukünftig neue Maßstäbe zu setzen“.

Entscheidend für die Zukunft sei, „mit einem Gesamtpaket führender Technologien und Services“ die Kunden „zu begeistern. Mit mehr Geschwindigkeit in der Entwicklung und geringeren Kosten pro Fahrzeug“, so Blume. Den Anspruch, in der Software oder der Batterietechnologie weltweit führend zu sein, habe Volkswagen dabei allerdings nicht. „Wir müssen in der Breite überzeugen, ähnlich wie ein Zehnkämpfer“, umschreibt Blume diesen Ansatz. Ein Zehnkämpfer sei „der kompletteste Athlet, in einigen Disziplinen herausragend und in anderen vorn dabei“. Und wo nötig, hole VW sich „die Unterstützung starker Partner. Was zählt, ist letztlich das gesamte Paket, die bestmögliche Lösung für unsere Kunden inklusive der Services zu attraktiven Preisen.“

„Wir wollen die besten Elektroautos der Welt anbieten“

Ein großer Vorteil für Volkswagen sei, „konzernübergreifende Synergien und Skaleneffekte“ quer über alle Marken erschließen und nutzen zu können. Bei der Elektromobilität, die Blume als „die automobile Technologie der Zukunft“ bezeichnet, strebe VW die „Technologieführerschaft“ an und habe „den Anspruch, die besten Elektromobile der Welt anzubieten“.

Die Transformation dorthin verlaufe zwar momentan „langsamer, als viele Experten es vor Jahren erwartet hatten“. Sie entwickle sich „zudem in den einzelnen Weltregionen sehr unterschiedlich“, was man allerdings nicht allein aus deutscher Sicht beurteilen dürfe: „In Teilen Europas wie Frankreich oder Großbritannien nimmt die E-Mobilität deutlich Fahrt auf, ebenso in China mit zuletzt erstmals mehr als 50 Prozent der Neufahrzeuge.“ Das zeige sich auch in den Bestellbüchern: „Unsere Auftragseingänge für Elektrofahrzeuge haben sich in Europa in 2024 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt.

Quelle: Handelsblatt – „Wir müssen Volkswagen robuster aufstellen“

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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